Trotz stetigem Wachstum: Warum wird Eschweiler nicht reich?

Von: René Benden
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Eschweiler
Bilder einer armen Stadt: Eschweilers Pro-Kopf-Einkommen ist niedrig. Dementsprechend schwach ist die Kaufkraft. Foto: Steindl
City Center
Foto: Steindl
Neubaugebiete
Gleichzeitig wächst die Stadt. Zahlreiche Neubaugebiete sind entstanden. Doch von der positiven Entwicklung sind andere Gebiete wie in Eschweilers Osten abgehängt. Foto: Steindl
Marktplatz
Der Marktplatz ist neu gestaltet und soll das Zentrum wieder attraktiv machen. Foto: Steindl

Eschweiler. Eigentlich war Eschweiler nur zweite Wahl, als Gerd Hasselt (Namen v. d. Red. geändert) vor gut sechs Jahren nach Bauland suchte, um ein Haus zu bauen. Der Informatiker aus Siegen wohnte da schon seit ein paar Jahren in Aachen zur Miete. Die RWTH hatte ihn gelockt. In Aachen lernte er seine spätere Frau Anna, eine Lehrerin, kennen.

Zwei Kinder brachte Anna zur Welt, ein drittes Kind war unterwegs, nun sollte ein Haus her. „Aber die Immobilien- und Grundstückspreise in Aachen fand ich einfach nur absurd“, sagt Hasselt. Also suchte das Paar im Aachener Umland und wurde in Eschweiler fündig.

Das Einfamilienhaus der Hasselts steht heute in einer schmucken Neubausiedlung im Eschweiler Stadtteil Dürwiß. Gerd hat sich mit einem kleinen Softwareunternehmen selbstständig gemacht. Anna unterrichtet wieder einige Stunden an einer Aachener Grundschule. Im Jahresdurchschnitt hat die Familie monatlich zwischen 5000 und 6000 Euro netto zur Verfügung, um alle Kosten für das tägliche Leben zu decken. „Uns geht es sehr gut. Mit der Entscheidung, hierher zu ziehen, sind wir absolut glücklich“, sagt er.

Für Eschweiler sind Familien wie die Hasselts ein Glücksfall. Aus mehreren Gründen: Mit jedem zusätzlichen Einwohner steigt der Anspruch auf Fördergelder, die eine Stadt vom Land oder dem Bund erhält. Hinzu kommt, dass Familien wie diese genügend Kaufkraft in eine Stadt mitbringen, von der beispielsweise der lokale Einzelhandel profitiert, was der wirtschaftlichen Kraft der ganzen Stadt hilft. „Noch vor kurzem ist uns prognostiziert worden, dass Eschweiler kleiner wird. Tatsächlich aber wächst die Stadt“, sagt Bürgermeister Rudi Bertram (SPD).

Die Nachfrage nach neuem Bauland sei ungebrochen hoch. Wohnten im Dezember 2014 noch 57.060 Einwohner in Eschweiler, waren es im März 2017 schon 58.212 – Tendenz steigend. Ebenso wie die Einnahmen der Stadt über Steuern. Die Arbeitslosenquote ist mit neun Prozent immer noch hoch, doch die Entwicklung ist positiv. Waren im März 2006 noch 14.905 Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, sind es 2017 immerhin 17.737. Diese Entwicklung sei sehr erfreulich, betont Bertram.

Und dennoch bleibt Eschweiler eine der ärmsten Kommunen in der Städteregion. Jedes vierte Kind wächst statistisch betrachtet in Armut auf. Beim Pro-Kopf-Einkommen liegt Eschweiler im NRW-Ranking von 396 Kommunen auf Platz 367. Das bedeutet, dass auch die Kaufkraft schlecht ist. Wie zum Beweis ist das einstige Einkaufszentrum der Stadt verfallen und abrissreif. Die Gründe, warum die Stadt trotz vieler positiver Entwicklungen kaum allgemeingesellschaftlichen Profit verbuchen kann, sind komplex. Doch unter vielen Gründen stellt der Bürgermeister einen nach vorne: „Mein Gefühl sagt mir, dass derjenige, der keine gute Ausbildung hat, heute auf der Strecke bleibt.“

Keine Bildung, keine Chance

Die Zahlen geben dem Gefühl des Bürgermeisters recht: Fast 60 Prozent der Arbeitslosen in Eschweiler haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Damit belegt Eschweiler im Bezirk der Arbeitsagentur, der die Städteregion, Düren und Heinsberg umfasst, einen Spitzenrang. Zum Vergleich: Im Kreis Heinsberg sind es nur 50 Prozent. 488 der 2678 Arbeitslosen in Eschweiler haben nicht einmal einen Schulabschluss. Diese Menschen sind praktisch ohne Chance auf eine dauerhaft auskömmliche Arbeitsstelle.

