Trostloses Warten auf die Abschiebung

Von: Patrick Nowicki
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Leben in der Sammelunterkunft, keine „Bleibeperspektive“ in Deutschland: Sechs Männer aus dem Iran leben seit Monaten in einem etwa 20 Quadratmeter großen Zimmer. Foto: Patrick Nowicki
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Ehrenamtler wie Brigitte Averdung-Häfner versuchen, den Menschen zu helfen und sie zu motivieren. Foto: Patrick Nowicki
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Mit wenigen Quadratmetern muss Nigar Stojanovska mit ihren Kindern auskommen. Foto: Patrick Nowicki
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Auch Hala Akkad und Ala Eddin wohnen auf engstem Raum. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Fröhlich sitzen Menschen beisammen, kochen gemeinsam und lachen. In der „Soulkitchen“ in Weisweiler wird Weihnachten gefeiert und nichts erinnert an die Odyssee, die mancher erleben musste. Diese Runde steht sinnbildlich für das Engagement der Helfer und der Bewohner, der tristen Notunterkunft an der Severinstraße etwas Farbe und damit Lebensfreude zu geben. Dies war vor einem Jahr. Inzwischen fällt das Fazit trostlos aus: Viele Ehrenamtler sind frustriert, von den Errungenschaften blieb im Laufe der vergangenen Monate nur wenig übrig.

Die Regale in der Küche sind leer, das Porzellan, das die ehrenamtlichen Helfer besorgt haben, ist verschwunden. Auch die Möbel, die dem Kellerraum Gemütlichkeit verliehen, sucht man vergebens. Die verbliebenen wenigen Tische und Stühle wackeln bedenklich und sind kaum noch nutzbar. Was einmal „Soulkitchen“ war, ist heute ein leerer, karger Kellerraum. Manche Bewohner schildern, dass Dinge mutwillig zerstört wurden. Andere berichten von nächtlichen Besuchern, die sich bedient haben – die Einrichtung ist 24 Stunden am Tag geöffnet. Wer durch den Flur im Erdgeschoss geht, muss über eine große Pfütze steigen. Oft rieche es nach Urin, sagt ein Familienvater. Genau solche Verhältnisse wollen die ehrenamtlichen Helfer eigentlich vermeiden.

Beschwerden von Anwohnern

Vor einigen Wochen häuften sich die Beschwerden der Anwohner. Müll liege auf dem Gelände herum, nachts sei es laut, hieß es. Die Stadtverwaltung handelte, auch Kommunalpolitiker schauten sich vor Ort um. „Wir können leider nur auf Hinweise reagieren“, sagt der zuständige Dezernent der Stadt Eschweiler, Stefan Kaever. Die Probleme in solchen Sammelunterkünften seien nicht neu und ihm auch bekannt. In der Vergangenheit kam es immer wieder dazu, dass Leute in eine andere Unterkunft gebracht werden mussten, weil es Ärger gab. In Weisweiler leben aktuell 70 Personen mit unterschiedlichen Nationalitäten und kulturellen Hintergründen. Was sie verbindet: Sie werden alle wahrscheinlich abgeschoben. Manche nach wenigen Monaten, andere nach Jahren.

Etwa 20 Quadratmeter groß ist das Zimmer, in dem Hameed, Radif, Hedr, Saied, Abbas und Atabey wohnen. Die Iraner schlafen in drei Etagenbetten, ihr Hab und Gut befindet sich in schmalen Spinden. In dem kleinen Raum verbringen sie die meiste Zeit, obwohl mancher von ihnen gerne arbeiten möchte. Radif schläft seit zwei Jahren dort und wartet auf den Ausgang seines Verfahrens. Ihm droht wie allen anderen Zimmergenossen die Abschiebung. Für ihn kommt darum eine Arbeit im Rahmen der Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen (Fim) nicht in Frage. Die Regularien für dieses Programm sind eng gesteckt: wahrscheinliche Duldung, noch kein abgeschlossenes Asyl-Verfahren, die Arbeitsstelle muss neu geschaffen sein und darf keinen derzeit schon bestehenden Job ersetzen. Dies lässt den Personenkreis schnell schrumpfen. 56 sogenannte Arbeitsgelegenheiten hat die Stadt Eschweiler gemeldet, zwölf intern bei der Verwaltung selbst.

