Über Kohl, Wulff und die griechische Hölle

Von: vr
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Provoziert, amüsiert und appelliert zur Einführung des negativen Wahlrechts („Diese Partei nicht!”): Matthias Deutschmann brachte Kabarett in Reinkultur auf die Talbahnhof-Bühne. Foto: Volker Rüttgers

Eschweiler. In Zeiten der allgegenwärtigen Comedy ist es rar geworden: das Kabarett. Das Kabarett, das thematisch nicht von gestern sein darf, das unterhalten kann, aber auf jeden Fall provozieren muss. Ein Meister des Balanceaktes auf dem schmalen Grat zwischen feinsinnigem Humor und Provokation ist ohne Zweifel Matthias Deutschmann, der am Freitagabend im Talbahnhof Halt machte.

„Die Deutschen fluchen gerne analfixiert”, sagt er. Den Gefallen seiner Kritiker, die nur darauf warten, dass der Protagonist auf der Bühne nun in genau diese (derbe) Richtung abrutschen würde, gewährt Deutschmann nicht, sondern greift nach seinem Cello-Bogen, um elegant zum nächsten Thema überzuleiten: „Ich spiele Cello wegen der Sicherheit - ich sage nur: Titan-Stachel!”.

Der Vollblut-Kabarettist provoziert, wo es nur geht, von der „(nahen)East-Side-Story” („Scharia, Scharia”, „I like to be in Afghanistan”) bis zum deutschen Verfassungsschutz, der „100 Leute bei der NPD eingeschleust hat - oder ist es genau andersrum?”

„Helmut Kohl hat Anfang der 80er viele arbeitslose Lehrer ins Kabarett getrieben”, weiß Deutschmann, umso trauriger ist es, dass das Kabarett in Reinform, also die Fähigkeit eines einzelnen, nur mit Hilfe von scharf formulierten Worten und gezielten Pointen das gesellschaftliche sowie politische Treiben in seine Einzelteile zu zerlegen und somit Sinn wie Irrsinn freizulegen, heute immer seltener geworden ist. Dabei werde ihm als Kabarettisten eine solche Themenvielfalt geschenkt wie lange nicht mehr, allein das Tempo, mit dem wunderbare Vorlagen à la Guttenberg oder Wulff auf der politischen Bühne auf- und wieder abtreten, sei enorm: „Da kommt man kaum hinterher.”

Dann doch lieber die Religion: „Der Islam und die Christen haben im Grunde die gleiche Hölle, allerdings jeweils für die Andersgläubigen. Wenn Sie also als Christ in die katholische Hölle wollen, wirds schwierig”. Er hingegen bevorzuge die „griechische Hölle, den Hades. Seelen ruhen im Wasser - ideal für Rheumakranke”, so Deutschmann. In der Tat provoziert der Kabarettist und kostet die Wirkung seiner Worte gerne genüsslich aus.

Dann spielt er sein Cello, sinniert über das gerade Gesagte und leitet fast unbemerkt schon zum nächsten Thema über, vielleicht zur Eurokrise oder zur passenden Grabstein-Inschrift von Charlotte Roche („Ende offen”) und des unbekannten Hütchenspieler („Liege ich hier? Oder hier? Oder hier?”). Eines jedenfalls ist sicher: die „Aura des alten Mannes”, wie sie Heiner Geißler und Helmut Schmidt umgibt, und der damit verbundene „Altersradikalismus”, also zu sagen was man will, dürfte auch Matthias Deutschmann gewiss sein, wenn er so weiter macht.
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