Denn von den bei der Arbeitsagentur in der Städteregion gemeldeten offenen Stellen setzen 86 Prozent eine abgeschlossene Ausbildung voraus. Die Zahl sogenannter Helferstellen für unqualifizierte Arbeitskräfte ist rückläufig. In der gesamten Städteregion gibt es nur noch 714 derzeit gemeldete offene Helferstellen. Auf der anderen Seite meldet der Eschweiler Arbeitsmarkt durchaus Bedarf. Vor allem im Handwerk und im Pflegesektor ist der Bedarf groß.

Die alte Arbeitersiedlung Eschweiler-Ost ist schon lange ein Ort, den man einen sozialen Brennpunkt nennen würde. Unter den rund 2500 Menschen die hier leben, sind die Arbeitslosigkeit, die statistische Armut und der Migrationsanteil überproportional hoch. Die Häuser der Siedlung sind kürzlich saniert worden, hauptsächlich mit öffentlichen Fördermitteln. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Sozialleistungen, die die Stadt jährlich ausgibt, fließt hierher. Eine ganze Reihe von Initiativen und Institutionen arbeitet dafür, in Eschweiler-Ost keine Parallelgesellschaft entstehen zu lassen. Ein wichtiger Schritt dafür wäre die Integration auf dem Arbeitsmarkt. Doch die bleibt, trotz aller Bemühungen, vielen in diesem Stadtteil verwehrt.

Ein Großteil der Förderung scheint zu verpuffen. Bürgermeister Bertram ist der Meinung, dass viele kommunale Sozialleistungen die Armut nur finanzieren würden. „Ich würde doch viel lieber mehr Geld in die Schulen stecken, als in Sozialleistungen. Dann muss auf der anderen Seite aber auch gewährleistet sein, dass alle, die Arbeit annehmen, auch davon leben können. Das ist nicht mehr so.“ Als Beweis führt Bertram die 26 Prozent der Menschen im Sozialleistungsbezug in Eschweiler an, die trotz Arbeitsstelle Hilfeleistungen benötigen.

Birgit Emonds arbeitet in einer absoluten Wachstumsbranche. Sie ist Erzieherin an einer Eschweiler Kita. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es einen akuten Mangel an Erzieherinnen, seitdem es eine gesetzliche Pflicht gibt, allen Familien, die ihre Kinder in Betreuung geben wollen, auch einen Platz einzurichten. Emonds ist geschieden, hat einen Sohn, der in die dritte Klasse geht und sportlich sehr aktiv ist. Das ist durchaus ein Problem. Denn immer dann, wenn neue Fußballschuhe, ein Feriencamp oder sonstige Dinge anstehen, muss Emonds gut rechnen. Ihr Nettoeinkommen liegt bei rund 1700 Euro.

Das Amtsgericht hat ihr nun ausgerechnet, dass ihr nach Abzug aller Kosten für das tägliche Leben von ihrem Einkommen monatlich 183 Euro bleiben. Davon muss sie nun 91 Euro im Monat abführen, weil sie Prozesskostenhilfe im Unterhaltsstreit mit ihrem Ex-Mann bekommen hat. „Wir kommen über die Runden. Ich will mich auch gar nicht großartig beschweren. Aber Ausgaben außerhalb der Reihe sind nicht drin“, sagt Emonds. Gemessen an der Verantwortung, die ihr Beruf mitbringt, und den stets wachsenden Ansprüchen an die Kita, hält sie sich für unterbezahlt. Mit dieser Meinung steht sie gewiss nicht allein. Dass sich an ihrer finanziellen Situation viel ändert, glaubt sie kaum. Lukrative Aufstiegschancen gibt es in ihrer Branche nicht.

Viel Arbeit, wenig Lohn

Emonds steht stellvertretend für eine Gruppe von Arbeitnehmern in Eschweiler, die zwar Arbeit haben, deren Lohn aber nicht ausreicht, um durch private Investitionen zum wirtschaftlichen Wachstum einer Stadt beizutragen. Und diese Gruppe ist in Eschweiler groß, wenn man bedenkt, dass die Stadt beim Pro-Kopf-Einkommen im NRW-Vergleich im untersten Tabellenbereich steht.

„Beschäftigung alleine ist kein Gradmesser für Wirtschaftskraft. Die Bezahlung muss auch stimmen“, sagt Bertram. Mit Unbehagen schauen in Eschweiler derzeit viele auf das Kraftwerk in Weisweiler. Dort werden Hunderte Menschen gut bezahlt. Spätestens 2030 ist dort Schluss. Was danach kommt, ist offen.

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