„Unser größter Wunsch: eine Palliativstation!“

Von: Sonja Essers
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Das Ethikkomitee des St.-Antonius-Hospitals besteht seit rund drei Jahren. In dieser Woche lud das Komitee zu einem Vortrag von Privatdozent Dr. Peter Staib (1. Reihe, 2. von links), Leiter der Klinik für Hämatologie und Onkologie, ein. In diesem ging es um das Thema Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Foto: Sonja Essers
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Nicht nur der Umgang mit den Patienten, sondern auch Vorträge gehören zu den Aufgaben von Privatdozent Dr. Peter Staib, Leiter der Klinik für Hämatologie und Onkologie am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.
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Eschweiler. Seit 30 Jahren gibt es das onkologische Zentrum am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Geleitet wird es von Privatdozent Dr. Peter Staib. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern konnte sich der Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie Ende des vergangenen Jahres über die Zertifizierung zum „Euregio-Krebszentrum Eschweiler“ freuen.

Im Mai dieses Jahres zieht die Abteilung in die neuen Räume auf der achten Etage. Im Interview mit unserer Zeitung blickt Staib noch einmal auf die vergangenen stressigen Monate vor der Zertifizierung zurück und erklärt, warum das Thema Sterbehilfe zwar aktueller denn je, aber längst nicht neu ist.

Herr Dr. Staib, Ende des vergangenen Jahres wurde das Zentrum für Hämatologie und Onkologie zum „Euregio-Krebszentrum Eschweiler“ zertifiziert. Dazu erst einmal Herzlichen Glückwunsch! Wie wichtig ist eine solche Zertifizierung und wie stressig waren die vergangenen Monate für Sie und Ihre Mitarbeiter?

Staib: Im Rahmen der Zertifizierung haben wir ja bereits eine 18-monatige Vorbereitung hinter uns.

Was kann man sich genau darunter vorstellen?

Staib: Das waren interne Prozesse, aber auch die Arbeit mit unseren Kooperationspartnern in und außerhalb des Hospitals, die wir auf den Prüfstand gestellt haben. Wir haben Handlungsrichtlinien erstellt und auch verabschiedet. Dieses Gütesiegel haben wir von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie erhalten, weil wir bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. Die kommen natürlich nicht nur unseren Patienten, unserer Abteilung und dem gesamten Haus zugute, sondern sind auch Voraussetzung für die Weiterentwicklung.

Und diese steht mit dem Umzug der Onkologie bald bevor. Wann ziehen Sie in die Räume auf der achten Etage?

Staib: Der Umzug wird voraussichtlich im Mai stattfinden. Diese Aufgabe kann man natürlich nur am Wochenende stemmen, damit die Patienten unter der Woche auch entsprechend weiterbehandelt werden können. Auf der achten Etage haben wir fantastische Räume und eine optimale Umgebung, um unsere Patienten zu behandeln.

Kommen wir zu einem anderen Thema. Im Rahmen der Fortbildungsveranstaltung „Ethik im Dialog“, die vom Ethikkomitee des St.-Antonius-Hospitals (siehe Box) organisiert wurde, hielten Sie in dieser Woche einen Vortrag zum Thema Sterbebegleitung und Sterbehilfe. Kein leichtes Thema.

Staib: Nein, das ist richtig. Das Thema Sterbehilfe ist ein zweischneidiges Schwert und im Zuge der aktuellen Diskussion, die im vergangenen Jahr gestartet ist, habe ich auch ganz bewusst dieses Thema gewählt.

Warum?

Staib: Die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland ja verboten, da brauchen wir auch gar nicht drüber zu sprechen. In den Niederlanden, Belgien und Luxemburg sieht das allerdings etwas anders aus. Da ist sie straffrei. Und die Entwicklung, die dort stattfindet, finde ich wirklich sehr erschreckend.

Inwiefern?

Staib: In Belgien gab es in den vergangenen zehn Jahren 25 Erweiterungen der Indikationen für eine Sterbehilfe. Bei der letzten Ausweitung sind dann sogar Kinder und Jugendliche mit eingefasst worden. Und in den Niederlanden fand auch eine Ausweitung der Indikationen statt. Dort kann man die Sterbehilfe nicht nur in Anspruch nehmen, wenn man eine schwere, unheilbare Krankheit hat, sondern auch bei Demenz und Depressionen.

Was bedeutet die Ausweitung der Indikationen Ihrer Meinung nach?

Staib: Wenn ich nach Belgien und in die Niederlande schaue, dann macht mir das schon Sorgen. Mit Ausweitung der Indikation der Sterbehilfe, auch für Menschen mit Demenz, ist es dort so, dass die Menschen teilweise gar nicht selbst entscheiden, ob sie sterben möchten, sondern ihr Umfeld. Es gab sogar Krankenhäuser in Belgien, die dann nicht nur die Sterbehilfe durchgeführt haben, sondern auch noch die Organe der Patienten entnommen und daran verdient haben. Das geht natürlich gar nicht, ist aber heute auch dort nicht mehr möglich.

