Tanzmarie: Ein Knochenjob, der Spaß macht

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
7219913.jpg
Mit Schwung in den Spagat zu springen sei für sie kein Problem, sagt Gill Ganser, Funkemariechen bei der KG Kirchspiel Lohn. Foto: Valerie Barsig
7219916.jpg
Mit Trainerin Maja Maijevic (links) arbeitet Jill eng zusammen. Dehnen vor dem Tanzen ist Pflicht, sonst drohen schlimme Verletzungen. Foto: Valerie Barsig

Eschweiler. Das sieht unbequem aus: Jill Ganser steht mit dem Rücken zu einer Matte im Eschweiler Dance Center, vor ihr steht Trainerin Maja Matijevic und drückt gegen Jills rechten Fuß. Der befindet sich gerade neben ihrem Kopf.

Wobei andere Leute sich die Bänder sofort reißen würden, darüber kann Jill nur lächeln. Schon seit sie zwei Jahre alt ist, übt sie Spagat, ein freies Rad und den Handstand, denn Jill ist inzwischen 18 Jahre alt und Funkemariechen bei der KG Kirchspiel Lohn und das nun schon seit zwei Jahren. Zusätzlich ist sie noch in der Showtanzgruppe des Vereins und gehört zur Gruppe der Komitee-Mariechen in Eschweiler.

In den vergangenen drei Wochen musste sie pro Wochenende rund zwölf Mal tanzen, dazu kommen noch Training und arbeiten. Geübt wird meistens am Wochenende gemeinsam mit dem Kindertanzpaar und der Jugendmarie. Bevor Jill ihre Performance tanzt, wird der Boden der Halle von Trainerin Maja noch einmal durchgefegt. Jill tritt mit ihren Tanzschuhen auf einen nassen Lappen am Boden. „Das gibt mehr Halt“, erklärt sie. Dann geht es los: Die Musik geht an und unweigerlich hält man den Atem an. Sitzen die Schritte? Jill wirft ihre Beine bis an die Ohren, hüpft was das Zeug hält und fliegt im freien Rad und im freien Bogengang durch die Halle. Höhepunkt des Tanzes für den Zuschauer ist der Sprung in den Spagat. Auf die Frage, ob das nicht wehtue, muss Jill lachen. „Ich glaube Bänder können mir gar nicht mehr reißen.“

Mariechen sein, das ist ein Knochenjob. Verletzungen sind dabei nicht ungewöhnlich, Jill hatte bisher Glück. „Wenn man nicht regelmäßig trainiert oder sich nicht richtig aufwärmt, dann verletzt man sich schnell. Ich achte da sehr auf mich“, erzählt sie. Manchmal habe man auch einfach Pech: Erst vorige Woche sei ein Mädchen ihrer Tanzgarde in den Elferrat gesprungen, weil sie einem anderen Mädchen ausweichen wollte und habe sich das Knie verdreht. „Die kann diese Session gar nicht mehr auftreten.“

Inzwischen trainiert Jill selbst Mariechen und ein Tanzpaar. Neben den akrobatischen Einlagen beim Tanz sei die Ausstrahlung am wichtigsten. 2007 war Jill Deutsche Vizemeisterin im Gardetanz, noch bis 2009 tanzte sie Turniere. „Ich fand, dass es bei Wettkämpfen oft unfair zugeht“, sagt Jill. Die Juroren gehörten oft entweder selbst zu Vereinen oder würden Freundschaften pflegen, indem sie entsprechend Punkte verteilten.

2009 beschloss Jill, sich mehr auf den Karneval zu konzentrieren. „Für den Job als Mariechen muss man geboren sein.“ Besonders schön fände sie es, wenn sie auf der Bühne stehe mit Federn, Fangschnur und Koppel und wenn jeder sehe, dass sie das Mariechen des Vereins sei. „Ich war schon im Bauch meiner Mutter im Rosenmontagszug dabei“, erzählt sie. „Seitdem habe ich keinen Zug ausgelassen.“

Dass sie in einem Verein nur die Marie werden will, das war für Jill schnell klar. Mit einem Partner als Paar zu tanzen, das kommt für sie nicht in Frage. „Ich wollte immer allein auf der Bühne stehen“, sagt sie. „Ich bin sehr ehrgeizig.“ Einem Partner Fehler beim Tanzen zu verzeihen, das würde ihr schwerfallen. Manchmal sei der Job auch anstrengend. Zum Beispiel wenn sie um 18 Uhr von der Arbeit käme und nur eine Stunde später einen Auftritt habe. „Aber wenn ich dann auf der Bühne stehe, oder Standing Ovations bekomme, dann weiß ich, wofür ich das mache.“

Dass der ganze Verein geschlossen hinter ihr stehe, das sei ein Geschenk. Und nicht zwingend die Regel: Einige Vereine würden auf ihre Tänzer nicht immer so viel Rücksicht nehmen, wie es bei ihr der Fall wäre, sagt Jill. Einige müssten 20 Minuten vor dem Auftritt bereits auf der Bühne stehen. Das sei für die Tänzer allerdings gefährlich, denn so würden die Muskeln kalt und die Verletzungsgefahr sei größer.

Neider gäbe es immer wieder, sagt Jill. Ein Mariechen müsse aber nun mal tänzerisch einiges drauf haben. „Manche Leute können aber nicht damit umgehen, wenn jemand einfach gut ist.“ Dass hinter dem Tanzmariechen-Dasein aber jahrelange Arbeit stecke, das sähen manche Leute einfach nicht. „Gerade wenn man noch sehr jung ist, trifft einen das sehr.“

Zickenterror unter den Mariechen hingegen gäbe es gar nicht, erzählt Jill. „Wir müssen uns gegenseitig ja nichts mehr beweisen, denn wir alle sind bereits das Aushängeschild des Vereins.“ Auch unter den 18 Gardemädchen zu denen Jill gehört, gäbe es keine Streitereien, sondern nur gegenseitige Unterstützung.

Das würde sie sich auch für die Karnevalsvereine wünschen. „Einige Vereine würdigen sich untereinander nicht. Dabei sollte die gegenseitige Freundschaft und der Spaß am Karneval im Vordergrund stehen.“

Nach Karneval gibt es für Jill erstmal eine Trainingspause, nach einem Monat geht es aber schon wieder los: Das Tanzlied für die nächste Session wird ausgesucht und die ersten neuen Schritte eingeübt. Alleine und ohne Trainerin Maja üben, das möchte sie nicht. Dazu sei sie einfach zu undiszipliniert. Auf was sie sich am meisten an Karneval freue ist für Jill schnell beantwortet: „Der schönste Moment ist, wenn man nach dem Auftritt zu hören bekommt: Jill, das war wieder klasse.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert