Eschweiler - Unterwegs auf den Ozeannen dieser Welt

Unterwegs auf den Ozeannen dieser Welt

Von: Stefan Herrmann
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Ein Leben, für das man geboren sein muss: In ihrer Studien- und nun Arbeitszeit hat Frauke Berg bereits dreimal die Welt umrundet - inklusive der Flüge zu den Häfen, wo der Frachter sich gerade befindet.

Eschweiler. Von Aachen in die weite Welt. Als Stadt im Herzen Europas sollte der Sprung doch gerade von diesem Flecken Erde gelingen. Oder ist die Städteregion doch eher ein Platz in der Provinz, im Nirgendwo? Frauke Berg hat sich darüber nie wirklich Gedanken gemacht.

In Kinder und Jugendtagen ist sie gesegelt - auf dem Rursee. Sie hat ihr Abitur gemacht am Städtischen Gymnasium in Eschweiler. Eigentlich wollte sie anschließend Medizin studieren, doch die Hürde „Numerus Clausus” war noch zu hoch. Daher begann sie eine Ausbildung als pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA), half im Hygiene-Institut ihres Vaters aus, arbeitete zeitweise in der Apotheke.

Heute ist die 27-Jährige auf den Ozeanen der Welt zuhaus. Fährt für die deutsche Handelsmarine vollbeladene Schwergufrachter von den USA nach Australien, von Asien nach Afrika. Von Aachen in die weite Welt. Ein Sprung, der ihr gelungen ist.

Das Einmaleins der Segelschule

Wasser spielte von Anfang an eine Rolle in Frauke Bergs Leben. Der Vater ist begeisterter Segler. Beim Yachtclub Rursee (YCR) in Woffelsbach lernte die damals sechsjährige Frauke das Einmaleins der Segelschule. Mit 14 Jahren machte sie den A-Schein (Sportbootführerschein Binnen), zwei Jahre später den dazugehörigen Motorteil. Die Gymnasiastin engagierte sich als Jugendsprecherin im Verein, fuhr mit ihrem Vater Regatta - die klassische Hobby-Segelkarriere. Da sie auch noch im Karnevalsverein Eschweiler Scharwache aktiv war, lautete ihr Jahresplan lapidar: „Im Sommer segeln, im Winter tanzen”. Das war damals, bevor sie eigentlich Medizin studieren wollte, dann PTA wurde, um schlussendlich auf dem Meer zu landen.

Vor einigen Monaten: Langsam füllt sich der riesige Frachtraum. Chinesische Arbeiter wirbeln herum, befüllen emsig die „Beluga Revolution”. Das Alles wirkt ein wenig chaotisch, doch hier steckt ein Plan dahinter, genauer gesagt: der Verstand einer jungen Frau. Ungewöhnlich ist es für die meisten Seemänner und Hafenarbeiter aus aller Herren Länder schon, Kommandos von einer jungen Offizierin entgegen zu nehmen. Trotz des scheinbaren Chaos´ hat Frauke Berg aber alles im Griff in Shanghai, als sie dafür verantwortlich ist, dass sich der Schiffsbauch langsam mit Stahlkonstruktionen füllt.

Seit ihrem Studienabschluss als Diplom-Ingenieur für Seeverkehr mit Kapitänspatent an Deutschlands größter Seefahrtsschule in Elsfleth (Niedersachsen) arbeitet sie für die Bremer Reederei Beluga Shipping GmbH. Mit dem Mehrzweck-Schwergutfrachter „Beluga Revolution” - über 130 Meter lang und circa 23 Meter breit - wuchs sie sozusagen als „Seefrau” auf, machte bereits ihr erstes Praxissemester auf diesem Schiff. Als 3. Offizier war sie bis zum 26. November 2009 mit an Bord. Nun hat sie gerade gut zwei Monate Landurlaub, voraussichtlich an Aschermittwoch geht es wieder für vier Monate auf See.

In ihrer Studien- und nun Arbeitszeit hat sie bereits dreimal die Welt umrundet (inklusive der Flüge zu den Häfen, wo der Frachter sich gerade befindet). Ein Leben, für das man geboren sein muss. Ein Leben, das für die 27-jährige gebürtige Aachenerin genau das Richtige zu sein scheint. Ist man da als Frau unter rauen Seemännern nicht ein Exot? „Vielleicht ein wenig”, sagt sie. Aber eigentlich zähle die Qualifikation, und die hat sie. Das Leben aus dem Koffer hat sie mittlerweile gelernt. 40 Kilogramm darf sie bei jeder Airline der Welt mitnehmen, wenn sie ihr Seefahrtbuch vorlegt. Ein Traum für Pauschaltouristen, aber Frauke Berg muss für über 120 Tage damit auskommen.

