Unterkünfte für Obdachlose und Flüchtlinge: Dringender Sanierungsbedarf

Von: Jürgen Rombach
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In teilweise katastrophalem Zustand sind die Baracken an der Grachtstraße, die seit rund 20 Jahren als Notunterkünfte dienen. Foto: R. Müller
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Wesentlich besser sehen die Häuser an der Hüttenstraße aus, obwohl auch hier Bausubstanz und Ausstattung nicht heutigen Anforderung entsprechen. Foto: R. Müller
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Der Herr der (Schlüssel-)Ringe: Muzafer Ramadanov sorgt als einer der beiden Hausmeister in den städtischen Unterkünften für ein geordnetes Miteinander. Foto: R. Müller

Eschweiler. Auf dem Hof neben dem Gebäude an der Hüttenstraße stapeln sich ausrangierte Möbel. Sperrmüll. Ein Zeichen dafür, dass hier gerade wieder jemand ausgezogen ist. Ein gutes Zeichen. Denn das Haus an der Hüttenstraße ist eine von insgesamt acht städtischen Unterkünften an drei Standorten für Obdachlose und Flüchtlinge.

Wer hier wohnt, sieht zu, so schnell wie möglich wieder im freien Wohnungsmarkt Fuß zu fassen. Und das klappt ganz gut. „Die Fluktuation ist sehr groß“, bestätigt Jürgen Rombach, Sozialamtsleiter und Integrationsbeauftragter der Stadt Eschweiler. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die meisten Eschweiler Vermieter keine Ressentiments kennen. „Dass beispielsweise jemand nicht an Farbige vermietet, haben wir noch nie gehört.“

126 Personen sind derzeit in städtischen Unterkünften untergebracht. 23 Familien, 77 Männer, 49 Frauen. 83 von ihnen sind Flüchtlinge: 61 im laufenden Asylverfahren, 22 geduldet, weil niemand weiß, wohin man sie abschieben könnte.

Während Asylbewerber den Städten zentral zugewiesen werden, liegt der Fall bei deutschen Obdachlosen ganz anders. „In Deutschland darf sich jeder aussuchen, in welcher Stadt er sich obdachlos meldet“, so Rombach. So kommt es vor, dass sich Menschen, häufig mit „Mehrfach-Defiziten“ wie Schulden, Spielsucht, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit etc., die ihre Obdachlosenkarriere in einer ganz anderen Stadt begonnen haben, hier zur Unterbringung melden. Umso stolzer ist Rombach auf die erfolgreiche Präventionsarbeit der Stadt: „Allein im vergangenen Jahr haben wir erreicht, dass von 70 anstehenden Räumungsverfahren nur vier vollstreckt wurden.“

43 Obdachlose beherbergt Eschweiler derzeit. Viele davon jünger als 25 Jahre. Menschen, die die Hoffnung auf ein anderes Leben aufgegeben zu haben scheinen: „Deren Zimmer sind häufig vermüllt und verdreckt und stinken zum Himmel – so etwas werden sie bei einer Flüchtlingsfamilie nie erleben.“

Unter den Flüchtlingen, die an der Gracht-, Severin- und Hüttenstraße leben, sind Ungelernte wie auch Akademiker. Sie kommen überwiegend aus dem ehemaligen Jugoslawien, sind Serben, Mazedonier und Bosnier. Dazu Kurden, Syrer und Russen. Schwarzafrikaner sind kaum darunter. In 14 Tagen wird der erste Ägypter erwartet. Und aus dem Kontingent der 5000 Syrer, die die Bundesrepublik aktuell aufnimmt, kommt Mitte Dezember eine Familie mit sechs Kindern nach Eschweiler. Die allerdings besitzt bereits familiäre Bindungen nach Eschweiler. „Ich bin sicher, dass wir für die eine Wohnung auf dem freien Markt finden“, sagt Jürgen Rombach.

