Übung der „Golden Hour“: 60 dramatische Minuten

Von: irmi
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Retter der Wehr bemühen sich in dieser Übung um den eingeklemmten jungen Mann. Häufig entscheidet die erste Stunde nach dem Unglück, die so genannte „golden hour of shock“, über Leben und Tod. Foto: I. Röhseler
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Retter der Wehr bemühen sich in dieser Übung um den eingeklemmten jungen Mann. Häufig entscheidet die erste Stunde nach dem Unglück, die so genannte „golden hour of shock“, über Leben und Tod. Foto: I. Röhseler

Eschweiler. Gerade noch erfreute sich der junge Mann, der mit seinem Auto liegengeblieben ist, bester Gesundheit. Er steigt aus, öffnet die Haube und beugt sich kopfüber in den Motorraum, als er plötzlich hinter sich ein Auto wahrnimmt, das in einem hohen Tempo auf ihn zurast. Zum „Weghechten“ ist es zu spät.

Der Pkw erfasst ihn und quetscht ihn ein. Schwerverletzt und bewusstlos bleibt der junge Mann, eingeklemmt zwischen zwei Autos, auf der Motorhaube der Unfallverursacherin liegen. Mit groß aufgerissenen Augen starrt die junge Frau ins Leere. Sie bewegt sich nicht, auch sie scheint verletzt zu sein und einen schweren Schock erlitten zu haben. Sekundenlang ist es gespenstisch still, bevor ein leises Stöhnen zu vernehmen ist.

Versorgungsabläufe optimieren

Ein Unfallzeuge scheint wie gelähmt, realisiert aber schnell, dass er blitzschnell Hilfe rufen muss und greift zum Handy und alarmiert Feuerwehr und Notarzt. Der Notarztwagen trifft ein, die Feuerwehr eilt mit mehreren Einsatzfahrzeugen an den Unfallort. Die Retter eruieren blitzschnell die Lage. Der junge Mann ist wieder bei Bewusstsein, wimmert aber vor Schmerzen. Seine Beine sind zwischen den beiden Fahrzeugen eingeklemmt. Sein Kopf ist blutverschmiert. Die Ärzte diagnostizieren eine Becken- und Oberschenkelfraktur und eine Lungenverletzung. Jetzt heißt es vor allem für die Rettungskräfte die Ruhe zu bewahren, die Situation zu checken und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine Aufgabe, die über Leben und Tod entscheidet.

Die Unfallverursacherin sitzt immer noch blass, kaltschwitzig und total verwirrt in ihrem Auto. Während die Notärzte noch vor Ort alles Mögliche in die Wege leiten, um die Unfallopfer zu stabilisieren, setzen die Rettungskräfte der Feuerwehr alles daran, die eingeklemmten Opfer zu befreien. Die Türen des Unfallfahrzeugs lassen sich nicht öffnen. Kurzerhand schlägt ein Feuerwehrmann die Heckscheibe ein und klettert ins Fahrzeuginnere, um das Auto von innen zu öffnen. Jetzt muss jeder Handgriff und jede Entscheidung sitzen. Die Frau scheint ebenfalls Kopfverletzungen davon getragen zu haben. Und - wie sich später herausstellt - leidet sie an Diabetes und hat vermutlich durch eine Unterzuckerung den Unfall verursacht. Sie kann sich an nichts erinnern und ist kaum ansprechbar.

Gebannt verfolgen die vielen Zuschauer am Samstag die spektakulären Unfallszenarien auf dem Gelände der Freiwilligen Feuerwehr am Florianweg. Das Regionale Traumazentrum Eschweiler (im Trauma-Netzwerk Euregio Aachen) und die Feuer- und Rettungswache Eschweiler probten gemeinsam die Abläufe von realitätsnahen Unfallszenarien mit mehreren Polytraumatisierten – von der Alarmierung bis zur Übergabe im Schockraum, um so bestmögliche Versorgungsabläufe in jeder Situation zu gewährleisten. Für diese Übung war in der Fahrzeughalle der Feuerwache eigens ein Schockraum aufgebaut. Nach der „Erstversorgung“ am Unfallort wurden die „Unfallopfer“ hier vom Notarzt an das Schockraumteam übergeben.

