Todesangst auf der Flucht vor dem Bombenhagel

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Sie sind dem Tod entkommen, aber ihre Heimatstadt liegt in Trümmern. Von links Piwra, Abdul Kadir Sidi, Walat, Amera Ali, Piyar und Hilat Sidi. Foto: Ebbecke-Bückendorf
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Abdul Kadir Sidi war in Syrien freiberuflicher Kameramann. Er würde gern in Deutschland bleiben und hier für sich und seine Familie eine neue Existenz aufbauen. Jetzt sucht er eine Wohnung: Bislang lebt er in mit sechs Personen in zwei Zimmern. Foto: Ebbecke-Bückendorf
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Was von Kobane übrig ist. So sieht die Heimat der Familie Sidi nach dem Vertreiben der IS-Milizen aus. Foto: dpa
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Nur das Notwendigste, schnell in Säcke gepackt, konnten die Bewohner von Kobane bei ihrer Flucht mitnehmen. Gebrechliche Menschen wurden getragen oder in Schubkarren zur türkischen Grenze geschafft. Foto: Website Kurdische Nachrichten

Eschweiler. Die Schlacht um Kobane bewegte im Herbst und Winter 2014 die Welt. Die syrisch-kurdische Stadt an der Grenze zur Türkei war von Truppen der Organisation Islamischer Staat (IS) angegriffen worden. Unter den zehntausenden Einwohnern von Kobane, die über die nahe Grenze in die Türkei flüchteten, war auch die Familie Sidi. Sie lebt jetzt in Eschweiler – fast.

Die vier Kinder und ihre Mutter sind in Eschweiler, aber Familienvater Abdul Kadir Sidi muss aus Hessen anreisen, um sie zu besuchen. Kobane ist – oder war – eine Stadt von 50.000 Einwohnern, etwa so groß wie Eschweiler. Auf arabisch heißt sie Ain al-Arab, Kurden nennen sie Kobanî. So steht es auch als Herkunftsort im Ausweis von Abdul Kadir Sidi: Kobanî. Die Familie Sidi, kurdisch wie fast alle Einwohner in der de facto autonomen Region Nordsyrien, gehörte zum Mittelstand in Kobane.

Vater Abdul (44) war freiberuflicher Kameramann, seine 36 Jahre alte Frau Amera Ali Lehrerin. Mit ihren vier Kindern, den Mädchen Hilat und Piwra und den Jungen Walat und Piyar, lebten sie in ihrem eigenen Haus. Das Gebäude können sie heute auf Luftbildern von Kobane als zerschossene Ruine ausmachen: „Dort haben wir gewohnt!“

Den 19. September 2014 wird Abdul Kadir Sidi nie vergessen. 12.000 IS-Kämpfer, die in den Wochen zuvor den Belagerungsring um die Stadt immer enger gezogen hatten, griffen gleichzeitig von Süden, Osten und Westen an. Kobane war überfüllt mit Flüchtlingen, 200.000 sollen es gewesen sein. Die kurdische Miliz YPG (Yekîneyên Parastina Gel – Volksverteidigungseinheiten) forderte die Zivilbevölkerung auf, die Stadt zu verlassen und sich in der nahen Türkei in Sicherheit zu bringen.

„Innerhalb von zwei Tagen war die Stadt leer“, berichtet Sidi. „Manche Leute haben ihre Eltern auf den Rücken genommen und zur Grenze getragen.“ Doch die Türkei ließ die Flüchtlinge zunächst nicht herein. Die Bilder gingen damals um die Welt. Verzweifelte Menschen, die vor dem Zaun der türkischen Grenze standen, hinter sich die bombardierte Stadt, vor sich bewaffnete Soldaten und Stacheldraht. Nach einem Tag wurde die Grenze endlich geöffnet.

Kritische Lage in der Türkei

Wie er sich gefühlt hat in dieser Situation? „Wie soll man sich fühlen, wenn man vor dem Tod wegläuft?“ fragt Abdul Sidi zurück. „Man ist in Todesangst, auch um Frau und Kinder. Die Stadt wurde bombardiert. Eine Bombe ist genau neben unserem Haus eingeschlagen. Mein Bruder, der im Haus nebenan gewohnt hat, war gerade im Hausflur. Er ist nur durch Glück unverletzt geblieben.“ Und er konnte später auch entkommen, er lebt jetzt in der Türkei.

Familie Sidi kam zunächst bei Verwandten in der Türkei unter, musste sich aber bald eine eigene Wohnung suchen, während monatelang um Kobane gekämpft wurde. „Viele junge Männer und auch Mädchen sind gestorben“, berichtet Sidi mit stockender Stimme. Trotz heftiger Gegenwehr der kurdischen Milizen, die durch Kampfjets einer Anti-IS-Allianz unterstützt wurden, drangen die IS-Kämpfer bis ins Stadtzentrum vor.