Ein erstes Ausrufezeichen

19 Prozent betrug die Frauenquote in ihrem Studiengang. Ein erstes kleines Ausrufezeichen in der bisherigen Männerdomäne „Seefahrt”. Am Warensortiment des Kiosks in der Schiffsmesse hat dies allerdings noch nichts geändert: Chips, Bier, Wodka und Zahnpasta gibt es. Hygieneartikel für die Frau sucht man vergebens. „Da muss ich dann stets daheim für vier Monate im Voraus planen.”

Mit der „Beluga Revolution” ist sie auf so genannter Trampfahrt. Entgegen einer festen Linienfahrt schifft die knapp 20 Mann (inklusive Kadetten, denn die Revolution ist gleichzeitig das Ausbildungsschiff der Reederei) starke Crew dorthin, wo sie kurzfristig gebraucht wird. Das heißt, man erfährt meist erst beim Löschen der Ladung im Hafen, wohin die Reise geht. Südafrika und Nordamerika, durch den Panamakanal nach Australien und Asien und weiter durch den persischen Golf in den Suezkanal (hier muss bzw. soll die junge Deut- sche den arabischen Gepflogenheiten entsprechend Kopftuch tragen) - es gibt nur wenige Winkel der Welt, dem sie sich noch nicht genähert hat.

An Land führt der erste und oftmals einzige Weg aber meist nur zum nächsten Supermarkt. Touristenausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der Hafenstädte stehen nicht in der Arbeitsbeschreibung. Der Alltag an Bord läuft im Vier-Stunden-Rhythmus. „Da lernt man den Nachmittagsschlaf zu schätzen”, sagt sie lapidar. Die Freizeitmöglichkeiten sind begrenzt: Schlafen, lesen, Filme gucken. „Man fängt auch wieder an, Briefe zu schreiben”, sagt eine Leidgeplagte, die mehrere hundert Dollar teure Handyrechnungen nur zu gut kennt.

All das, auch die monatelange Abstinenz von Familie und Freund (er studiert glücklicherweise ebenfalls Seefahrt) nimmt sie billigend in Kauf für ihren Traumjob. Navigieren, technisches Know-how, der Umgang mit vielen Menschen und Kulturen, das Leben auf See - für Frauke Berg eine perfekte Kombination. Und: „Egal wie lange man fährt, ich finde Sonnenuntergänge auf dem offenen Meer einfach immer noch geil.”

Was passierte eigentlich damals, als sie 2004 ihre Ausbildung zur PTA in der Tasche hatte und weiterhin auf einen Medizin-Studienplatz wartete? Damals kam die gebürtige Aachenerin langsam ins Grübeln. Sollte das ihr Weg sein? Medizin. Im Internet surfte sie nach Alternativen. Auf der Homepage der Uni Dortmund wurde sie fündig: eine alphabetische Auflistung von Studiengängen in Deutschland.

A wie Archäologie? „Interessant, aber die Verdienstmöglichkeiten sind doch eher schlecht.” O wie Ozeanographie? „Da machte es langsam klick. Der Forschungsalltag aber bedeutet: Drei Monate auf See, dann drei Jahre vor dem PC zum Auswerten. Ich wollte es genau umgekehrt.” Schließlich landete ihr Maus-Cursor auf S wie Seefahrt. Ein Funkeln trat in ihre Augen, die Anfangsverse des berühmten Gedichts „Sea Fever” von John Masefield schwirrten ihr durch den Kopf: I must go down to the seas again, to the lonely sea and sky, And all I ask is a tall ship und a star to steer her by” (Ich muss wieder hinab zum Meer, zum einsamen Meer und dem Himmel. Und ich brauche nur ein großes Schiff und einen Stern, nach dem ich steuern kann). Welche Studiengänge ab dem Buchstaben T auf der Homepage der Uni Dortmund standen, hat Frauke Berg nie erfahren.

In wenigen Monaten wurde ihr vager Plan Wirklichkeit. Bereits am 2. März 2005 ging sie für 182 Tage für ein erstes Praxissemester auf den Beluga-Frachter. In ihrer damaligen Bewerbung schrieb sie: „Dass die Arbeit an Bord anstrengend ist, vollen Einsatz fordert und mit Romantik wenig zu tun hat, ist mir bewusst.” Diese Frau scheint zu wissen, was sie will: Frauke Berg will irgendwann einmal Kapitän eines großen Ozeanfrachters werden. Dafür hat sie das Steuer fest in der Hand.
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