Suchtvorbeugung: Viele Mythen und gefährliches Halbwissen

Von: Sonja Essers
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Sind derzeit mit dem Präventionskoffer zum Thema Cannabis in der Städteregion unterwegs: Elke Koch (links) und Gabi Fischer. Foto: Sonja Essers

Eschweiler/Stolberg. Jeder vierte Erwachsene in Deutschland hat schon einmal Cannabis probiert, 2,5 Millionen Deutsche konsumieren die Droge derzeit sogar regelmäßig. Und damit nicht genug: Auch immer mehr Jugendliche machen vor Marihuana und Haschisch keinen Halt. Welche Folgen der regelmäßige Konsum hat, wissen die jungen Erwachsenen oft allerdings nicht.

Es ist kein neues Thema, aber dennoch eines, das gerade bei jungen Erwachsenen zum Dauerbrenner avanciert: der Umgang mit Cannabis. Während auf der einen Seite regelmäßig Debatten über die Legalisierung der Droge stattfinden, werden die Jugendlichen auf der anderen Seite oft abgeschreckt. So entstehe nicht nur bei den jungen Erwachsenen, sondern auch bei den Fachleuten ein Gefühl der Unsicherheit.

Diese Erfahrung machen Gabi Fischer und Elke Koch immer wieder. Die beiden Frauen arbeiten in der Fachstelle für Suchtvorbeugung der Städteregion Aachen in Eschweiler, die sich in Trägerschaft der Diakonie befindet und wissen: „Cannabis ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Es ist auch ein Thema für Jugendliche und wird ihnen in ihrer Lebenswelt begegnen.“

Mythen aufklären

Seit einigen Monaten sind Gabi Fischer und Elke Koch aus diesem Grund mit dem sogenannten Cannabis-Koffer, ein Projekt der Essener Fachstelle für Drogenprävention, in der Städteregion unterwegs und klären nicht nur Jugendliche auf, sondern arbeiten auch mit Lehrern, Schulsozialarbeitern und Mitarbeitern verschiedener Jugend-Einrichtungen zusammen. „Wir wollen auch das Tabu von dem Thema nehmen“, sagt Elke Koch.

Behilflich sind ihnen dabei verschiedene Methoden, die sowohl bei Jugendlichen, als auch bei Erwachsenen immer wieder für Staunen sorgen. Denn: Um diese Droge ranken sich nach wie vor zahlreiche Mythen sowie gefährliches Halbwissen, denen die beiden Frauen mit ihrer Aufklärungsarbeit den Kampf angesagt haben.

Eine dieser Mythen, die Fischer und Koch immer wieder von Jugendlichen hören: Die Droge sei nicht gesundheitsschädlich, da sie aus einer Pflanze stamme. Dass diese Vermutung natürlich keineswegs der Wahrheit entspricht, war auch den zahlreichen Lehrern und Schulsozialarbeitern klar, die an der Fortbildung zum Thema Cannabis teilnahmen. Überraschte Gesichter gab es trotzdem und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Zusammensetzung der Droge thematisiert wurde.

Neun kleine Plastikgefäße hatten Elke Koch und Gabi Fischer im Gepäck. In diesen befanden sich unter anderem Tabak, Nikotin und Azeton. Diese Stoffe werden mit der Droge im Joint vermischt, der dann von den Konsumenten geraucht wird. Azeton ist übrigens auch in Nagellackentfernen und Insektenvernichtungsmitteln enthalten und leicht entflammbar. Es sorgt beispielsweise dafür, dass auch Zigaretten lange genug brennen.

Fischer und Koch hatten jedoch noch mehr dabei. Dazu zählten auch Schuhcreme, Glassplitter, Henna-Farbe, Blei, Wachs und Vogelsand. Dass mit diesen Substanzen die Droge gestreckt werden kann, war allerdings nicht allen Teilnehmern bewusst. „Ich finde es erschreckend, was alles darin stecken kann“, gab eine Teilnehmerin zu.

