Talbahnhof: Reise mit der Tram durch Alt-Eschweiler

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
11432999.jpg
So sah die heutige Kreuzung Aachener Straße/Rue de Wattrelos vor ein paar Jahrzehnten aus. Die Tram der Linie 28 biegt hier gerade um die Ecke. Rechts ist das Betriebsgelände von Opel-Westphal, geradeaus befindet sich heute eine McDonalds-Filiale. Foto: Archiv Gille/F.J. Jörres
11433039.jpg
Die Straßenbahn ausnahmsweise einmal auf bereiften Rädern, nämlich beim Rosenmontagszug in der Rosenallee. Das Foto entstand um das Jahr 1960. Armin Gille hatte bei seinem interessanten Vortrag rund um die Tram in Eschweiler viele solcher „alter Schätzchen“ im Gepäck. Foto: Archiv Gille/N.Schmitz
11433036.jpg
Ein Unfall in den 50er Jahren, von dem angeblich nie etwas in der Zeitung stand. In der Kurve am unteren Ende der Kochsgasse war eine Tram aus den Gleisen gesprungen und umgestürzt. Das Foto zeigt auch das so genannte Wurstbrückchen über die Inde und einen Blick in Richtung Englerthstraße. Foto: Archiv Gille/H.W. Jansen
11433043.jpg
Kaum wieder zu erkennen: Dies ist die Kreuzung Dürener Straße (vorn), Kochsgasse (links), Jülicher Straße (rechts) und Hehlrather Straße (hinten) in den 60-er Jahren. Links eine Tram der Linie 28 nach Alsdorf. Foto: Archiv Gille/N.Schmitz
11433042.jpg
Die gesprengte Indebrücke der Grabenstraße im Frühjahr 1946. Foto: Archiv Gille/L. Weber
11433045.jpg
Reiseleiter für Ausflüge mit der Tram durch Alt-Eschweiler: Armin Gille vom Geschichtsverein bei seinem Vortrag. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Als Kinder sind viele Eschweiler Bürger noch mit der Tram gefahren. Mit der Straßenbahn, der Kleinbahn, der Elektrischen. Am Freitagabend saßen sie, längst keine Kinder mehr, im Talbahnhof und fuhren noch einmal die alten Strecken, die seit Jahrzehnten demontiert sind: nach Dürwiß, nach Pumpe, nach Transvaal.

„Mit der Tram durch Eschweiler“ hieß der Vortrag, zu dem der Eschweiler Geschichtsverein eingeladen hatte. „Ich möchte Ihnen Bilder zeigen, die sie nicht im Internet finden“, versprach Armin Gille den Zuhörern. Er hielt Wort.

Das Interesse der Bürger war riesig. Gille nahm die Besucher im überfüllten Saal des Talbahnhofs mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Mit der Linie 22 nach Atsch-Dreieck und nach Weisweiler, mit der 18 zum Rheinischen Bahnhof und nach Hamich, mit der 28 nach Kinzweiler und Alsdorf. Und das alles nicht nur zurück bis in die Nachkriegszeit, sondern bis in die Zeit der Weimarer Republik und bis in das Jahrhundert davor. 1897 fuhr erstmals eine Straßenbahn durch Eschweiler.

Heiligtumsfahrt 1895

Das Nahverkehrsunternehmen Aseag trägt die Tram-Vergangenheit noch im Namen: Aachener Straßenbahn- und Energieversorgungs-AG. Ihr Vorläufer, die Aachener Kleinbahn-Gesellschaft (AKG) legte das Schienennetz in der Aachener Region an. Zuerst in Aachen, wo pünktlich zur Heiligtumsfahrt 1895 die erste Linie fertig war. Bereits zwei Jahre später rollte die Kleinbahn über Atsch-Dreieck nach Eschweiler. Das Rathaus an der Dürener Straße war der Endpunkt. In den folgenden Jahren wurde zügig eine Strecke nach der anderen in Betrieb genommen. Zwei Depots wurden errichtet, eines am sogenannten Dreieck, also dem Bereich Aachener Straße/Dreieckstraße, das andere im Stadtteil Pumpe, wo auch ein Elektrizitätswerk gebaut wurde. Das Kesselhaus dieser Anlage steht heute noch.

Einsteigen zur Abfahrt

Abfahrt vor dem Rathaus: Für die Zuschauer und Zuhörer des Vortrags war es, als säßen sie im Tramwaggon und würden aus dem Fenster schauen – und zugleich viele Jahre zurück. Die Fahrten gingen auf den alten Kleinbahnlinien durch Eschweiler Straßen, wie sie vor 60, vor 100 oder noch mehr Jahren ausgesehen haben. Einige dieser Straßen gibt es heute nicht einmal mehr, aber viele Besucher des Vortrags erinnerten sich gut an Mühlenstraße, Knickertsberg und manche andere heute längst weggerissene Straßenfront.

