Syrische Flüchtlinge: Die Angst ist immer noch da

Von: Rudolf Müller
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Würden sich in Eschweiler noch wohler fühlen, wenn sie ihre Familien wieder in die Arme schließen könnten: Tammam Zaher und Randa Sultan (von links). Ayman al-Ahmads (rechts) Familie ist inzwischen hier. Bei ihrer Integration in Eschweiler hilft Bouchra Baboua von der Migrationsberatungsstelle für erwachsene Zuwanderer (2. von rechts). Foto: Rudolf Müller
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Völlig zerbombt: die einstige Millionenstadt Aleppo. Hier versuchen Randa Sultans kranker Ehemann und eine Tochter zu überleben. Foto: Imago/Kyodo News

Eschweiler. Die Angst ist geblieben. Noch immer wissen Menschen aus Syrien, die vor Terror und Krieg aus ihrer Heimat geflohen sind, nicht, ob sie ihre Familien je wiedersehen werden. Die Suche nach einem kleinen Stück vom Glück hat einen hohen Preis.

Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass wir in einer Artikelserie einige der Menschen, die eines menschenwürdigen (Über-)Lebens wegen die gefahrvolle Reise aus Syrien auf sich genommen haben, vorgestellt. Mit einigen von ihnen haben wir nun erneut gesprochen, sie nach ihrem Leben in Eschweiler, ihren Perspektiven, Wünschen und Sorgen gefragt.

Tammam Zaher ist Programmierer, war an einer großen Universität in leitender Position tätig. Nach Deutschland kam er in der Hoffnung, im Rahmen der Familienzusammenführung seine Frau und seine kleine Tochter nachkommen lassen zu können. Das ist eineinhalb Jahre her. Frau und Tochter harren immer noch in Homs aus, einer Stadt, in der Bombenteppiche kaum einen Stein auf dem anderen gelassen haben.

Zahers Asylantrag wurde abgelehnt, er genießt lediglich „subsidiären Schutz“ und darf in Deutschland bleiben, weil ihm in seinem Heimatland Folter und Tod drohen. Frau und Tochter dürfen frühestens in eineinhalb Jahren aus dem zerbombten Homs ins sichere Deutschland kommen.

Dennoch: „Mir geht‘s sehr gut“, sagt Tammam Zaher, trotz der beständigen Angst um seine Familie. Als Flüchtling fühlt er sich hier gut aufgenommen. Mit drei weiteren Flüchtlingen lebt Tammam Zaher in einer Zwei-Zimmer-Appartement am Stich 30.

409 Euro hat er im Monat zur Verfügung – Hartz-IV-Regelsatz für Alleinstehende. Zaher lernt eifrig Deutsch, kann sich schon gut verständigen. Ganztätig besucht er Volkshochschulkurse. In seiner Freizeit vermittelt der IT-Spezialist einem deutschen Freund und einigen Landsleuten Kenntnisse in Excel, Word und Photoshop und engagiert sich bei der Migrationsberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt ehrenamtlich als Übersetzer und Begleiter bei Behördengängen.

„Ich habe festgestellt, dass mein Leben sich total verändert hat, seit ich Deutsch lerne. Ich bin viel selbstbewusster und selbstständiger geworden“, strahlt der 46-Jährige. „Noch zwei Monate, dann spreche ich sehr gut Deutsch! Das verspreche ich!“

So dankbar er Deutschland und en Menschen in Eschweiler auch ist, Kritik äußert er dennoch: „Ich habe von Anfang an gewusst: Deutschland ist ein Land, das ordentlich ist, das gut organisiert ist. Aber die Bürokratie hier ist enttäuschend. Zuviel Papierkram, der das Leben beeinträchtigt.“

Tammam Zaher kann nicht verstehen, dass Alleinstehende den Status anerkannter Flüchtlinge bekommen, während Familienväter ihre Familie nicht nachholen dürfen. „Das brächte mehr psychische Stabilität. Familienzusammenführung ist eine Voraussetzung dafür, sich besser integrieren zu können und der Gesellschaft mehr von sich zu geben.“

Fühlt er sich „angekommen“ bei uns in Eschweiler? „Nein. Erst wenn meine Familie nachkommt, beginnt für mich ein neues Leben. Ohne sie geht das nicht.“

Zukunft ohne Mann und Vater?

