Sucht hat viele Facetten: Beratung in Eschweiler

Von: Annika Kasties
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Es muss nicht immer Alkohol sein: Auch Verhaltenssüchte wie pathologischer Internetgebrauch spielen in der Suchtberatung eine große Rolle. Foto: Stock/Action Pictures
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Wolfgang Undt, Leiter der Suchtberatung Eschweiler, und Sozialarbeiterin Gabi Fischer im Gruppenraum der Beratungsstelle. Foto: Annika Kasties

Eschweiler. Es passte einfach nicht ins Selbstbild. Ingo ging seiner Arbeit nach, erledigte im Job seine Pflichtaufgaben. Dass er nach Feierabend den Alkohol nutzte, um abzuschalten und die negativen Gefühle zu verdrängen, musste schließlich keiner wissen. Er, ein Süchtiger? Bei dem Wort blitzten Bilder von verwahrlosten Obdachlosen und hageren Menschen mit hervortretenden Wangenknochen vor seinem inneren Auge auf. Stereotype eben.

Doch irgendwann ließ sich auch bei Ingo das Doppelleben nicht länger aufrecht erhalten. Das wacklige Gerüst, das er über Jahre hinweg mühsam aus Lügen gebaut hatte, drohte zusammenzubrechen. Die Erkenntnis folgte spät: Ingo ist alkoholkrank. Doch viel wichtiger noch: Er ist mit seiner Krankheit nicht allein.

Etwa 1,77 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren gelten in Deutschland als alkoholabhängig. Mindestens 74.000 Männer und Frauen sterben jedes Jahr an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. Ingo hat die Kurve gekriegt und sich rechtzeitig Hilfe gesucht. Er könnte auch Maximilian heißen oder Lisa oder Hanna. Sein Lebenslauf ist ebenso fiktiv wie typisch.

Gabi Fischer kennt zahlreiche Geschichten, die so ähnlich und gleichzeitig so unterschiedlich verlaufen sind. Seit 20 Jahren arbeitet die Sozialarbeiterin bei der Suchtberatung Eschweiler. Durch ihre Arbeit weiß sie, dass Sucht ein gesellschaftliches Phänomen ist, das in allen Schichten zuhause ist. „Der Grund, warum jemand Substanzen nimmt, ist unabhängig von sozialem Status und Bildung“, widerlegt Fischer das stereotype Bild des Süchtigen und betont: „Sucht ist eine psychische Erkrankung und keine Charakterschwäche.“

Es ist diese Erkenntnis, die Fischer gemeinsam mit neun weiteren Mitarbeitern der Beratungsstelle in der Gesellschaft und auch bei den Abhängigen selbst stärken will. Dabei sind die Probleme der Hilfesuchenden so vielfältig wie ihre Biografien. Zu den Suchtmitteln gehören legale Substanzen wie Alkohol und Tabak ebenso wie illegale Drogen. Auch Verhaltenssüchte, beispielsweise in Form von Essstörungen, pathologischem Internetgebrauch und Glücksspielsucht, nehmen einen wichtigen Stellenwert in der Beratung ein.

Wie schwierig es den Hilfesuchenden mitunter fällt, über den eigenen Schatten zu springen und die Schwelle zum unscheinbaren Gebäude der Suchtberatung in der Bergrather Straße zu überqueren, weiß Kerstin Windoffer. Die Sozialarbeiterin ist seit einem Jahr in Eschweiler in der Beratung und Therapievermittlung tätig. „Für viele ist es ein ganz großer Schritt, in die Suchtberatung zu kommen“, sagt sie. Allein der Entschluss, die Krankheit zu akzeptieren und sich Hilfe zu suchen, sei als Erfolg zu werten. Nur acht bis zehn Prozent aller Menschen mit einem Suchtproblem suchen eine Beratungsstelle auf. Windoffer ist es wichtig, dies auch in ihren Beratungsgesprächen zu spiegeln. Doch auch in Eschweiler sind längst nicht alle Klienten freiwillig in der Suchtberatung. Die Anzahl derer, die wegen einer gerichtlichen Anordnung die Beratungsstelle aufsuchen, sei in den vergangenen Jahren gestiegen, sagt Fischer. Diese Klientengruppe zu motivieren, sei für die Berater eine besondere Herausforderung. Viele von ihnen seien noch nicht bereit, abstinent zu leben.

Auch wenn die Herkuslesarbeit im Kampf gegen die Sucht stets beim abhängigen Menschen liegt, das Umfeld trägt mitunter zur Abhängigkeit bei. „Schweigen ist der Nährboden für die Sucht“, betont Fischer. „Wenn der Nachbar sonntags den Rasen mäht oder zu laut Musik hört, dann sagen die Menschen etwas. Doch wenn bei jemandem etwas nicht stimmt, denken viele, dass das deren Privatsache sei.“ Ihr Appell lautet deshalb: Mutig sein und den Menschen ansprechen. Viele abhängige Menschen würden ihrer Erfahrung nach sogar darauf warten, dass sie endlich jemand auf ihr Verhalten anspricht.

Doch die Möglichkeiten von Angehörigen von Suchtkranken sind begrenzt. „Es ist wichtig für Angehörige zu verstehen, dass sie den Suchtkranken nicht verändern können, sondern nur sich selbst“, betont Windoffer. Es ist diese Hilflosigkeit, die dazu führt, dass Angehörige stark unter der Abhängigkeit des Partners, des Elternteils oder des Freundes leiden. Sich abzugrenzen und die Abhängigkeit des Suchtkranken nicht weiter zu unterstützen, sei häufig die einzige Möglichkeit. Und oftmals ein wichtiger Impuls, um den Suchtkranken zu einer Verhaltensänderung zu bringen.

Um dies zu veranschauliche, vergleicht Fischer die Sucht mit einem Motor, der aus vielen verschiedenen Rädchen besteht. Wenn sich ein Rädchen dreht, ziehen alle mit. Doch wenn sich ein Rädchen verändert, kann es sein, dass sich auch der Suchtkranke ändert.

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