Tag des Denkmals: Manchmal beklemmend, immer ergreifend

Von: Volker Rüttgers
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Ehrfürchtige Blicke und ein gewisses Gefühl von Beklemmung beim Tag des Denkmals: Der ehemalige Arbeitshof des heute leer stehenden Gefängnisses hinter dem Amtsgericht an der Kaiserstraße war früher die einzige Gelegenheit für die Insassen, einmal täglich den freien Himmel zu sehen. Foto: Volker Rüttgers
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Die vier Glocken im Turm der Dreieinigkeitskirche wurden während des Zweiten Weltkriegs in Stolberg versteckt.
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Die roten Backsteine sowie die bunten Fenster geben der Dreieinigkeitskirche ihren für evangelische Gotteshäuser untypischen Charakter.

Eschweiler. „Darf ich Sie nun zum unbequemen Teil des Denkmals führen?“ Peter-Heinz Arnolds öffnet die Stahltür und gibt den Blick auf die etwa sechs Quadratmeter große Arrestzelle frei, in der eine Toilettenschüssel, eine Holzbank und eine Fußfessel einen wenig einladenden Eindruck vermitteln, eben getreu dem Motto des Tages des Denkmals: „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“

Das Schöne hatten die Besucher zuvor bereits genossen, schließlich stellt das Eschweiler Amtsgericht mit seinen zahlreichen Elementen der Hochrenaissance ein besonderes Prunkstück Architektur der Indestadt dar. Wenige Meter weiter lud auch die Dreieinigkeitskirche ein, einen Blick hinter Kirchenschiff und Altar des in mehrerer Hinsicht ungewöhnlichen evangelischen Gotteshauses zu werfen.

„Ich erinnere mich noch an den einen der zwei Sprüche am Eingang dieses Gebäudes: Jedem das Seine! Das musste ich bis zur nächsten Schulstunde behalten“, Bürgermeister Rudi Bertram verbindet noch intensive Erinnerungen an das 1907 in Betrieb genommene Gebäude an der Kaiserstraße. Ebenso prägende, aber sicherlich weniger positive Erinnerungen haben die „Besucher“, die den zweiten Satz am Eingang – „Recht muss Recht bleiben!“ – zu spüren bekommen haben und bis in die 80er Jahre hinein das Gefängnisnebengebäude näher kennenlernen durften.

Bis zuletzt war dort ein Jugendgefängnis mit 18 Zellen untergebracht, in dem die Verurteilten oder mutmaßlichen Straftäter das Wochenende verbringen durften, bis Montags ihre Verhandlung erfolgte. Heute steht das Gefängnisgebäude, unter dessen Dach neben den Zellen einst auch ein Betsaal, eine Bibliothek sowie eine Küche zu finden waren, leer und ist dem baulichen Verfall bestimmt.

Nicht zuletzt deswegen, sondern auch wegen der deutlichen Risse im Inneren des Amtsgerichtsgebäudes fand Direktor Dr. Gisbert Fuchs mahnende Worte zu Beginn des Tages der offenen Tür am Sonntagmorgen: „Denkmalschutz hat seinen Preis! Wer den nicht zahlt, kann seine Denkmäler nicht schützen.“ Auch für Bürgermeister Rudi Bertram stellt das 105 Jahre alte Gebäude einen „ideellen Wert, der wichtig für uns und unsere Gesellschaft ist“, dar, obwohl es für die heutigen Anforderungen an ein modernes Justizgebäude alles andere als ideal ist. Angefangen beim gemeinsamen Zugang zu den Gerichtssälen für Angeklagte, Zeugen und Besucher bis hin zur beengten Zufahrt zum Gebäude, für die moderne Justiztransportfahrzeuge zu breit sind.

