Über eine Million Tonnen Asche pro Jahr

Von: tob
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Ein ungewohntes Bild: Einige Hänge der Kraftwerksreststoffdeponie schimmern derzeit grün. Der Tagebaubetreiber testet, wie ein erneutes „Staubereignis“ verhindert werden kann, unter anderem mit der eingefärbten Anspritzbegrünung. Foto: Tobias Röber
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Sind sich sicher, dass sie die Probleme des „Staubereignisses“ in den Griff bekommen: Tagebauleiter Dr. Stephan Strunk (links) und Peter Weber, der die Maßnahmengruppe leitet, die eine Wiederholung verhindern will. Foto: Tobias Röber

Eschweiler-Neu-Lohn. Sie hat in den vergangenen Wochen für einige Diskussionen gesorgt, zumindest argwöhnisch beäugt wird sie sicher auch künftig. Die Rede ist von der Kraftwerksreststoffdeponie (oder auch Aschedeponie), die am Ortsrand von Neu-Lohn liegt.

Grund für die Diskussionen war eben diese Asche, die in den Ort geweht worden war. Was geschieht eigentlich auf dieser Deponie und woher kommt die Asche? Wir haben uns die Deponie am Neu-Lohner Ortsrand erklären lassen.

Zunächst ein kurzer Rückblick, was bisher geschehen ist. Tagebau- und Deponiebetreiber RWE Power spricht in diesem Zusammenhang stets vom „Staubereignis“ am 24. März dieses Jahres. Etliche Lohner Bürger beteuern, dass nicht nur am 24. März Staub in den Ort geweht worden sei. Beschwerden beim Tagebaubetreiber hat es zuvor jedoch anscheinend nicht gegeben. Definitiv war der 24. März der Tag, an dem es die größte Staubentwicklung gegeben hat.

Warum ist Staub in den Ort geweht? Der Tagebaubetreiber nennt die für diese Gegend ungewöhnliche Kombination aus hoher Windgeschwindigkeit (an diesem Tag wurde Windgeschwindigkeit 7 erreicht), sehr niedrigen Temperaturen über einen längeren Zeitraum und – man mag es derzeit kaum glauben – langer Trockenheit als Ursache für das „Staubereignis“.

Im Grunde darf es zu solchen Staubentwicklungen erst gar nicht kommen. Die einzuhaltenden Vorschriften sind in der Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA Luft) festgehalten, die öffentlich im Internet einzusehen sind. Die oben genannten Bedingungen habe es so noch nicht gegeben, man habe folglich nicht damit gerechnet, sagt Tagebauleiter Dr. Stephan Strunk.

Was kommt auf die Deponie? Aus dem Kraftwerk Weisweiler kommen die sogenannte Normalasche, also die Asche, die beim Verbrennungsprozess der Kohle entsteht, und REA-Gips auf die Deponie, aus der Müllverbrennungsanlage (MVA) zusätzliche Rostasche, die jedoch lediglich einen Prozentsatz von sechs Prozent ausmacht. In Zahlen: Im Jahr 2012 gelangten 1.181.000 Tonnen Normalasche, 192.000 Tonnen REA-Gips und 86-000 Tonnen MVA-Asche in die Deponie. Normalasche und REA-Gips kommen vom Kraftwerk aus in ein Zwischendepot, die MVA-Asche in die MVA-Ascheaufbereitungsanlage, bevor sie mit Lkws zur Deponie gebracht werden. Tagebauleiter Dr. Stephan Strunk erklärt, dass die Asche erdfeucht zur Deponie geliefert werde, die Anmischung von Normalasche und REA-Gips erfolge bereits im Kraftwerk. REA-Gips wird aus den Abgasen von Rauchgasentschwefelungsanlagen (kurz: REA) gewonnen. Dabei reagiert das in den Abgasen enthaltene Schwefeldioxid mit beigemengtem Kalkstein zu Gips.

Auf der Deponie gibt es einen weiteren kleinen sogenannten Ablagerungsbereich für eigene Abfälle (AeA). Dorthin gelangten im vorigen Jahr 73.000 Tonnen Gemische aus Beton, Ziegeln, Fliesen und Keramik; 3000 Tonnen Bitumengemische, 16.000 Tonnen Boden und Steine sowie 20 Tonnen asbesthaltige Baustoffe. Letzteres werde selbstverständlich „gesondert verpackt“, betont RWE-Pressesprecher André Bauguitte.