Wer in der Sammelunterkunft Severinstraße lebt, hat kaum eine Chance, an einen Job zu gelangen. Die Ehrenamtler sind sich einig: Man dürfe die Asylbewerber dort nicht sich selbst überlassen. „Es muss jemand da sein, der sich mit Ämtern auskennt und die Menschen an die Hand nimmt“, fordert Axel Borrenkott. Der ehemalige Redakteur unserer Zeitung gab vor einem Jahr noch ehrenamtlich Sprachkurse für Flüchtlinge. Vieles, was auf die Menschen aus aller Herren Ländern einprasselt, ist mit Behördengängen verbunden. Dies gestaltet sich schwierig genug, kennt man solche Strukturen nicht. Zur fast unüberwindbaren Hürde werden sie, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Immerhin: Einige der in der Severinstraße wohnenden Menschen besuchen jetzt einen Sprachkurs in der Volkshochschule.

Ein Hausmeister der Stadt schaut in der Unterkunft nach dem Rechten, doch auch er kann nicht verhindern, dass sich das Miteinander der unterschiedlichen Kulturen schwierig gestaltet. Die Zimmer sind beengt, manche Bewohner klagen über psychische Probleme. Die Ehrenamtler sind bemüht, die Betroffenen aus dem tristen Alltag in der Sammelunterkunft herauszureißen. „Viele Menschen sind engagiert, wenn man sie anleitet und auffordert“, berichtet Brigitte Averdung-Häfner, die immer wieder Indestädter mobilisiert, sich in der Flüchtlingshilfe einzubringen. Ihre vielfältigen Aktivitäten wurden in diesem Jahr mit dem Europäischen Sozialpreis der Gesellschaftspolitischen Bildungsgemeinschaft gewürdigt. Sie kennt die Probleme, die Flüchtlinge begleiten.

Oft müssen die Helfer bei einfachen Dingen ansetzen: Müll wegbringen und trennen, Sauberkeit. Dazu kommt für die Ehrenamtler die Erfahrung, dass man sich immer wieder von Menschen verabschieden muss, die man monatelang begleitet hat. Auch von Kindern, selbst wenn sie in Deutschland geboren wurden. Nigar Stojanovska stammt aus Mazedonien, ihr Sohn Lazo kam allerdings in Eschweiler zur Welt. Bis vor wenigen Wochen befand sich auch ihr Mann in Weisweiler, er wurde allerdings inzwischen abgewiesen, der Nachzug seiner Familie steht bevor.

„Wir dürfen es den Betroffenen auch nicht zu leicht machen“, sagt Averdung-Häfner. Mitleid helfe in solchen Fällen alleine nicht. Konkret fordert sie Hilfe zur Selbsthilfe. Viele ihrer Mitstreiter haben inzwischen das Handtuch geworfen. Dies liegt auch daran, dass die Arbeit in der Sammelunterkunft mühselig und manchmal vergebens ist. Wie Dezernent Stefan Kaever bestätigt, befinden sich an der Severinstraße Menschen ohne „Bleibeperspektive“. In der Folge sind die Flüchtlinge wenig motiviert, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, bis die Abschiebung letztlich erfolgt. Diese Mutlosigkeit erschwert den Einsatz der Ehrenamtler.

Familien, die Hoffnung auf ein Bleiberecht haben, werden von den Sozialarbeitern des Sozialamtes in Wohnungen vermittelt. Inzwischen macht sich auch in der Sammelunterkunft bemerkbar, dass Eschweiler in diesem Jahr keine weiteren Flüchtlinge aufgenommen hat. Bis zu 110 Menschen waren an der Severinstraße untergebracht, mehrere Familien mussten sich ein Zimmer teilen. „Die Lage hat sich etwas entspannt“, teilt Kaever mit. Andere Probleme sind jedoch noch nicht gelöst.

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