Situationen wie diese erleben Fischer und Koch während ihrer Arbeit immer wieder. Der Grund dafür: „Viele Konsumenten wissen eigentlich gar nicht, was sie da überhaupt konsumieren“, sagt Gabi Fischer und fügt hinzu: „Blei ist zum Beispiel hochgradig gefährlich.“

Erst vor wenigen Jahren wurden rund 30 Berliner Jugendliche kurz hintereinander ins Krankenhaus eingeliefert. Die Diagnose lautete Bleivergiftung. Erst danach stellte sich heraus, dass alle jungen Erwachsenen beim gleichen Dealer Marihuana erworben hatte. Dieser wiederum hatte die Blüte, die aus der die Droge gewonnen wird, mit Blei eingesprüht und die Substanz auf diese Weise gestreckt.

Noch weniger seien sich die Jugendlichen jedoch über die Folgen bewusst, die mit regelmäßigem Konsum einhergehen. Nicht nur Nervosität, Schlafstörungen und Aggressionen können auftreten. Wer vor dem 15. Lebensjahr Cannabis konsumiert, muss damit rechnen, dass er sich langsamer entwickelt, als Gleichaltrige. „Es gab schon junge Erwachsene, die zu uns in die Sprechstunde kamen und die ich auf 15 Jahre geschätzt hätte. In Wirklichkeit waren sie aber schon 23 Jahre“, sagt Koch.

Psychose als Folge

Und was droht den Konsumenten im schlimmsten Fall? Eine Psychose. So nennt man eine schwere psychische Störung, zu der unter anderem auch die Schizophrenie zählt. Es gibt jedoch auch Vertreter, die vom Gegenteil überzeugt sind. So behandelt ein deutscher Arzt Patienten, die an Schizophrenie leiden mit einem Wirkstoff aus der Cannabis-Pflanze. Ergebnisse dieser Methode gebe es allerdings noch nicht.

Die sogenannten synthetisierten Cannabinoide, die in Tabletten enthalten sind, werden auch in Deutschland zur Schmerzlinderung eingesetzt. Rund 400 Menschen in der gesamten Bundesrepublik erhalten momentan die verschreibungspflichtigen Medikamente.

Koch und Fischer weisen jedoch darauf hin, wie wichtig es ist, Jugendlichen den Unterschied zwischen einem verschreibungspflichtigen Medikament und der Droge klarzumachen. Nicht nur dies sei für Jugendliche oft verwirrend, sondern auch die Liberalisierung des Konsums, wie er in anderen Ländern, wie beispielsweise in den Niederlanden, betrieben wird. „Eine Liberalisierung von Cannabis ist nicht zielführend“, sind sich Koch und Fischer sicher.

Auch die Teilnehmer erzählten Mittwochvormittag von Erfahrungen, die sie diesbezüglich bereits mit einigen Schülern gemacht hatten. Nicht selten komme es vor, dass Eltern von Fünft- oder Sechsklässler Cannabiskonsum nicht ganz so streng gegenüberstehen würden. Getreu dem Motto: Ein Joint ab und zu könne nicht schaden, Rauchen sei doch sowieso viel schlimmer, erzählte eine Teilnehmerin. „Es gibt schon Eltern, die denken, dass Kiffen harmlos wäre, weil sie es früher selbst getan haben. Jemand, der selbst kifft oder gekifft hat, rechtfertigt grundsätzlich seinen eigenen Konsum“, sagt Fischer.

In Firmen und Schulen geht man mit dem Thema allerdings anders um. Dort komme es mittlerweile sogar zu Drogentests, die Angestellte, Auszubildende oder auch Schülern ans Herz gelegt werden, sobald der Verdacht aufkommt, sie würden Drogen konsumieren.

Ein Muss sei dies allerdings nicht. Fischer weiß, dass ein solcher Test jedoch nicht immer die gewünschte Wirkung erzielt. „Ein Drogentest ist nicht die Waffe, mit der man Suchtkranke aus der Firma fernhalten kann“, sagt sie. Alkoholsucht könne man so beispielsweise nicht nachweisen. „Außerdem kann ein Drogentest auch immer gefälscht werden“, meint sie.

In der Fortbildung wurden sechs Methoden vorgestellt und von den Teilnehmern bewertet. Neben einem Memory und einem Quiz enthält dieser auch den sogenannten Schadstoffjoint, in dem die Schadstoffe noch einmal dargestellt werden. Weitere Informationen zur Fortbildung erhalten Interessierte bei Gabi Fischer und Elke Koch unter Telefon 02403/883050 sowie per Mail unter Suchtvorbeugung@sucht-ac.de.

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