Zum Rheinischen Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof, führte die erste Fahrt mit Reiseleiter Armin Gille. Die Grabenstraße hinunter und dann in die Marienstraße. An der Schützenhalle vorbei, die der Bauunternehmer Rosen errichtet hatte. Nach ihm ist die Rosenallee benannt, durch die am Freitagabend die Tram-Fahrt weiter führte zum Talbahnhof. Viele Radfahrer kamen der Tram hier entgegen, auch berittene Soldaten. Scharf um die Ecke herum ging es dann in die Bismarckstraße, weiter den Langwahn und die Röthgener Straße hinauf, vor dem Viadukt rechts ab: Endstation Rheinischer Bahnhof. Eine Fahrt durch die Geschichte der Stadt Eschweiler – mal zeigten die Fotos, die Gille mitgebracht hatte, die Grabenstraße als Postkartenidyll der Kaiserzeit, dann zerschossen, mit gesprengter Indebrücke nach dem 2. Weltkrieg. Und im nächsten Bild führten die Schienen der Kleinbahn durch eine wieder aufgebaute Stadt im vorweihnachtlichen Lichterglanz.

Gut zwei Stunden lang ratterten die geschichtsinteressierten Besucher des Vortrags auf diese Weise über das Liniennetz der Eschweiler Kleinbahn, von Haltestelle zu Haltestelle. Mit der Linie 22 zuerst Richtung Stolberg und später dann auch nach Weisweiler hinaus. Mit der 28 die Kochsgasse hinunter, an der Drahtfabrik vorbei und dann dort, wo heute ein McDonalds-Restaurant ist, scharf rechts ab Richtung Kinzweiler und Alsdorf. Viele Bergleute fuhren früher mit dieser Trambahnlinie. Mit der 18 ging es hinaus ins Grüne, nach Nothberg, Hastenrath und Hamich. Am Ausflugsziel Transvaal stiegen früher an sonnigen Sonntagen die Familien aus und wanderten nach Schevenhütte hinunter, zum Schwimmbad.

In nördlicher Richtung führte die Linie 18 nach Dürwiß. Auf dieser Fahrt übernahm Simon Küpper, Ehrenvorsitzender des Geschichtsvereins, das Mikrophon – er kennt jedes Haus dort und kann Anekdoten erzählen von Dürwisser Originalen wie einer resoluten Kleinbahn-Schaffnerin, die Tramme-Annche genannt wurde.

Für die Eschweiler Wirtschaft hatte die Kleinbahn zeitweise eine große Bedeutung. Sie transportierte ja nicht nur Arbeiter in die Fabriken, Ausflügler ins Grüne und Hausfrauen zum Einkauf bei Tietz oder Lingemann. Sondern auch Baumaterial wie Kalk und Schotter, für den es eine Extra-Verladestelle an der Talstraße gab. Und auch Sendungen Eschweiler Großhändler, wie zum Beispiel – Gille zeigte die Rechnung – eine Lieferung, bestehend aus „1 Tonne Häringe, 1 Carton Holstes Stärke, 1 große Thöte Thran 5 Ltr., 1 Gross Stoffriemen“.

Wie die Stadt Eschweiler sich verändert hat – gemächlich und aufstrebend zu Anfang des 20. Jahrhunderts, zerschossen und verfallen am Ende des Zweiten Weltkriegs, schließlich radikal umgestaltet durch die Kahlschlag-Sanierungen nördlich der Inde in den 60er Jahren – dokumentierte der Vortrag von Armin Gille in beeindruckenden und faszinierenden Bildern. So viele Gebäude, die es heute nicht mehr gibt: Gaststätten an der Mühlenstraße, das Koch‘sche Haus an der Kochsgasse, die Drahtfabrik. Immer wieder war es nötig, Bilder aus der heutigen Zeit, aus der gleichen Perspektive fotografiert, daneben zu stellen, damit die Zuschauer die Schauplätze entlang der Straßenbahnlinien wiedererkennen konnten. Luftbilder und Stadtpläne erleichterten die Orientierung.

In den 50er und 60er Jahren wurden die Eschweiler Trambahnlinien nach und nach stillgelegt. Bereits 1954 die nach Dürwiß, nach Gressenich und zum Hauptbahnhof. 1959 die Linie nach Weisweiler. Zwischen dem Alten Rathaus und dem neuen Bushof fuhr ab 1962 keine Tram mehr. Und am 6. Oktober 1969 rollten dann zum letzten Mal Straßenbahnen durch Eschweiler. Die beiden Linien nach Aachen-Eilendorf und nach Alsdorf wurden von der Aseag eingestellt. Heute erinnert in Eschweiler fast nur noch der Name des 1949 von Mitgliedern der Betriebssportgemeinschaft Aseag Station Eschweiler gegründeten Karnevalsvereins an die Zeit der Straßenbahnen: KG Fidele Trammebülle.

Ein Buch und ein Stadt-Modell

Der Vortrag über die Eschweiler Tram sei einer von drei Teilen eines Projekts zur Geschichte der Innenstadt, hatte zur Einleitung des Abends Kurt Manthey, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, erläutert.

Die anderen beiden Teile sind ein Bronzemodell der Eschweiler Innenstadt, das durch Spenden finanziert werden soll, und das gerade erschienene Buch von Armin Gille über „Eschweilers verschwundene Straßen“. Schlechte Nachricht: Das Werk ist bereits ausverkauft. Gute Nachricht: Voraussichtlich zu Ostern erscheint eine zweite, um weitere Bilder und Texte vermehrte Auflage – allerdings wohl auch etwas teurer als Auflage Nr. 1.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert