Eschweiler - Unsicherheit, Tränen und die Vorfreude aufs Kind

Unsicherheit, Tränen und die Vorfreude aufs Kind

Von: Andreas Gabbert
Letzte Aktualisierung:
Junge Mütter werden nicht all
Junge Mütter werden nicht allein gelassen: Für sie gibt es auch in Eschweiler zahlreiche Hilfsangebote Foto: imago/CTK Photo

Eschweiler. Die junge Frau zieht eine Spieluhr auf, drückt sie sanft gegen ihren Bauch und lässt den Blick durch die kleine Wohnung schweifen. Im Wohnzimmer steht schon ein Kindersitz bereit und in der Babyschaukel hat es sich ein Stofftier gemütlich gemacht.

Hannah Schwartz (Name geändert) freut sich auf die Geburt ihres ersten Kindes.

Das war nicht immer so. „Ich wollte zwar früh Mutter werden, aber so früh nun auch wieder nicht, vielleicht mit Mitte 20”, sagt Hannah. Als die heute 20-Jährige vor sieben Monaten von ihrer Schwangerschaft erfuhr, fühlte sie sich überfordert. Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf, zumal für sie klar war, dass die Beziehung zu ihrem damaligen Freund keine Zukunft mehr hatte. Nach dem ihre Periode ausblieb, suchte sie gleich ihre Ärztin auf, doch auf dem Ultraschallbild war noch nichts zu erkennen. Sie sollte eine Woche später wiederkommen.

Das bedeutete weitere sieben Tage Ungewissheit. „Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass ich doch nicht schwanger bin und meine Periode noch bekomme”, erzählt Hannah. Immer wieder hat sie versucht, den Gedanken zu verdrängen und nicht an sich heranzulassen. Darüber geredet hat sie zunächst nur mit ihrem damaligen Partner und ihrer besten Freundin. Die Beiden waren realistisch und meinte, sie müsse sich wohl mit dem Gedanken anfreunden. „Die haben mich etwas aus meiner Traumwelt geholt”, sagt Hannah.

Die nächste Woche brachte Klarheit. Als ihr die Ärztin sagte, es gebe keinen Zweifel daran, dass sie schwanger sei, brach Hannah in Tränen aus. „Wie soll es weitergehen, was kommt da auf mich zu, was wird aus meinen Zukunftsplänen?”, schoss es ihr durch den Kopf. Am meisten sorgte sie sich aber über die Reaktion ihrer Eltern. Die Ärztin versuchte sie zu beruhigen und ihr die Angst zu nehmen. Sie bot ihr ein weiteres Gespräch an und drückte ihr eine Infobroschüre der Arbeiterwohlfahrt (Awo) für junge Mütter in die Hand.

Außerdem stand noch die Frage im Raum, ob sie das Kind behalten wolle. Hannah musste an einen alten Schulaufsatz denken, in dem sie sich gegen Abtreibung ausgesprochen hatte. „Trotzdem war der Gedanke da. Man spielt alle Möglichkeiten durch”, erinnert sich die junge Frau. Das war aber nur im ersten Moment, als sie sich überfordert fühlte. Als sie sich wenige Tage später zur Beratungsstelle der Awo an der Grabenstraße aufmachte, war ihr schon klar: „Ich behalte das Kind.”

Zu diesem Zeitpunkt wussten ihre Eltern noch immer nicht, dass sie wohl bald ein Enkelkind bekommen. Ihr Vater reagierte auf die Nachricht gelassener als gedacht. Er gab ihr zu verstehen, dass die Sache nicht mehr zu ändern sei, und dass er sie in ihrer Entscheidung unterstützen würde. Bevor sie es ihrer Mutter gesagt hat, brauchte sie einige Anläufe. Immer wieder hat sie innerlich bis zehn gezählt bevor es endlich aus ihr rausplatzte: „Mama, ich bin schwanger.”

Ihre Mutter wollte das nicht wahr haben und war alles andere als erfreut - im Gegenteil, sie schimpfte und fluchte. „Als ich ihr das Ultraschallbild in die Hand drückte, schmiss sie es auf den Schreitisch und sagte, darüber könne sie sich nicht freuen. Das war schon krass”, erinnert sich Hannah. Schließlich ließ die Mutter sie alleine auf ihrem Zimmer sitzen. Mit einem Schock und einer heftigen Reaktion hatte Hannah gerechnet, aber nicht damit. Hannah wollte nur noch schlafen und nichts mehr mitbekommen.

Am nächsten Morgen sah die Welt dann schon wieder anders aus. Ihre Mutter nahm sie in den Arm und entschuldigte sich unter Tränen für ihr Verhalten. Noch am gleichen Tag sind Mutter und Tochter dann gemeinsam losgezogen, um sich Babysachen anzugucken. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Da wusste ich, dass es funktionieren wird, und dass ich es auch ohne den Vater des Kindes schaffen werde”, sagt Hannah.

Bei der Awo nahm man sie an die Hand und klärte sie auf, was alles zu beachten ist, an was gedacht werden muss und welche Anträge man stellen sollte. Inzwischen ist ihre Sorge der Vorfreude auf das Kind gewichen. In der kommenden Woche will sie mit Hilfe ihrer Mutter und ihres neuen Freundes das Kinderzimmer einrichten. „Geistig bin ich schon am Tapezieren”, sagt sie und strahlt.

Nur eine Sorge ist noch geblieben. Es sind die Vorurteile denen man als junge Mutter begegnet. „Ich bin nicht asozial oder dumm”, sagt Hannah und fragt sich trotzdem, wie ältere Mütter zum Beispiel später bei Elternabenden auf sie reagieren werden.

Ende März bis Anfang April wird es soweit sein. Dann wird Hannah ihr erstes Kind auf die Welt bringen. Das es ein junge wird, weiß sie bereits und sie hat auch schon einen Namen für ihn, den möchte sie aber noch nicht verraten. Langsam steigt die Aufregung, sie denkt oft an die Geburt und hat vielleicht auch ein wenig Angst davor.

Ein Jahr will Hannah nach der Geburt zu Hause bleiben und sich intensiv um ihren Sohn kümmern. Später will sie dann eine Ausbildung zu Medizinischen Fachangestellten machen, die jetzt erstmal hinten anstehen muss. „Ich will meinem Kind später vorleben, dass man für seinen Unterhalt sorgen kann”, sagt sie selbstbewusst.

Heute ist Hannah froh, dass sie sich für ihr Kind entschieden hat. Wenn sie sich in ihrer kleinen Wohnung umsieht und die vielen Dinge erblickt, die schon für den Nachwuchs bereit stehen, wenn sie über ihren Bauch streichelt und leise mit ihrem ungeborenen Sohn spricht, dann kann sie die Momente der Unsicherheit kaum noch nachvollziehen.
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