Die Menschen möglichst schnell in normale Mietverhältnisse zu bringen, das ist das Ziel des städtische Engagements. Schon deshalb, weil Mietzuschüsse die Stadt billiger kommen als die Kosten der städtischen Unterkünfte. Abgesehen von den Gebühren, die die Stadt sich quasi selbst für die Bereitstellung des Wohnraums in Rechnung stellen muss, fielen im vergangenen Jahr für die städtischen Unterkünfte Bauunterhaltungskosten in Höhe von 33.000 Euro an, wie Helmut Gühsgen, Leiter des Bauverwaltungsamts, erklärt. In diesem Jahr sind es bereits 41.000. Handwerksarbeiten werden mit eigenen, städtischen Leuten vorgenommen – das macht‘s günstiger. Andere Kommunen lassen ihre Notunterkünfte fremdbetreiben – ohne direkten Einfluss auf das Geschehen dort.

„Ein Notunterkunft ist kein Hotel“, betont Jürgen Rombach. Marode Gemäuer sind den Betroffenen allerdings nicht zuzumuten. Beispiel Grachtstraße: Dort wurde eine der dünnwandigen, mit Dachpappe gedeckten und nicht unterkellerten Baracken bereits ersatzlos abgerissen, in einer zweiten wurde eine Wohnung gesperrt, weil sie durch und durch feucht war. Die Wohnungen in den Laubenganghäusern an der Hüttenstraße sind zwar hell und freundlich, aber ebenfalls sehr dünnwandig, daher miserabel isoliert und zudem zum Teil noch mit teuren Nachtspeicherheizungen ausgestattet. Andere müssen mittels Kohleofen beheizt werden. Was überall auffällt, ist die Sauberkeit der Umgebung. Wer hier Müllhaufen erwartet hatte, sieht sich getäuscht. „Die meisten Leute wollen nicht im Dreck leben“, sagt Rombach. Und berichtet von einer Frau, die gerade aus der Unterkunft Hüttenstraße ausgezogen ist. In ein ganz normales Haus in der Nachbarschaft. „Sie hat mir gesagt, sie werde auch weiterhin ein Auge darauf haben, dass die Bewohner der Unterkunft den Müll richtig trennen.“

Für Ordnung und handwerkliche Hilfestellung sorgen auch zwei Hausmeister, die vor Jahren selbst in einer der städtischen Unterkünfte lebten und die Situaion dort bestens kennen. „Beides Roma, die inzwischen hier bestens integriert sind, deren polizeiliches Führungszeugnis absolut sauber ist, die sich nie etwas haben zu Schulden kommen lassen und deren Kinder sich längst als ,Eschweiler‘ bezeichnen“, begegnet Rombach gängigen Vorurteilen.

Die Zeiten, in denen Polizei und Ordnungsamt fast täglich in den Notunterkünften für Ruhe und Ordnung sorgen mussten, sind längst vorbei. In Zeiten ungesteuerten Zuzugs lebten noch mehr als doppelt so viele Betroffene in Unterkünften zum Beispiel an der Erf- und Preyerstraße, am Killewittchen und am Grünen Weg. Unterkünfte, die längst aufgegeben wurden. „Wir haben heute nirgendwo Probleme mit der Nachbarschaft, und auch untereinander kommen die Bewohner gut klar“, betont Rombach und verweist darauf, dass in unmittelbarer Nähe einer der Unterkünfte erst jüngst mehrere Einfamilienhäuser errichtet wurde. „Die Unterkunft und deren Bewohner halten die Leute also nicht davon ab, hierher zu ziehen.“

Trotz aller noch so erfolgreichen Bemühungen, obdachlos gewordene Mitbürger wie auch Asylbewerber in den normalen Wohnungsmarkt zu integrieren und damit auch der sozialen und gesellschaftlichen Integration der Leute Vorschub zu leisten: 150 Notunterkunftsplätze, so betont Eschweilers Beigeordneter Hermann Gödde, müsse die Stadt vorhalten. Ein Erfahrungswert.

Im kommende Jahr müsse überlegt werden, ob die Baracken an der Grachtstraße nicht abgerissen werden sollten. „Die sind baulich und energetisch nicht gerade 1a, sondern ein Desaster“, sagt Jürgen Rombach. „Da Geld reinzustecken, lohnt sich nicht.“ Alternativen müssen her. Gegebenenfalls müsse neu gebaut werden, sagt Hermann Gödde.

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