Ulrich Nersinger: Insiderwissen in Sachen Vatikan

Von: Rudolf Müller
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Bietet im Inneren etwa 20.000 Menschen Platz: der zwischen 1506 und 1626 erbaute Petersdom, Herzstück des Vatikans. Foto: Rudolf Müller
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Profunder Kenner des Vatikans: Ulrich Nersinger.

Eschweiler. Der Vatikan – 0,44 Quadratkilometer groß, 842 Einwohner. Kleinster allgemein anerkannter Staat der Welt. Mitten im Stadtgebiet von Rom. Staatsoberhaupt: Papst Franziskus, Oberhaupt der katholischen Kirche. Petersdom, Petersplatz, Sixtinische Kapelle, Vatikanische Bibliotheken.

Wikipedia-Wissen für jedermann. Aber da hört‘s auch meist schon auf. Wer weiß schon, dass der Ministaat nicht nur über 50 Straßen, einen Heliport, sondern auch über einen eigenen Bahnhof verfügt? Dass er eine Fußballauswahl und eine eigene Liga mit 16 Mannschaften besitzt, aber nicht Mitglied der Fifa und der Uefa ist, weil er keinen normgemäßen Fußballplatz hat? Dass die Vatikan-Auswahl am 10. August dieses Jahres erstmals ein Auswärtsspiel bestritt und dabei im Borussia-Park gegen die Traditionsmannschaft von Borussia Mönchengladbach, mit 1:8 verlor? Dass der Vatikan nicht nur eine eigene Zeitung herausgibt und einen Rundfunksender betreibt, sondern auch über einen eigenen Fernsehsender verfügt? Dass neben der Vatikanbank hier auch eine Päpstliche Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist?

Toter Papst auf Reise

Einer, der soviel über den Vatikan in Vergangenheit und Gegenwart weiß wie kaum ein anderer, ist Ulrich Nersinger. Der Eschweiler Theologe, Jahrgang 1957, gilt als einer der renommiertesten Vatikankenner überhaupt. Nersinger studierte Philosophie und Theologie in Bonn, St. Augustin, Wien und Rom, absolvierte ein Studium am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie und bei der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse und erwarb an der Römischen Kurie Befähigung, in Selig- und Heiligsprechungsprozessen als Postulator, Vizepostulator und diözesaner Untersuchungsrichter tätig sein zu dürfen. Er ist Mitglied der „Pontificia Accademia Cultorum Martyrum“ und ist heute vorwiegend journalistisch und schriftstellerisch tätig. Nersinger schreibt häufig Artikel für den Osservatore Romano, das Vatican-Magazin und die Zeitschrift „Der Schweizergardist“. Seine Seine Themen sind so breit gefächert wie die Titel seiner Bücher: „Die Päpstliche Nobelgarde“, „Die Päpste zu Lande, zu Wasser und in der Luft“, „Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof“, „Einmal Canossa und zurück. Anekdotisches aus der Kirchengeschichte“, „Tiara und Schwert“, „Die Gendarmen des Papstes. Die Polizei des Vatikans im Kampf gegen Räuber, Revolutionäre und Vatileaks“ und „Tatort Konklave“.

Auch eine Audio-CD gibt es. Titel: „Heiteres vom Hof des Papstes - Anekdoten aus fünf Jahrhunderten. Von Julius II. bis Leo XIII.“ Und mit einem Hörbuch kann Nersinger ebenfalls aufwarten: „Dunkle Wolken über Rom. Pius XII und die Ewige Stadt 1943-1944“. Nur allzu verständlich, dass er 2011 bei dem zu Kriegszeiten am Hof Pius XII, spielenden TV-Film „Gottes mächtige Dienerin“ mit Christine Neubauer in der Titelrolle als Fachberater am Set war.

