Streikauswirkungen: Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Von: Sonja Essers und Naima Wolfsperger
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Lange keine Post – das ändert sich ab Dienstag: So dürfte der ein oder andere Briefkasten proppenvoll werden. Foto: Stock/Imagebroker

Eschweiler. Heike und Michael Bahn sind wütend – sehr wütend. Bereits seit drei Wochen gehen die Indestädter, die in Hücheln wohnen, im wahrsten Sinne des Wortes leer aus. Post haben die Bahns in dieser Zeit nicht mehr erhalten.

„Allenfalls Pakete kommen an, aber keine, ausdrücklich keine, Briefsendungen“, schreibt uns Michael Bahn. Für seine Frau Heike ist die Situation besonders ärgerlich. Der Grund: Die Indestädterin ist momentan auf Jobsuche. Zahlreiche Bewerbungen hat sie bereits versandt, ob es Rückmeldungen gab, weiß sie allerdings nicht. Obwohl der Streik in dieser Nacht beendet wurde, bleibt Heike Bahn skeptisch: „Man weiß doch gar nicht, was alles aussteht. Auch wenn es jetzt wieder weitergeht, werden wir wirklich all‘ unsere Post bekommen?“

Doch wem flatterte in den vergangenen Wochen Post in den Briefkasten und wem nicht? So wirklich klar zu sein, scheint das keineswegs. Während man in Hücheln seit drei Wochen und in Weisweiler sogar seit viereinhalb Wochen auf Briefsendungen wartet, scheint der Streik an der Odilienstraße sowie auf der Pumpe vorbeigegangen zu sein.

„Wir haben davon nichts gemerkt, bei uns ist jeden Tag Post angekommen“, teilt eine Indestädterin mit, die an der Odilienstraße wohnt. Ihr Begleiter hat allerdings ganz andere Erfahrungen gemacht. „In Nothberg kommt auch seit drei Wochen keine Post mehr an.“ In der nächsten Woche erwarte er aber ein Päckchen, deshalb freue er sich, dass der Streik jetzt ein Ende findet. „Keine Briefe im Kasten finde ich ansonsten gar nicht so schlimm – eher gut“, sagt der junge Mann und lacht.

„Auf dem Rücken der Kunden“

Mit Humor können Michael und Heike Bahn den Streik allerdings nicht mehr nehmen. „Die Situation hier ist unzumutbar, und der Streik wird ausschließlich auf dem Rücken der Kunden ausgetragen. Die Aussage der Deutschen Post, dass 80 Prozent der Briefe ankämen, ist ein schlechter Witz. Bei uns beträgt die Quote Null Pozent“, meint Bahn.

Ein Sprecher der Deutschen Post verwies auf Anfrage unserer Zeitung dennoch auf die deutschlandweite Zustellungsquote. Weder über die regionalen Zustellungsquoten würde die Post Auskunft geben, noch über den Anteil verbeamteter Angestellter unter den über 30 Zustellern in Eschweiler oder darüber, wie viele Personen in der Indestadt gestreikt haben. Beamte dürfen allerdings nicht streiken. Mit ihrem Einverständnis können sie aber auch in Streikzeiten in anderen Bezirken und an Brennpunkten eingesetzt werden. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) habe aber Druck auf die Postbeamten ausgeübt, sagt der Postsprecher.

„In den größeren Paketzentren stapeln sich Briefe und Pakete“, sagt Uwe Speckenwirth von der Verdi-Landesstreikleitung, „dass nicht zugestellt werden kann ist wichtig, darüber entsteht erst der Druck auf den Arbeitgeber.“ Weder das Verteilungszentrum noch die Zustellung in Eschweiler sei aber zum Streik aufgerufen worden. Allgemein sei im ländlichen Raum auch der Anteil der verbeamteten Mitarbeiter höher als der der Tarifkräfte. Warum in manchem Eschweiler Stadtteil trotzdem teilweise wochenlang keine Post geliefert wurde, könne daran liegen, dass sie aus den großen Paketzentren nicht in der Indestadt ankomme.

Nichtsdestotrotz herrscht im Briefverteilzentrum an der Bergrather Straße derzeit dicke Luft und Chaos, wie uns ein Mitarbeiter der Deutschen Post bestätigt. Und nicht nur der Streik habe die übrig gebliebenen Mitarbeiter geschwächt: Auch die Hitzewelle, die in der vergangenen Woche vorherrschte, wurde zum Problem. Sie war der Grund für zahlreiche Krankmeldungen, so dass die Belegschaft weiter geschwächt wurde. Es werde länger dauern bis alle Briefe, die dort gelagert sind, auch verteilt seien, meint er.

Diese Befürchtung hat auch Hans Ferfer. Seit viereinhalb Wochen wartet der Indestädter, der in Weisweiler lebt, auf wichtige Briefsendungen, darunter auch Rechnungen. Er habe sich bereits mehrfach erkundigt und immer wieder habe man ihm mitgeteilt, dass seine Briefe bereits versendet wurden. Doch auch bei ihm gingen bereits mehrfach Anrufe ein. Der Grund: Er habe seine Rechnungen nicht bezahlt. „Ich kann aber schlecht bezahlen, wenn die Rechnung noch nicht da ist“, meint Ferfer.

Nerven überspannt

So fragte er direkt bei der Deutschen Post nach. Dort konnte man ihm allerdings nicht weiterhelfen. Vielmehr verwies man Ferfer an eine Beschwerde-Hotline. Doch auch dort teilte man ihm mit, dass man nichts tun könne. „Ich habe ja Verständnis für den Streik, aber viereinhalb Wochen sind dann doch etwas happig.“ Langsam seien nicht nur seine Nerven, sondern auch die von anderen Inde­städtern überspannt.

Betroffen von dem Poststreik waren allerdings nicht nur Privatpersonen, sondern natürlich auch Betriebe – so wie die Eschweiler Stadtverwaltung. Auch im Rathaus dürfte sich der Posteingang erst ab Dienstag wieder füllen.

Keine Panik bei „Knöllchen“

„Der Streik war für uns deutlich spürbar“, berichtet Verwaltungssprecher René Costantini. Bei einigen Vorgängen habe man sich mit Fax und E-Mails aushelfen können. Dringende Unterlagen, die keinen Aufschub dulden, wurden mit Kurier zu den Menschen gebracht. Dies sei aber immer schon so. Und wie sieht es mit Rechnungen aus? Wer ein „Knöllchen“ der Stadt verspätet in den Briefkasten bekommt, der muss nicht gleich in Panik ausbrechen. Wie Costantini mitteilt, wolle man in solchen Fällen aus Streikgründen „großzügig vorgehen“.

Ohnehin seien die Verwarnungen mit einer Frist nach Erhalt des Schreibens versehen. „Dies verhindert auch, dass ein Bußgeldverfahren eingeleitet wird, wenn jemand drei Wochen in Urlaub weilt“, sagt er. Der Betroffene müsse dann nur glaubhaft mitteilen, dass er die Post nicht lesen konnte. In der Regel geht man in der Verwaltung von einer Zustellung innerhalb von drei Werktagen aus, was beim Poststreik hinfällig ist.

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