In Ihrem Vortrag wurde deutlich, dass das Thema Sterbehilfe die Menschen schon seit vielen Jahren beschäftigt. Seit wann setzt man sich damit auseinander?

Staib: Seit 500 vor Christus. Damals lebte der Philosoph Hippokrates. Er war sozusagen der Begründer der Ethik in der Medizin und auch strikt gegen die Sterbehilfe. Das hat er auch im so genannten Eid des Hippokrates festgehalten, und dieser ist auch heute noch eine Basis für die Standards in unserer medizinischen Ethik. Auch wir Ärzte legen heute noch einen Eid ab, nämlich das Genfer Gelöbnis. Das ist Bestandteil unserer Berufsordnung.

Im vergangenen Jahr kam das Thema Sterbehilfe durch eine Orientierungsdebatte im Bundestag dann erneut auf. Welche Meinung haben Sie eigentlich zu diesem Thema?

Staib: Ich denke, dass man sich zu diesem Thema seine eigene Meinung bilden, dies aber im Sinne unserer schwer kranken Patienten tun sollte. Meine persönliche Meinung ist, dass es Möglichkeiten gibt, ohne assistierten Suizid auszukommen. Natürlich bewegen wir uns da auch immer in einer Art Grenzbereich. Es gibt Situationen, in denen man als Arzt schon darüber nachdenkt, wie lange das noch ausgehalten werden soll. Ich bin allerdings der Meinung, dass eine Zulassung von Sterbehilfe keine Alternative ist.

Wie sehen diese Alternativen Ihrer Meinung nach aus?

Staib: Man muss viel mit den Patienten und ihren Angehörigen sprechen, auch wenn das bei schwer kranken Menschen natürlich keine leichte Aufgabe ist. Ich glaube, dass oft die Zeit das Problem ist. Es ist natürlich viel einfacher jemandem etwas zu verschreiben, als sich Zeit zu nehmen und ein Gespräch zu führen. Zuwendung kostet Zeit, und auch wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der man immer weniger Zeit hat, so ist es doch wichtig, dass man sich diese Zeit für die Patienten nimmt.

Wie wichtig sind für Sie als Arzt Patientenverfügungen beziehungsweise Patientenvollmachten?

Staib: Beides ist für uns Ärzte von enormer Bedeutung. An ihnen können wir uns nämlich orientieren, wie wir mit unseren Patienten in der Endphase einer Krankheit umgehen sollen und umgehen müssen. Dies ist eine Aufgabe, die sich die Ärzte und das Pflegepersonal dann auch teilen. Ich finde es wichtig, das zu betonen. Schließlich sind die Krankenschwestern und Pfleger ja noch viel näher am Patienten dran als wir. Sie haben quasi eine noch emotionalere Bindung als wir Ärzte. Man muss allerdings auch sagen, dass Patientenverfügungen zwar von enormer Bedeutung sind, aber für uns Ärzte ist es umso wichtiger, dass diese Formulare auch spezifisch ausgefüllt sind.

Was bedeutet das?

Staib: Wenn jemand eine unheilbare Erkrankung bekommt, dann ist es wichtig, dass er konkret festlegt, was er will und was er nicht will. Wir haben gelernt, unsere Patienten darauf frühzeitig anzusprechen und es ist wichtig, dass so etwas auch früh genug festgelegt wird, damit wir uns dementsprechend verhalten können, wenn es soweit ist.

Welche Rolle spielt das Thema Sterbehilfe in Ihrem Arbeitsalltag?

Staib: Wir haben häufiger mit Patienten zu tun, die sich in der Endphase ihrer Erkrankung befinden. Es gibt Patienten, die zu Hause versorgt werden können und dafür leiten wir dann alles in die Wege. Es gibt aber auch immer wieder Situationen, in denen ein Patient nicht zu Hause versterben kann. Dann stehen wir dafür ein. Unser größter Wunsch wäre natürlich eine eigene Palliativ-Station hier im Haus. Das ist Zukunftsmusik, aber wir halten dies natürlich im Hinterkopf.

Im Hospital arbeiten auch Kollegen aus anderen Religionen. Wie wird dort mit dem Thema Sterbehilfe umgegangen?

Staib: Ich finde es interessant, dass ich in meinen Recherchen darauf nicht gestoßen bin. Ich denke es geht gar nicht so sehr um die verschiedenen Religionen, sondern um die Frage: Was lassen wir im Rahmen unserer Medizinethik zu?

Wünschen Sie sich, dass die Gesellschaft besser über dieses Thema aufgeklärt wird?

Staib: Auf jeden Fall. Ich bin der Meinung, dass Aufklärung, Informationen und Weiterbildung das einzig Richtige sind. Schließlich sind die Themen Sterbebegleitung und Sterbehilfe gerade momentan wieder brandaktuelle Themen und sie werden immer wichtiger.

Inwiefern?

Staib: Weil die Bevölkerung immer älter wird. Die Palliativmedizin muss weiter gestärkt und aufgebessert werden. Ich kann mich nur denen anschließen, die der Meinung sind, dass Sterbehilfe nicht zu den Aufgaben eines Arztes gehört.

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