Tagebau verschluckt 1983 Teile des Minigolfplatzes in Dürwiß

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Genau an dieser Stelle stand Paul-Werner Rickes auch in der Nacht zum 9. November 1983. Wo die Böschung des Tagebaus damals abrutschte, ist heute eine Senke in der Straße. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Bei einem Erdrutsch in Nachterstedt (Sachsen-Anhalt) kamen am 18. Juli drei Menschen ums Leben. Dort war ein 350 Meter breiter Landstreifen in den Concordiasee, einen Tagebau-Restsee, gestürzt. In Eschweiler weckt das Unglück Erinnerungen an das Jahr 1983.

Damals rutschten zwei Hektar Land am Freizeitgelände Dürwiß in den Tagebau Zukunft-West.

Es war eine Szene wie aus dem Katastrophenfilm, berichtete unsere Zeitung am 10. November 1983: „Grelle Scheinwerfer durchschneiden die Nacht, Stromaggregate brummen, Männer mit Schutzhelmen sperren Straßen ab. Und dann tut sich vor ihren Augen die Erde auf! Risse schlängeln sich auf die Leute zu, wachsen, werden handbreit, meterbreit. Bäume neigen sich, die Straße reißt ab, sackt nach unten weg. Und mit einem Grollen setzen sich zwei Hektar Land in Bewegung, reißen in Stücke und stürzen wie eine riesige Woge in die Tiefe.”

Die Beschreibung der nächtlichen Szene vor fast 26 Jahren lässt erkennen, was am Nordrand von Dürwiß anders war als jetzt in Nachterstedt: Der Tagebau-Betreiber Rheinbraun hatte das Unglück kommen sehen. Paul-Werner Rickes, damals Betriebsdirektor des Tagebaus, erinnert sich: „Hier stand direkt die Kohle an. Nach der Berechnung hätte die Böschung halten sollen. Aber der letzte Kohlepfeiler war dann doch zu schwach und brach ein.”

Vergeblich hatte Rheinbraun mehrere Tage lang versucht, am Fuß der Böschung mit Kies einen Wall aufzuschütten und so die Rutschung zu stoppen. Am 8. November wurden die Bemühungen eingestellt, Wachtrupps zogen auf, Scheinwerfer leuchteten die Szene aus.

Das nächstgelegene Haus, das Wohnhaus der Familie Corsten am Tennisplatz, wurde evakuliert, die Familie im Hotel untergebracht. Dass die Böschung bis zu den Tennisplätzen hin wegbricht, hatte zwar niemand angenommen. Als dann aber, gegen 1 Uhr in der Nacht zum 9. November, sich tatsächlich der ganze Hang in Bewegung setzte, schien plötzlich alles möglich. Sogar der Verlust des Freibads.

Rickes, der sich am Donnerstag noch einmal die Abbruchstelle von damals anschaute: „Hier habe ich gestanden und gedacht, o weh, hoffentlich bleibt das Schwimmbad oben! Die Erde rauschte an mir vorbei, als wenn Wasser fließt.”

Auf 200 Metern Länge verschwand die Böschung, 100 Meter weit ging die Rutschung, bis in in das Freizeitgelände hinein. Ein Teil des Minigolfplatzes verschwand im Tagebau. Am nächsten Morgen waren nur noch das Kassenhäuschen und ein paar Bahnen zu sehen, gleich hinter Bahn 3 gähnte das große Loch. Besonders bitter für die Rheinbraun war der Verlust der Werksstraße als Verbindung zur Werkstatt Weisweiler. Tennisplatz, Jugendverkehrsschule und das Freibad wurden verschont.

Fast hätte es den damaligen Betriebsdirektor selber erwischt. Sein VW Käfer stand auf der Werksstraße. Im letzten Moment schob er den Wagen ein paar Meter zurück, über die Risse im Asphalt. Ein anderes Fahrzeug, ein Geländewagen der Rheinbraun, der ein Stück weiter auf der Straße stand, wurde mit in den Abgrund gerissen.

Die Ursachen des Erdrutsches 1983 waren bald geklärt. Er geschah genau auf der Grenze zwischen dem Tagebau Zukunft-West und dem Vorgänger-Tagebau Zukunft. Das Zukunft-Loch war 30 Jahre vorher verfüllt worden. Aber nicht, wie später üblich, mit Absetzern. Die Erde wurde mit Wasser aufgespült. „Wie sich solche Spülkippen verhalten, wenn sie wieder neu angeschnitten werden, ist stets ungewiss”, berichtete unsere Zeitung schon einen Tag nach dem Unglück.

Der alte Zukunft-Tagebau war erneut angeknabbert worden, weil die Kohle im Randbereich nur aus den oberen Schichten herausgeholt worden war. Nun wollte Rheinbraun auch an die Kohle in 50 Metern Tiefe.

Heute noch treibt der Erdrutsch von 1983 vielen Menschen Schweißperlen auf die Stirn. Das liegt aber daran, dass die Rheinbraun das Gelände nicht wieder bis zur alten Höhe aufgeschüttet hat. Die Werkstraße wurde zwar wieder hergestellt, doch führt sie durch eine deutliche Senke. Jeder Skater, der heute auf der Rollerskate-Strecke um den Blausteinsee fährt, kennt sie. Auf den letzten Metern, kurz vor dem Parkplatz, geht es noch einmal kräftig bergauf. Raus aus dem Loch, das von einem Erdrutsch gerissen wurde.
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