Die Angst um ihre Familie ist auch Randa Sultans ständiger Begleiter. Anfang vergangenen Jahres floh sie mit ihren Töchtern Issra und Safaa aus dem „Schlachthaus“ Aleppo. Ihren kranken Ehemann , der die Flucht nicht hätte bewältigen können, und eine weitere Tochter ließ sie zurück, um sie im Rahmen der Familienzusammenführung aus der zerbombten Stadt holen zu können.

Jetzt lebt sie mit ihren beiden Töchtern, die in Syrien bereits ein Architektur- bzw. Bio-Engineering-Studium begonnen hatten, in der Gutenbergstraße. Jetzt studieren die beiden Mädchen an der RWTH Aachen. Auch wenn sie selbst das anders sieht: Randa Sultan spricht sehr gut Deutsch. Und noch besser Englisch: In Syrien unterrichtete sie Englisch an einem Gymnasium.

Obwohl der Tod in Aleppo allgegenwärtig war, erhielten die 56-Jährige und ihre Töchter in Deutschland nur eine auf ein Jahr befristete Aufenthaltsgenehmigung. Keine Chance also, ihren schwer kranken Ehemann nachzuholen. Die ihn betreuende Tochter erst recht nicht: Die ist längst volljährig – da greift die Familienzusammenführung nicht.

„Dass mein Mann und meine Tochter noch immer in Aleppo sind, macht mir Angst“, sagt Randa. In der geschundenen Stadt gibt es kaum Lebensmittel, kein sauberes Trinkwasser, keinen Strom, kaum medizinische Versorgung. Das Leben hier in Deutschland, sagt die Englischlehrerin, sei gut, da gebe es keine Probleme.

„Hier kann man machen, was einem gefällt.“ Wenn man die Zeit dazu hat: Randa besucht täglich von 10.15 bis 17.15 Uhr die Integrationskurse der Volkshochschule, da bleibt für anderes nicht viel Zeit. Am Wochenende gibt sie Arabisch-Kurse für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Und unterrichtet zudem Englisch.

Nicht nur zu ihrer Arabisch sprechenden Nachbarschaft in der Gutenbergstraße sucht Randa Sultan Kontakt. Sie sucht auch das Gespräch mit deutschen Mitmenschen – auf der Straße, an der Bushaltestelle. Oder sie besucht ihre Cousine. Die lebt mit ihrer Familier in Eschweiler Ost. „Eigentlich sind meine Lebensumstände hier sehr gut“, sagt sie. Von Deutschland und den Deutschen hatte sie schon bestimmte Vorstellungen: „gut, sauber pünktlich“.

Doch wie Tammam Zaher macht auch ihr die Bürokratie zu schaffen: Das „ewige Warten auf Papiere“ sei schlimm. Randa Sultan hat Angst. Nicht nur um Ehemann und Tochter im erbittert umkämpften Aleppo, sondern auch vor einer Zukunft, in der sie, ohne den Mann und Familienvater an ihrer Seite, allein die Verantwortung für sich und zwei Töchter trägt.

Schwierige Wohnungssuche

Weit besser dran als Tammam Zaher und Randa Sultan ist Ayman Al Ahmad. „Seit meine Frau und vier Kinder nach Deutschland gekommen sind, fühle ich mich hier wohler“, sagt der 54-Jährige, der im syrischen Deir al-Zour als Berufsschullehrer arbeitete, eine schönes, neues Haus besaß und zudem im Vorstand des mehrfachen syrischen Fußball-Meisters und Pokalsiegers al-Futowa tätig war. Immer wieder hatten Kämpfer der Terrormiliz IS die Stadt angegriffen, Truppen der syrischen Armee schlugen zurück, während russische Kampfjets von hier aus IS-Stellungen attackierten.

Eine Spirale aus Terror und Tod, die die Familie zur Flucht zwang. Eine Flucht, auf der die Eltern und Geschwister getrennt wurden. Eine Flucht, die die zweijährige, herzkranke May nicht überlebte. Und die für Aymans Ehefrau und einige ihrer Kinder vier lange Monate mit 8000 weiteren Flüchtlingen unter katastrophalen Zuständen in einem griechischen Lager bedeutete, ehe die Familie Anfang vergangenen Jahres in Eschweiler wieder zusammenkamen.

