Eschweiler - Tatort Internet: Schüler durch Cybermobbing am digitalen Pranger

Tatort Internet: Schüler durch Cybermobbing am digitalen Pranger

Von: Nina Lessenich
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Wissen sich oft nicht zu helfen: Viele Schüler fühlen sich mit ihrem Problem alleine und schämen sich. Foto: Nina Leßenich
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Hat ein offenes Ohr für die Schüler des Berufskollegs: Schulsozialarbeiterin Monika Stephan.

Eschweiler. Oft braucht man nur ein wenig anders zu sein: anders sprechen, andere Klamotten tragen, eine andere Herkunft haben. „Jeder kann zum Opfer von Cybermobbing werden“, sagt Peter Arz. Der zuständige Aachener Kriminalhauptkommissar beschäftigt sich als Sachbearbeiter mit der Prävention von Internetkriminalität.

Doch was genau ist Cybermobbing? Wer andere mit digitalen Kommunikationsmitteln absichtlich beleidigt, bloßstellt, belästigt oder gar bedroht, wird zum Cybermobber. Beteiligt sind dabei in der Regel mehrere Täter, die ein Opfer gemeinsam über einen längeren Zeitraum angreifen.

„Mit dem Begriff muss man natürlich vorsichtig sein. Besonders von den Schülern wird er inflationär benutzt“, mahnt Arz. Nicht jede böse E-Mail sei gleich Cybermobbing. Das bestätigt auch Monika Stephan, Schulsozialarbeiterin am Berufskolleg Eschweiler. Seit 17 Jahren befasst sie sich an der Berufsschule unter anderem mit Fällen von Cybermobbing. „Rollenkonflikte und Streitigkeiten sind ganz normal”, erklärt sie. Nichtsdestotrotz gäbe es natürlich Grenzen: Cybermobbing sei ein reales Problem.

Wie ein Dauerfeuer

Das besonders perfide am Cybermobbing: das Internet ist überall. „Reales Mobbing ist für die Betroffenen auch grausam, aber man kann zumindest nach Hause fahren und dann ist Schluss“, weiß auch Peter Arz. Diesen heimatlichen Schutzraum gäbe es im Internet jedoch nicht mehr. Cybermobbing sei wie ein Dauerfeuer und verfolge die Betroffenen bis ins Kinderzimmer.

Aber nicht nur die Opferrolle würde sich durch die permanente Erreichbarkeit im Internet verändern. Auch das Profil der Täter habe sich im Internet gewandelt. „Früher war Mobbing eine Sache der Alphas“, erklärt Peter Arz. Gemobbt hätten meist die dominanten Kinder, schließlich hätte man den Opfern noch real gegenübertreten müssen. „Auch das ist im Internet anders. Hier kann jeder zum Täter werden.“

Der neuste Trend in Sachen Cybermobbing seien Gruppenkonversationen in Kurznachrichtendiensten wie Whatsapp oder bei Facebook. „Die Jugendlichen erstellen bei diesen Nachrichtendiensten Gruppen, die nur dazu dienen, eine bestimmte Person fertigzumachen”, berichtet Monika Stephan aus ihrem Berufsalltag. Von Gerüchten und fiesen Witzen bis zu manipulierten Fotos könne man in diesen „Anti-Gruppen“ dann alles finden. Die betroffenen Schüler selbst seien natürlich nicht in diesen Gruppen: Sie erfahren in der Regel nur über Dritte von den Attacken.

Diese Art des Cybermobbings erlebe man besonders häufig bei Mädchen: sowohl auf Täter- als auch auf Opferseite. „Die Gründe hierfür kann man natürlich nicht verallgemeinern, aber Jungs sind in der Regel direkter in ihren Konflikten. Da wird sich nach einem Streit auf dem Schulhof gerangelt und danach ist es meistens wieder gut. Außerdem haben Jungs oft ein dickeres Fell und lassen sich nicht so einfach angreifen“, erklärt die Schulsozialpädagogin. Mädchen nähmen derartige Angriffe oft persönlicher und fühlten sich deutlich schneller angegriffen.

Besonders problematisch sei auch, dass selbst die engsten Freunde sich oft von den Opfern abwenden, statt Ihnen beizustehen. „Nehmen wir das klassische Beispiel Nacktfotos“, sagt Peter Arz. „Eine Schülerin macht ein Nacktfoto für ihren Freund, der prahlt damit vor seinen Freunden, das Foto gerät in Umlauf. Früher hätten die besten Freundinnen da zu einem gestanden“, erklärt er. Das habe sich in den letzten Jahren jedoch drastisch verändert. „Die Gruppendynamik zieht heute selbst beste Freunde schnell auf die Seite der Täter“, meint Arz.

„Man macht halt mit“

„Man macht halt mit, wenn viele über jemanden lästern“, sagen zwei Eschweiler Schülerinnen. „Das trifft ja aber auch jeden Mal. Es wird doch quasi über jeden mal hergezogen. Das ist aber ja auch irgendwann wieder vorbei. Man muss ja nicht gleich zur Schulleitung rennen und sich anstellen.“

Diese Unüberlegtheit der Täter erlebt auch Monika Stephan häufig. „Die Täter wissen zwar, dass sie die Opfer verletzen, aber oft nicht, was genau sie beim Opfer anrichten. Das ist eben der Anonymität des Internets geschuldet.“ Das man sich online nicht mehr persönlich mit seinem Opfer auseinandersetzen muss, sei jedoch nicht nur negativ: Es eröffne auch eine Lösungsmöglichkeit. „Viele Fälle von Cybermobbing lassen sich lösen, indem man Täter und Opfer in der realen Welt zusammen bringt. Täter begreifen dann schnell, was sie da eigentlich anrichten“, erklärt sie.

Der Weg zu einem solchen Gespräch ist jedoch oftmals schwierig. Betroffene Kinder fühlen sich alleine, haben das Gefühl, niemand könne ihnen helfen. Hinzu komme die Angst, die Hänseleien zu verschlimmern, wenn man darüber redet. Genau das sei das Problem, so Peter Arz. „Wer von Mobbing betroffen ist, braucht Hilfe. Aus so einer Situation kommt niemand alleine raus.“ Betroffene Schüler sollten sich in jedem Fall an Erwachsene wenden, auch wenn die Scham oft groß ist. „Gar nichts zu tun ist keine Lösung“, sagt auch Monika Stephan. Betroffene Schüler sollten sich vertraulich an die Schulsozialarbeit oder an Lehrer wenden.

Auch die Eltern von betroffenen Schülern möchte Monika Stephan ermutigen, zu reden: Auch dann, wenn die Kinder das nicht wollen. „Eltern sollten in jedem Fall das Gespräch mit der Schule suchen, wenn ihr Kind von Mobbing oder Cybermobbing betroffen ist“, empfiehlt sie. Besonders im Falle des Cybermobbings seien die Schulen auf diese Hinweise angewiesen, da Lehrer solche Entwicklungen oft nicht mitbekämen. „Das Internet ist eben ein anonymer Raum. Im Freundeskreis haben Eltern und Lehrer schon wenig Einfluss gehabt, im Internet verlieren sie ihn fast ganz.“

Nicht überreagieren

Trotzdem sei es wichtig, das Eltern nicht überreagieren. Das eigene Kind in Watte zu packen sei keine Lösung. Vielmehr gelte es, die Medienkompetenz der Jugendlichen zu stärken. „Private Daten gehören einfach nicht ins Internet. Da gibt es keine Diskussion“, sagt Peter Arz. „Wenn alle Jugendlichen sich daran halten würden, wären die meisten Fälle von Cybermobbing vom Tisch.“

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