„Das Zusammenspiel von Rettung, Diagnostik und Therapie zur optimalen Nutzung des kurzen Zeitfensters in der ‚Golden Hour of Shock‘ muss regelmäßig geübt werden und kann nicht im Einsatzfall durch ‚Learning by Doing‘ erreicht werden“, erklärt Dr. Oliver Heiber, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie am St.-Antonius-Hospital die aufwendige Aktion in der Feuerwache. „Unser Ziel ist es, wertvolle Einsichten in die Arbeit der jeweils anderen Berufsgruppe zu ermöglichen. Das führt zu positiven Effekten. Dieses Wissen hält man aber nur dann aufrecht, wenn man bestimmte Abläufe immer wieder übt“, betont Dr. Heiber.

Etwa 35.000 Menschen verunglücken jährlich im Straßenverkehr, bei der Arbeit oder während der Freizeit und erleiden dabei lebensbedrohliche Mehrfachverletzungen, so genannte Polytraumata. Mehr als die Hälfte davon versterben noch am Unfallort.

„Häufig entscheidet die erste Stunde nach dem Unglück über Leben und Tod. Die Zeitspanne vom Trauma bis zur Aufnahme in ein Krankenhaus beträgt durchschnittlich etwa 66 Minuten, ein Zeitraum in dem viele Polytrauma-Patienten ihren Verletzungen erliegen“, erläutert Dr. Heiber.

Gründe dafür sind, dass ein Krankenhaus zu weit vom Unfallort entfernt liegt oder nicht genügend auf die Versorgung Schwerstverletzter vorbereitet ist. Muss der Rettungsdienst dann das nächste Hospital anfahren, kann es schon zu spät sein.

„Man spricht von einem Polytrauma, wenn eine Verletzung aufgrund ihrer Schwere oder der Kombination von Einzelverletzungen eine unmittelbare Lebensbedrohung darstellt. Daher vergeht die erste Stunde zwischen einem Schwerst-Unfall und dem Beginn der Behandlung in der Klinik meist auf der Straße und im Rettungswagen. Man spricht von der ‚Golden Hour of Shock‘, einem Zeitraum also, der die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten maßgeblich bestimmt.“ Diese Zeit so gut wie möglich zu nutzen, ist das Ziel professioneller präklinischer Polytrauma-Versorgung, so Heiber weiter.

Trauma-Netzwerk Euregio

Das Eschweiler Traumazentrum gehört zum grenzüberschreitend arbeitenden „Trauma-Netzwerk Euregio Aachen“, das eines von 53 Netzwerken dieser Art in der deutschlandweiten Initiative Trauma-Netzwerke der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie ist. Diese hat sich dem Ziel verschrieben, dass jeder der mehr als 35000 Schwerverletzten pro Jahr in Deutschland an jedem Ort, zu jeder Zeit rund um die Uhr die gleiche Überlebenschance haben soll.

Die Eschweiler Rettungskräfte haben in Sachen Rettung übrigens deutschlandweit die Nase vorne und haben die Zeitspanne vom Trauma bis zur Aufnahme in ein Krankenhaus um weitere sieben Minuten verkürzt.

Vor den spektakulären Aktionen erläuterten die Ärzte des St.-Antonius-Hospitals, Sven Dreesbach, Judith Haake, Dr. Oliver Heiber, Joachim Kexel, Dr. Nektarios Mpasios, Jochem Quickstedt sowie Axel Johnen, Brandoberamtsrat und Leiter der Feuer- und Rettungswache verschiedene Rettungstechniken.

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