Jetzt hat der unermüdliche Schriftsteller sein jüngstes Werk vorgelegt: „Der unbekannte Vatikan“ ist der Titel des 272 Seiten starken Werkes, das den außergewöhnlichen Staat nahe dem Ufer des Tiber in vielen, bisher kaum beleuchteten Facetten zeigt.

Auch solchen, die viele sicher lieber im Dunkel der Geschichte belassen hätten. So erinnert Nersinger an Papst Formosus (891 – 896), der von seinem Nachfolger Stephan VI. aus seinem Grab gerissen wurde, ehe eine „Leichensynode“ ihn barbarisch verstümmeln und die Leichenteile im Tiber versenken ließ. Dass tote Päpste auch auf Reisen gehen können, zeigt Nersinger mit dem Beispiel Pius X., der Venedig 1903 mit den Worten verlassen hatte, er werde in seine Diözese zurückkehren – „tot oder lebendig“. Er sollte sein Versprechern halten: Nach seinem Tod wurde er mit einem Sonderzug in die Lagunenstadt gebracht, wo seine Anhänger von ihm Abschied nehmen konnten.

Karge Wohngemächer

Doch es sind auch heitere Anekdoten, die Ulrich Nersinger niedergeschrieben hat. So zum Beispiel vom Besuch des US-Präsidenten Bill Clinton, der sich im Aufzug einem Uniformierten mit Ordensschnallen und Dutzenden funkelnder Auszeichnungen gegenübersah. Clinton salutierte – der vermeintliche Würdenträger, der Aufzugführer, grüßte zurück.

Von der heidnischen Antike bis zu den Erneuerungsbestrebungen von Papst Franziskus nimmt Ulrich Nersinger seine Leser mit auf eine ebenso spannende wie informative Reise durch die Jahrhunderte. schreibt über frühe Papstgräber und die Schutztruppe heutiger Kirchenoberen, über den Angriff amerikanischer Truppen auf die Apostolische Nuntiatur in Panama, wo Staatschef Noriega Asyl gesucht hatte. Er berichtet vom Bau der Sixtinischen Kapelle und den von Pomp und Luxus weit entfernten Wohnverhältnissen der Päpste in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten, wobei er Don Bosco am Sterbebett Pius IX. zitiert: „Der Heilige Vater liegt zu Bett, und sein Bett ist so niedrig und elendig wie das eines unserer Jungen. Er hat keinen Teppich, auf den er seine erhitzten Füße setzen kann. Der Fußboden ist aus Ziegelsteinen, aber so abgenutzt und zusammenhanglos, dass man darauf achten muss, nicht zu stolpern.“ Bis heute gilt: Die Prunkgemächer des Vatikan dienen nur zum Repräsentieren; in den Wohngemächern herrscht große Bescheidenheit.

Nersinger berichtet über Liturgien und Zeremonien, über Audienzen und Medien, über die päpstliche Feuerwehr und die päpstlichen Luchse in den Gärten des Vatikans. Er schreibt über die vatikanische Museenlandschaft, über Gewänder und Insignien früherer Zeiten, über die richtige Kleiderwahl beim Treffen mit dem Pontifex.

Auch Nersinger zählt zum Kreis derer. die Franziskus bereits persönlich begegneten: Er überreichte ihm das jüngste Werk aus seiner Feder. Und sieht sich in der Liste derer, die sich mit einem Papst unterhalten durften, in bester Gesellschaft, wie keiner besser weiß als er selbst: Zum Tode Johannes Pauls II. wurde eine Statistik veröffentlicht, nach der der Pontifex 426 Monarchen und Staatsoberhäupter in Audienz empfangen hatte und mit 187 Regierungschefs, 190 Außenministern und 642 Botschaftern zusammengetroffen war.

Ein vielschichtiges Werk, das sich auch für Normalsterbliche zu lesen lohnt.

Ulrich Nersinger, Der unbekannte Vatikan, Media Maria-Verlag, Illertissen, 2014, 19.,95 Euro, ISBN 978-3-9816344- 1-9

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