Es ist also in vielerlei Hinsicht auch ein „unbequemes Gebäude“, das Amtsgericht, das vom Unternehmer Joseph Rosen zur wilhelminischen Kaiserzeit errichtet wurde und den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden hat. Kleine Blessuren gab es hingegen immer wieder, so auch als ein unfreiwilliger Besucher des Gerichts aus dem ersten Stock des Nachbargebäudes den Sprung durch das geschlossene Fenster wagte, dabei aber vergaß, dass unter dem Fenster die Einfahrt zur Tiefgarage eine sehr unsanfte Landung und den Weitertransport ins Krankenhaus versprechen sollte.

Mit dieser und anderen Anekdoten gestaltete Geschäftsleiter Peter-Heinz Arnolds die Führungen durch das historische Gebäude sehr unterhaltsam und gab einen informativen Überblick über die Geschichte und aktuellen Elemente des Eschweiler Amtsgerichts, von den Stuckverzierungen und Büsten bis hin zur Fußfessel in der Arrestzelle. Letztere konnten die Besucher sogar einmal anlegen. Natürlich nur für kurze Zeit.

Wesentlich freier und offener war hingegen der Eindruck des zweiten offenen Denkmals am Sonntag in Eschweiler: die Dreieinigkeitskirche am Fuße der Moltkestraße. Ende des 19. Jahrhunderts wegen Platzmangel für die etwa 900 Mitglieder der evangelischen Gemeinde Eschweilers in Auftrag gegeben und 1892 eingeweiht, war das Gotteshaus lange Zeit als Lutherkirche ein Begriff. Der Kölner Architekt August Albes gestaltete die Kirche ebenso wie ihre Schwesterhäuser, die mittlerweile abgerissene Presbyterkirche in Köln-Kalk sowie die Lutherkirche in Köln-Nippes, in seinem unverwechselbaren Backsteinstil als schmucke, aber keineswegs pompöse Kirche im klassischen Sinne.

Mit seinem 44 Meter hohen Glockenturm und dem 35 Meter langen Mittelschiff wirkt die Dreieinigkeitskirche von außen kleiner als von innen, wozu mit Sicherheit die großzügigen, von Maria Katzgrau gestalteten Kirchenfenster im Altarraum beitragen, die mit den übrigen Fenstern bei entsprechender Sonneneinstrahlung die gesamte Kirche in ein beeindruckendes Lichtspiel zu tauchen vermögen.

Die modischen „Sünden“ der 80er Jahre, in denen das gesamte Kircheninnere weiß getüncht und die damaligen Kirchenbänke mit violettem Stoff bezogen worden waren, sind mittlerweile behoben, auch wenn sämtliche Backsteine ob der dicken weißen Farbschicht erneut überstrichen werden mussten, mitsamt Fugen in ihre ursprüngliche Erscheinungsform.

Mutige Gemeindemitglieder

Dank einiger mutiger Gemeindemitglieder gelang es, während der Waffenproduktion Ende des Zweiten Weltkrieges, als aus Kirchenglocken Gewehrkugeln geformt wurden, die vier Glocken der Dreieinigkeitskirche nach Stolberg zu schaffen, dort zu verstecken und schließlich nach Kriegsende wieder an ihren angestammten Platz zu hängen. Dieses Schicksal teilt übrigens der ursprüngliche Taufstein nicht, der immer noch in einem Eschweiler Haushaltsgarten zu finden ist, wie Harry Reimer bei der Führung durch die ungewöhnliche evangelische Kirche zu berichten wusste.

Neben den prachtvollen Kirchenfenstern stellen vor allem die Beckerath-Orgel und die von der Röher Familie Recklinghausen gestifteten Taufschale, -kannen, Hostiendose und Trinkbecher die wertvollsten Schätze der ansonsten pracht- aber eben nicht prunkvollen Kirche dar.

Einen Blick in das Innerste des Gotteshauses konnten die Besucher des offenen Denkmals am Sonntag beim Gang auf den Dachboden werfen, sicherlich der „unbequeme“ Teil der Führung, aber keinesfalls „jenseits von Gut und Schön“.

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