Umstieg vom Pferd auf eine seltene Kuh

Von: Patrick Nowicki
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Wie eine Meerjungfrau sieht Kuh „Arielle“ wahrlich nicht aus. Sie ist das erste Pinzgauer Tier, das sich Sara Poensgen damals noch in Gressenich zulegte. Foto: Patrick Nowicki
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Ich schau dir in die Augen, Kleines: Ganz schön zutraulich ist Kuh „Airline“, wenn Sara Poensgen in die Box tritt. Foto: Patrick Nowicki
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Eschweiler. „Airline“ kaut gemütlich auf ihrem Heu und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Dabei müsste das Tier eigentlich etwas unruhiger sein, schließlich steht es erst seit kurzem in dem Stall auf dem Neulandhof. Dort hat die 37 Jahre alte Sara Poensgen Platz für ihr außergewöhnliches Hobby gefunden: Sie züchtet Pinzgauer, die auf der Liste der gefährdeten Haustierrassen stehen.

Neun Exemplare nennt die Wahl-Inde­städterin ihr Eigen, in Kürze kommen weitere drei aus Österreich hinzu. Bis Ende des Jahres sollen insgesamt 21 Tiere unter dem Dach des Hofes in der Nähe der Autobahn 4 stehen.

Platz ist ausreichend vorhanden. 28 Futterplätze wurden binnen sechs Wochen geschaffen. Dafür wurde auch schon einmal bis spät in die Nacht geschuftet. Für Sara Poensgen allerdings eine Herzensangelegenheit. Sie stieg vor einigen Jahren vom Pferd auf Kuh um. Ein Schlüsselerlebnis hatte sie nicht. „Mich haben Kühe immer fasziniert“, sagt sie. Aufgewachsen in Luchem, prägte die Landwirtschaft ihren Alltag.

Manchmal war sie bei Freunden im Stall und half zu melken. Irgendwann reifte der Entschluss, sich selbst Bullen, Kühe und Rinder anzuschaffen. Als sie allerdings ihren Eltern von ihrem Plan erzählte, sich vom Pferd zu trennen und stattdessen sich einen Stall mit Kühen anzulegen, waren die alles andere als begeistert. „Aber Pinzgauer sind nun einmal meine Leidenschaft“, sagt sie.

Bei der Suche nach einer geeigneten Rasse fielen ihr die Tiere mit dem hellen Rücken auf. Ein Merkmal der Pinzgauer, die vor allem in Österreich beheimatet sind. Dort hat sie sich von einer Drei- zu einer Zweinutzungsrasse entwickelt – früher wurde sie also nicht nur wegen der Milch- und Fleischproduktion gezüchtet, sondern auch als Arbeitstier eingesetzt.

Wegen ihrer stabilen Klauen sind sie genetisch bestens für hügeliges Gelände geeignet. Meistens weisen die Tiere ein braun-weißes Fell auf, mit rassespezifischen „Fatschen“, also weißen Streifen an den Läufen. „Airline“ hingegen hat ein schwarz-weißes Fell. Eigentlich eine Fehlfarbe, aber bei den Züchtern werden diese Tiere als Glücksbringer betrachtet, weil sie sehr selten sind.

In Merken zu wenig Platz

Vier Jahre lang standen die Tiere von Sara Poensgen in Merken bei Düren. Dort ist es aber zu klein geworden, weil der Bestand vergrößert werden soll. In Eschweiler wurde sie schließlich fündig. Der Transport nach Eschweiler erfolgte vor wenigen Tagen. Zuvor wurde die Halle komplett umgebaut. Die Boxen für die Vierbeiner, die über eine sogenannte Halsrahmenerweiterung verfügen, lassen sich variabel öffnen und schließen.

Dies bedeutet, dass die Kuh ihren Kopf so weit aus der Box hinausstrecken kann, bis sie das Heu erreicht, das davor auf dem Boden liegt. 175 Quadratmeter stehen für die Tiere zur Verfügung. Allerdings nur im Winter, denn von Mai bis Oktober verbringen sie ihre Zeit auf der Wiese in unmittelbarer Nähe zum Stall.

Sara Poensgen ist froh, dass die Flächen etwas abgelegen sind und nicht so leicht von Fußgängern zu erreichen sind. Sie hat schließlich schon beobachtet, wie Passanten die Kühe gefüttert oder sich sogar auf die Wiese begeben haben. Dies kann gefährlich sein, denn vor allem trächtige Tiere oder Kühe mit Kälbern reagieren ungehalten auf unbekannte Besucher. „Kühe sind intelligenter, als die meisten Menschen ahnen und wahrhaben wollen“, sagt Sara Poensgen.

Die Pflege von Stall und Tieren nimmt ganz schön viel Zeit in Anspruch, zumal Sara Poensgen erst vor wenigen Monaten Mutter geworden ist. Die Anlage auf dem Neulandhof ist darum so angelegt, dass sie von einem alleine leicht gepflegt werden kann. Einmal am Tag steht die Fütterung auf dem Programm. Auch gebürstet werden die Tiere dann. Ausgemistet wird seltener. Allerdings ist der Stall so angelegt, dass die Vierbeiner nicht in ihren eigenen Ausscheidungen stehen müssen, sondern sich aufs Stroh zurückziehen können.

Im Neulandhof stehen ausschließlich Schautiere. Mit manchen nimmt Sara Poensgen auch an Wettbewerben teil. Da müssen die Rassemerkmale besonders deutlich hervorstechen, um die Richter zu überzeugen. Letztlich entscheidet das Urteil darüber, welchen Wert das Tier für die weitere Züchtung besitzt. Selbst der Zeitpunkt der Besamung wird geplant. Da der Umzug anstand, wurde er so gelegt, das erst danach wieder Kälber anstehen. Als nächste wird „Arielle“ im Poensgen-Stall Nachwuchs zur Welt bringen.

Zu diesem Tier hat Sara Poensgen eine besondere Beziehung, schließlich war es das erste. Hinter dem Namen auf dem Schild mit den Zuchtdaten steht darum ein Herz. Bei der Namenswahl für die Kälber können die Züchter nicht frei handeln: Männliche Tiere müssen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben beginnen wie der Vater, weibliche Tiere wie die Mutter. Auf solche Details legen die Zuchtverbände, denen Sara Poensgen angehört, wert.

Noch sind kleinere Arbeiten in dem Stall zu erledigen. Ein neues Tor wird eingefügt, an einigen Stellen muss mit Farbe und Lasur nachgebessert werden. Drei Tiere werden in Kürze in Maishofen in Österreich abgeholt. Dort befindet sich das Zentrum der Arbeitsgemeinschaft der Pinzgauer Rinderzuchtverbände. Zudem sind viele von Sara Poensgens Pinzgauer Kühe trächtig. 21 Stück sollen schließlich am Ende des Jahres in Eschweiler stehen.

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