Eschweiler - „Unberührbare” in Indien: Gedemütigt und nicht beachtet

„Unberührbare” in Indien: Gedemütigt und nicht beachtet

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:

Eschweiler. Als Gerd Schnitzler zum ersten Mal von den „Untouchables” - den „Unberühbaren” - in Indien hörte, war er tief betroffen. Pater Victor Maria Susai berichtete dem Leiter der Katholischen Grundschule Kinzweiler bei seinem Besuch in der Indestadt vor wenigen Tagen von den Menschen, die in Indien auf der untersten gesellschaftlichen Stufe leben.

Das indische Kastensystem ist den meisten Europäern ein Begriff, dass es dort aber noch einmal eine Unterschicht gibt, die außerhalb des Kastensystems leben muss - den oben erwähnten „Untouchables” -, ließ auch Schnitzler aufschrecken.

Kontakte 2004 geknüpft

Betroffen sind viele Kinder, die Tag für Tag im Abseits stehen. Nicht beachtet, an den Rand gedrückt, gedemütigt. „Unvorstellbar”, sagt Schnitzler und möchte helfen. Eigentlich hat die KGS Kinzweiler bereits seit längerem eine Partnerschule im kleinen Küstenort Palathady/Tamil Nadu, dem südlichsten Bundesstaat Indiens. Durch Kontakte zum Hilfswerk Misereor wurden erste zarte Bande zur St. Sebastian Primary School geknüpft. „Das war im Jahr 2004”, erinnert sich Schnitzler. Noch bevor die ganze Region in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet, noch bevor eine der größten Naturkatastrophen der Menschheitsgeschichte in Form eines Tsunamis am 26. Dezember 2004 auch die Bewohner in Palathady heimsuchte.

Mit finanzieller Hilfe der KGS Kinzweiler wurde die St. Sebastian School wieder in Schuss gebracht. Pulte wurden gebaut, Gebäude ausgebessert, Räume errichtet, Schüler erhielten neue Schuluniformen und Schreibmaterialien. Zuletzt wurde ein Fußweg zum Schulgebäude befestigt, medizinisches Material angeschafft, den Kindern kleine Ausflüge und eine Weihnachtsfeier ermöglicht.

Die Reaktionen, die seit Jahren per Post in den Briefkasten der Eschweiler Schule flattern, sind überwältigend: Bunt gestaltete Briefe, kleine Einträge, Bilder, Basteleien, die tiefe Dankbarkeit, aber auch eine fröhliche Botschaft senden. „Es berührt mich immer wieder, die Briefe der indischen Schüler zu lesen”, gibt Schnitzler zu. In seinem Büro sitzt er und blättert durch einen dicken Ordner, der vor lauter Korrespondenz beinahe zu platzen droht. „Thank you for playing materials” - Danke für das Spielzeug - steht da zum Beispiel in großen Lettern.

Wechselseitig und dauerhaft

„Ein wechselseitiger und dauerhafter Kontakt war stets unser Wunsch”, erklärt Schnitzler. „Es geht nicht darum, dass wir hier von Deutschland aus einfach nur das Geld überweisen. Unsere Schüler sollen dadurch lernen, dass man anderen Menschen helfen kann und muss”, sagt der Pädagoge. Ein Bildungsverständnis, das mehr als nur die Summe des Mathe-, Deutsch- und Englisch-Unterrichts umfasst.

Vor kurzem war Pater Susai in Kinzweiler zu Gast. Gemeinsam mit allen Schülern und Pastor Josef Wienand zelebrierte er einen Gottesdienst. Fürbitten und „Vater Unser” trugen die Kleinen auf Englisch vor. Schnitzler: „Dafür haben wir im Vorfeld alle 14 Tage intensiv gebetet.”

Im Gespräch dankte der Pater noch einmal für die jahrelange Unterstützung. Aber er trat auch mit einer Bitte an Schnitzler heran. Er erzählte ihm vom Schicksal der „Untouchables” und wies darauf hin, dass die St. Sebastian School mittlerweile wie eine Oase in der Wüste aufblühe, während es drumherum weiterhin viel Leid gebe. „Da kann gut gemeinte Hilfe vor Ort schnell zu Neid und Missgunst führen”, weiß Schnitzler. „Wir wollen weiterhin, dass unsere Kinder mit Kindern aus einer anderen Kultur in Kontakt treten”, sagt er. Aber: „Man muss auch über den Tellerrand hinausschauen.”

Ein Paket mit liebevoll gestalteten Steckbriefen und kleinen Geschenken für das Weihnachtsfest schnüren die Kinzweiler Zweitklässler in wenigen Tagen natürlich trotzdem. Das Ziel: Palathady, Tamil Nadu, Indien. Freundschaften wollen schließlich gepflegt werden. „Wer die Ärmsten dieser Welt gesehen hat, fühlt sich reich genug zu helfen” steht auf einer Karte in Gerd Schnitzlers Büro. Albert Einsteins Spruch wird an der KGS Kinzweiler weiter mit Leben gefüllt. „Der Besuch von Pater Susai hat uns alle nachhaltig beeindruckt und uns darin bestärkt, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen”, sagt Schnitzler. 100 Kinder der „Untouchables” - der „Unberührbaren - will Victor Maria Suasi in Zukunft vor Ort unterstützen. Gerade einmal 20 Euro seien nötig, versicherte der Pater, um ein Kind ein Schuljahr lang mit Schulkleidung, Heften, einem Teller und Glas für die Mittagsverpflegung auszustatten. „Wir werden dieses Anliegen unterstützen”, verspricht Schnitzler und hofft auf weitere Menschen, die sich der lohnenswerten Sache anschließen.

Auch kleine Spenden können Großes leisten

Wer Schüler und Lehrer der KGS Kinzweiler bei ihrer Hilfe für Schulkinder in Indien unterstützen möchte, kann dies gerne tun.
ArtikelSpenden werden entweder in der Schule entgegengenommen oder können auf dem Konto des Fördervereins der Katholischen Grundschule Kinzweiler e.V. eingezahlt werden. Kontonummer: 2102564017, BLZ: 39362254, Raiffeisen-Bank Eschweiler, Stichwort: Indien.

Bereits seit 1993 pflegt die KGS Kinzweiler Schulpartnerschaften, zunächst nach Bounou und zur École Priveé Catholique Henri Feder in Dedougou (Burkina Faso), später zur Nyorrit Primary School in Tansania.

Der Kontakt zu der St. Sebastian Primary School mit insgesamt 63 Mädchen und 55 Jungen besteht bereits seit dem Jahr 2004. Die Schule liegt im Küstenort Palathady. Die Region im Südosten von Indien wurde besonders stark vom Tsunami am 26. Dezember 2004 heimgesucht.
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