Wenn der Tagebau irgendwann um das Jahr 2030 schließt, wird die Deponie eine Größe von 58 Hektar erreicht haben. Das ist in etwa so groß wie die Binnenalster oder 81 Fußballfelder. 19 Millionen Kubikmeter Asche werden die Deponie dann füllen. Diese Füllmenge entspricht etwa der des Blausteinsees, würde man diesen umstülpen. Derzeit ragt die Aschedeponie – ausgehend von der Höhe des Ortes Neu-Lohn – 40 Meter in die Höhe. Im endgültigen Zustand werden es 60 Meter sein. Es gibt eine sogenannte Basisabdichtung, also die Abdichtung am unteren Ende der Deponie in Richtung Grundwasser, und eine Oberflächenabdichtung, in denen jeweils mehrere Schichten zum Einsatz kommen, zum Abschluss die Rekultivierungsschicht. Das Ergebnis kann man derzeit von Neu-Lohn aus sehen. Schaut man etwa vom Sportplatz aus in Richtung Deponie, sieht man einen begrünten rechten Teil mit einem Weg und Aussichtspunkt. Wie dick diese Schichten sein müssen und wie durchlässig sie für Wasser sind, ist in der sogenannten Deponieverordnung genau festgelegt.

In Deutschland müssen Deponien gemäß dieser Deponieverordnung (DepV) vom 27. April 2009 errichtet, betrieben und überwacht werden. Sie trat am 16. Juli 2009 in Kraft. In ihr werden Deponieklassen definiert, aus denen Anforderungen an den Betrieb sowie an die Stilllegung und Nachsorge folgen. Entscheidend für die Bestimmung der Deponieklasse ist der zu verfüllende Abfall.

Die Aschedeponie in Neu-Lohn fällt unter die Deponieklasse I, sie ist per Definition für mäßig belastete, ungefährliche Abfälle. Klingt gut, einige Lohner Bürger wollten daran jedoch nicht so recht glauben. Sie stellten sich die Frage: Ist die Asche gefährlich? Einige Bürger nahmen daraufhin selbst Proben an verschiedenen Stellen und ließen sie untersuchen. Die Ergebnisse klangen beunruhigend, allerdings regte das RWE an, Bodenproben nicht nur von einem lizenzierten Büro analysieren zu lassen, sondern die Proben auch von einem solchen Büro entnehmen zu lassen. Bei einer Bürgerinformationsveranstaltung am 3. Mai vereinbarten der Tagebaubetreiber und die Lohner Bürger genau das. Am 7. Mai wurden die Proben gemeinsam entnommen, derzeit werden sie analysiert.

RWE Power muss selbst ständig Messungen vornehmen, so etwa für Immissionswerte. An zwei Stellen wird auf Arsen, Blei, Cadmium, Nickel, Quecksilber und Thallium sowie die anorganischen Verbindungen dieser Elemente getestet. Im März 2013 lagen die Messergebnisse deutlich unter den Grenzwerten der TA Luft. Das Umwelt Control Labor (UCL) hat diese Werte bekanntgegeben.

Bodenproben werden ebenfalls analysiert. So gab es eine Messung am 27. März, also drei Tage nach dem „Staubereignis“. Die für die Schwermetalle Cadmium, Blei, Chrom, Kupfer, Quecksilber, Nickel und Zink ermittelten Feststoffgehalte unterschreiten die nach der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung (BBodSchV) zulässigen Grenzwerte (oder in der Fachsprache Vorsorgewerte). Messung und Analyse lagen in diesem Fall beim Labor Geotaix aus Würselen. Chemisch wurden diese Proben ebenfalls von Geotaix untersucht. Dabei ging es um eine Gefahrenbeurteilung, da auf einer Ackerfläche gemessen wurde. Die Werte liegen wiederum unter den Grenzwerten.

In diesem Zusammenhang betont Tagebauleiter Dr. Stephan Strunk, dass ein Landwirt, auf dessen Felder Asche geweht war, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung gefordert und bekommen habe.

Wie geht es jetzt weiter? Bei der Bürgerinformationsveranstaltung am 3. Mai wurde eines besonders deutlich: Die Lohner wollen Lösungen und zwar sofort. Dr. Stephan Strunk bat um Verständnis, dass er noch nichts Konkretes sagen wolle, bevor die Maßnahmen definitiv feststehen. Eines versprach er: „Bis zum Sommer sind wir fertig!“ Am Tag des „Staubereignisses“ und auch jetzt noch werden zu den ohnehin ständig im Einsatz befindlichen Beregnungsanlagen weitere eingesetzt. Zudem wird die sogenannte Anspritzbegrünung intensiver eingesetzt.

Bei RWE Power wurde ein Team unter der Leitung von Projektingenieur Peter Weber zusammengestellt, das diese Maßnahmen entwickelt. Es wird viel getestet. Etwa mit der Anspritzbegrünung, die ein schnelleres Wachstum der Vegetation gewährleistet. Diese Anspritzbegrünung kann man derzeit ganz gut sehen: Sie ist grün eingefärbt, um zu sehen, wo gespritzt wurde und wo nicht. Dr. Stephan Strunk möchte die Lohner Bürger auf die Deponie einladen, sobald die genauen Maßnahmen feststehen. Und er verspricht: „Was wir da erlebt haben, werden wir in Zukunft nicht mehr erleben.“ Allerdings schließt das RWE ein erneutes „Staubereignis“ nicht aus, wenn es wieder einmal unvorhersehbare Bedingungen geben sollte.

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