Talbahnhof: Alter Geizkragen trifft auf jungen Spießbürger

Von: kaba
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Diskutierten im Talbahnhof vor einem begeisterten Publikum grandios über Alles und Nichts: Henning Venske (links) als Großvater und Kai Magnus Sting als Enkel. Foto: Katja Bach

Eschweiler. Als Großvater und Enkel diskutierten Henning Venske und Kai Magnus Sting über Alles und Nichts. Das Bühnenbild im war simpel: Es bestand aus einem bequemen Stuhl, dem „Sessel“, der im Verlauf des Stücks noch eine essenzielle Rolle spielen würde.

Ansonsten war die Bühne im Kulturzentrum Talbahnhof leer, wohl nicht zuletzt, um die Aufmerksamkeit des Publikums bei den Darstellern zu halten. Als erstes betrat Großvater Venske die Bühne und nahm seufzend seinen Platz im Sessel ein. Kurz darauf erschien Sting, und es stellte sich schnell heraus, dass er als Enkel und Student seinem Großvater einen Besuch abstattete. Aber nicht aus liebevoller Fürsorge, nein, der Enkel war in eine eigene Wohnung gezogen und erinnerte seinen Großvater daran, dass dieser versprochen habe, ihm den Sessel zu überlassen, wenn er einmal in seine eigenen vier Wände gezogen sei. Der Alte konnte sich nicht recht an dieses Versprechen erinnern. „Ich lass mich doch nicht von meinem Enkel niederkuscheln!“, rief er empört und das Thema Sessel machte vorerst anderen Themen Platz.

So erzählte Opa Venske, wie es ihm in der „Greisendeponie“, dem Altersheim, erging. Der Enkel erkundigte sich nach dem Essen, das natürlich grauenhaft war, und nach den Beschäftigungen des Alten. Dieser berichtete daraufhin von ausgiebigem Teleshopping. Immer wieder trafen jedoch zwei Meinungen aufeinander, es kam zu Streit und Beleidigungen. So beschimpfte der Großvater seinen Enkel als „piefigen Spießbürger“, worauf der Junge ihn als „geizig und von vorgestern“ betitelte.

So ging es zwischen dem Jungen und dem Alten hin und her, und das Eschweiler Publikum kam nicht umhin, bei den doch etwas skurril anmutenden Szenen zu lachen. Aber es kamen auch tiefsinnigere Themen ans Licht, bei denen Venske als Großvater die Position des Philosophen einnahm. So wies er den Enkel in die Schranken, als dieser begann, von einer eigenen „Meinung“ zu sprechen. Gestützt auf Kant, erläuterte der Großvater ihm, warum er besser den Ausdruck „ich möchte begründet behaupten“ verwenden sollte. Diese Formulierung entpuppte sich schließlich für das weitere Stück als Running Gag.

Auch die aktuellen Nachrichtenthemen wurden, natürlich mit unterschiedlichen Meinungen, von Großvater und Enkel besprochen. So ging es unter anderem um Facebook, die NSA-Spionageaffäre, Altersarmut, den Glauben oder die Frage nach Respekt. Mit einem besonderen Humor und auf spezielle Art dargebrachten Dialogen (zum Beispiel zehn Sätze in 30 Sekunden), begeisterten Venske und Sting das Publikum und ernteten stellenweise Szenenapplaus.

Schließlich kamen die Beiden darauf zu sprechen, was früher wohl besser war, und machten ganz klar die Musik aus: „Ihr hattet Janis Joplin oder Jim Morrison, wir haben Dieter Bohlen und Bu-shido.“, bedauerte Sting. Als Venske mit dem Zitat „You are only young but youll gonna die“ konterte, wurde wohl deutlich, dass man bei dieser Darbietung auch „zwischen den Zeilen lesen musste“ und dass hier ganz klar die Anspielung vorlag, dass jeder einmal in die Situation vom griesgrämigen, frustrierten, von Altersangst geplagten Großvaters kommen würde. Dieser teilte dann ganz plötzlich mit: „Nimm den Sessel mit. Ich werde es durchstehen.“ Nach kurzem Zögern und einem Anstands -„Ach, das kann ich nicht annehmen“ griff Sting beherzt zu und verschwand mit dem Möbelstück.

Doch das war nicht das Ende des Abends. Die zweite Halbzeit begann erneut mit dem begehrten Sessel im Mittelpunkt, nur dass dieses Mal Sting darin saß und in einer Zeitschrift blätterte, der Apothekenumschau. Diese löste dann auch die erste, erneut lebhafte Diskussion mit dem Großvater aus, der nun seinem Enkel einen Besuch abstattete. Die Auseinandersetzung der Generationen wurde nahtlos fortgeführt. Das Gespräch kam auf die Eltern des Enkels und schließlich auf Erziehungsfragen und Meinungsaustausch rund ums Thema Kinder, wobei das Wort „Meinung“ natürlich tunlichst vermieden wurde. Nebenbei ließ der Großvater durchblicken, dass er eigentlich gekommen war, um seinen Sessel zurückzuholen. Als der Enkel das durchschaute, stellte er unmissverständlich klar: „Wieder holen ist gestohlen!“ Das Paar diskutierte immer weiter. Über die Liebe, Doping, das Militär und ja, auch über Europa.

Es wurden zynisch-sarkastische Gedankenspiele vorgetragen, wie man aus der politischen Misere herauskommen könne und wie die EU besser dran wäre. Man kann also festhalten, dass Enkel und Großvater über Alles und Nichts sprachen. Denn auch das „Nichts“ war Thema, weil der Großvater der Überzeugung war, dass man auch das irgendwann verkauft bekomme. Aber schließlich ging es doch „nur“ um den Sessel. Diesmal änderte Sting plötzlich seine Meinung und sagte: „Nimm du ihn.“ Und der Großvater antwortete: „Nein, das kann ich doch nicht annehmen.“ Woraufhin der Enkel die Vorstellung mit einem sarkastischen „Ist ja nicht mehr für lange“ schloss.

Bei diesem Generationenkonflikt bekam jeder sein Fett weg, und der trockene Humor, mit dem Venske und Sting die unterschiedlichen Themen vortrugen, sorgte immer wieder für Gelächter. Richtig gelacht haben die Eschweiler jedoch bei den „Abschlussworten“ des Duos. Sting betrat die Bühne und begann in unglaublicher Geschwindigkeit von Abschlussworten zu reden, die Venske noch halten sollte und füllte seine Sätze minutenlang mit aneinandergereihten scheinbar sinnlosen Worten, die darauf hinaus liefen, dass Venske dem Publikum das Wichtigste mitteilen konnte: „Sie können jetzt ihre Handys wieder einschalten.“

Unter großem Applaus verließen Henning Venske und Kai Magnus Sting die Bühne. Was das Publikum aus dem vorgeführten Generationenkonflikt mit nach Hause genommen hat, wird unterschiedlich sein. Gewiss ist aber: Bei der Fülle an diskussionswürdigen Themen wird an diesem Abend im Talbahnhof für jeden etwas dabei gewesen sein.

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