Seine Frau und die Kinder, die mit ihr kamen, sind inzwischen als Flüchtlinge anerkannt; Vater Ayman und die beiden Töchter, die vor dem Rest der Familie nach Deutschland kamen, genießen dagegen nur subsidiären Schutz.

Die Kinder besuchen erfolgreich Schulen, zum Beispiel das Städtische Gymnasium, sprechen sehr gut deutsch, bringen ab und zu Schulfreunde und auch deren Mütter mit nach Hause, und Ayman lernt eifrig Deutsch. Seit zwei Monaten besucht er Integrationskurse. Sein Ziel: demnächst wieder als Elektroingenieur arbeiten zu können. „Ich kann nicht einfach nur zu Hause sitzen. Nach der Schule werde ich schnellstmöglich Arbeit suchen“, sagt er. Und zweifelt auch nicht daran, dass seine Frau Bouthaina wieder eine Stelle findet: Sie ist gelernte Krankenschwester.

Zunächst aber ist sie Mutter: Das siebte Kind ist unterwegs. Und das schafft ein Problem: Die Vier-Zimmer-Wohnung an der Gutenbergstraße reicht nicht mehr aus. Aber eine geeignete Wohnung für eine neunköpfige Familie zu finden, auch wenn die Mietzahlung garantiert wird, ist alles andere als einfach.

„Wohnungssuche ist auch eine unserer Hauptaufgaben hier in Eschweiler“, sagt Bouchra Baboua von der Migrationsberatungsstelle für erwachsene Zuwanderer. „Viele Vermieter glauben, eine neunköpfige Familie würde ein Haus völlig runterwirtschaften. Dabei leben die meisten sehr sauber und verantwortungsvoll. Ich erlebe auch immer wieder, dass Flüchtlinge total marode Wohnungen bekommen, die sie dann ganz hervorragend sauber und schön gestalten.“

Seit Ayman al-Ahmad und seiner Familie in Syrien alles verloren haben, sieht er seine Zukunft und vor allem die seiner Kinder allein in Deutschland. „Auch wenn auch er sich über bürokratische Hemmnisse ärgert: „Es ist mir unverständlich, dass hier syrische Menschen, die weder einen Schulabschluss haben noch bereit sind, zu arbeiten, die Flüchtlingsanerkennung bekommen, während Akademiker und arbeitswillige Leute nur subsidiären Schutz bekommen.“

Abgesehen davon hat er nur Lob für Deutschland: „Mir gefällt hier vor allem der respektvolle Umgang mit den Menschen seitens der Behörden und Ämter. Es ist schön, dass hier alle Menschen gleich behandelt werden, ganz gleich wie sie aussehen und woher sie kommen.“

Tatsächlich? Haben die Syrer hier nicht mit Ressentiments zu kämpfen? Begegnen ihnen nicht Fremdenfeindlichkeit und Rassismus? „Ich persönlich habe noch nichts Böses gehört oder erlebt“, berichtet Ayman al-Ahmad. „Freunde erzählen schon mal von Ostdeutschland und wie man dort mit Fremden umgeht . Aber hier habe ich so etwas noch nicht erlebt.“

„Ich glaube, dass höchstens zwei Prozent der Menschen schlecht sind“, ergänzt Tammam Zaher. „Hier in Eschweiler bin ich bisher nur guten begegnet.“ Randa Sultan dagegen berichtet von einem Vorfall, der ihren Töchtern am Bushof passiert ist. Dort attackierten Jugendliche die Mädchen und riefen „Scheiß-Islam!“

Mehr Ärger als in Eschweiler haben die Syrer in Aachen – bei der Ausländerbehörde. Dort gebe es einen bestimmten Mitarbeiter, der die Menschen „sehr schlecht“ behandele. Tammam Zaher: „Bis zu 80 Prozent der Mitarbeiter in der Ausländerbehörde sind sehr ,trocken‘ im Umgang mit den Leuten. Die Leute in Eschweiler – beim Sozialamt, im Jobcenter, bei der Awo und bei der Migrationsberatung – sind da ganz anders drauf!“

Angst vor ausländerfeindlichen Übergriffen hat hier niemand. Tammam Zaher, Randa Sultan und Ayman al-Ahmad fühlen sich wohl in Eschweiler. „In Eschweiler sind alle Leute nett und freundlich – egal ob ich in eine Apotheke, ein Café oder einen Supermarkt gehe“, sagt Ayman. „Alle lächeln mich an.“

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