Erst im Februar 2015 konnte die Stadt nach zähem Häuserkampf befreit werden. „Wir wollten natürlich so schnell wie möglich zurück nach Syrien“. Aber im Juni gab es erneut Angriffe der IS-Milizen. Die Sidis hörten Gerüchte über Massenvernichtungen, Hinrichtungen: „Wenn ich zurück gegangen wäre, wäre ich dort umgekommen.“

Sie blieben in der Türkei. Aber im Oktober 2015 wurde die Lage der Familie kritisch. Es gab keine Arbeit, das Geld ging zur Neige, und die Türkei gewährte nur ein Jahr Aufenthalt. „Ich habe zu meiner Frau gesagt, flieh du mit den Kindern! Geh nach Deutschland! Aber ich habe Todesängste ausgestanden, weil sie sich tagelang nicht melden konnte während ihrer Flucht.“

Er selber blieb zurück, um seine kranke Mutter zu pflegen. Erst als diese wieder gesund war, machte auch Abdul Kadir Sidi sich auf den Weg, mit einem Schlauchboot nach Griechenland und dann über die Balkan-Route. Anfang November waren Frau und Kinder angekommen, im Januar erreichte auch er Deutschland.

Warum Deutschland? „Weil in Deutschland die Menschenrechte gelten! Weil es hier Gesetze und Recht gibt, und die werden ernst genommen! Es gibt Hilfe, und wenn jemand nicht helfen kann, dann zeigt er dir doch einen Weg, den du gehen kannst!“ Diese Unterstützung hat die kurdische Familie auch von ehrenamtlichen Helfern bekommen. Voll Dankbarkeit nennt Abdul Sidi die Familie Wätzmann.

Zur Familie nur zu Besuch

Sidis Vertrauen in deutsches Recht und Gesetz hat allerdings einen Knacks bekommen. Und das hat mit der deutschen Bürokratie zu tun. Seit sieben Monaten ist er in Deutschland, und seit sieben Monaten versucht er, zu seiner Familie nach Eschweiler zu ziehen. Und darf es nicht.

Selbstverständlich hat er, als er ankam, erzählt, dass seine Familie bereits hier sei, in Eschweiler. Da wolle er auch hin, die Familie brauche ihn, und eines seiner Kinder sei behindert. Er kam aber nicht nach Eschweiler, sondern nach Gießen. Dort versicherte man ihm, dass er nach Eschweiler dürfe – und schickte ihn stattdessen in ein Wohnheim in der winzigen hessischen Kleinstadt Wetter.

Dort ist jetzt sein offizieller Wohnsitz. In Eschweiler darf er nur zu Besuch sein. Natürlich ist er dauernd hier zu Besuch, aber er muss sich das jeden Monat neu genehmigen lassen. Und das häufige Reisen ist auch nicht billig.

Das war eine bittere Erfahrung. In seiner ersten Station in Deutschland, in Deggendorf, sind viele andere Flüchtlinge einfach weggegangen, haben sich anderswo in Deutschland gemeldet und ihn ausgelacht, weil er geblieben ist. Sidi schüttelt den Kopf: „Ich bin nach Deutschland gekommen, weil hier Recht und Gesetz gilt, und dieses Recht wird mich zu meiner Familie führen. Ich kann nicht hier ankommen und als erstes die Gesetze brechen und mich auflehnen.“

Aber verwundert sei er schon. „Das sind jetzt sieben vergeudete Monate. Ich hätte längst in einem Deutschkursus sein können. Ich schäme mich, dass ich hier Geld vom Staat bekomme, ohne etwas zu tun. Ich bin ein kräftiger Mann, ich kann viel arbeiten.“ Das will er unbedingt. In Deutschland bleiben und arbeiten. „Ich bin für meine Kinder geflohen. Ich möchte ihnen eine Zukunft bieten. Sie gehen hier zur Schule, sie sollen Bildung bekommen und hier ihre Chancen nutzen.“

Das tun die Kinder fleißig. Sie sind erst wenige Monate in Deutschland, aber der elfjährige Walat, die neun Jahre alte Hilat und ihre fünfjährige Schwester Piwra sprechen bereits prima Deutsch. Auch ihre Mutter macht gerade einen Deutsch-Kursus. Für den behinderten jüngsten Sohn Piyar wurde ein Platz in einem heilpädagogischen Kindergarten gefunden.

Ärgerliche Bürokratie

Über die Bürokratie ärgern sich auch Beate und Marcus Wätzmann. Das Eschweiler Ehepaar kümmert sich ehrenamtlich um die Familie Sidi, seit deren Eintreffen in Eschweiler. „Damit Herr Sidi nach Eschweiler ziehen darf, musste ein Umverteilungsantrag gestellt werden“, erläutert Beate Wätzmann.

Und zwar bei der Bezirksregierung Arnsberg. Das dauert. „Die Anträge werden in der Reihenfolge des Eingangs bearbeitet. Wir bitten Sie um Verständnis, dass dies einige Zeit in Anspruch nehmen kann“ steht auf der Arnsberger Internetseite. Und von Nachfragen möge man bitte absehen.

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