Alemannia Ticker

Stolpersteine erinnern an Opfer der Nazis

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
Auf diesem Frachter, der „Pen
Auf diesem Frachter, der „Penelope”, und weiteren Schiffen versuchten 1939 rund 1200 junge jüdische Frauen und Männer über die Donau nach Palästina zu gelangen. Mit dabei war die Eschweilerin Selma Hess-Heumann. Der Plan schlug fehl, fast alle Flüchtlinge wurden in serbischen Konzentrationslagern ermordet. Foto: Archiv Yad Vashem

Eschweiler. Bisher neun „Stolpersteine” erinnern an Eschweiler Bürger, die Opfer der Nazi-Diktatur wurden. Jetzt sollen 20 weitere Gedenksteine hinzu kommen. Am 13. Dezember wird der Kölner Künstler Gunter Demnig diese Steine vor Häusern verlegen, die als letzte frei gewählte Adresse der ermordeten Menschen festgestellt wurden.

Diese Art des Erinnerns findet in Eschweiler große Akzeptanz. Unter den Paten, die das Verlegen der Stolpersteine im Straßenpflaster finanziell ermöglichen, sind auch heutige Eigentümer von Gebäuden, die vor der Zeit des 3. Reichs jüdischen Bürgern gehörten. Die vor Jahren geführte Debatte, ob denn das Verlegen im Pflaster nicht so aufgefasst werde, dass man diese Opfer quasi mit Füßen trete, ist verstummt. Eher sei das Gegenteil richtig, argumentiert der Erfinder dieser Aktion, der Kölner Künstler Gunter Demnig: Jeder, der die Inschrift der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafeln im Boden lesen will, verbeuge sich damit vor den Opfern.

Auch überlebende Angehörige sehen das so. Eine 81-jährige Enkelin und Nichte von Eschweiler Holocaust-Opfern wird eigens zu der Verlegung am 13. Dezember anreisen und hat schon den Flug von Jerusalem nach Frankfurt gebucht.

Das Leben der Menschen, derer mit Stolpersteinen gedacht wird, erforscht der im Januar 2008 gegründete städtische „Arbeitskreis Stolpersteine gegen das Vergessen”. Die ehrenamtlichen Mitglieder gehen den Schicksalen von mehr als 50 Eschweilern nach, die unter der Diktatur ums Leben kamen. Die meisten wurden Opfer der Judenvernichtung, aber es gibt auch andere: politisch verfolgte Sozialdemokraten und Kommunisten, überzeugte Gewerkschaftler, ebenso engagierte Christen, die angesichts des Unrechts nicht schweigen wollten. Es gibt Hinweise, dass auch Roma-Familien aus Eschweiler dem Terror zum Opfer fielen.

Bei diesen Personengruppen ist aber die Forschungslage noch schwieriger als bei jüdischen Opfern. Der „AK Stolpersteine” sucht, um nur zwei Beispiele zu nennen, dringend Hinweise für den Hintergrund von Nazi-Morden an dem jung verheirateten Eschweiler Metzgergesellen Josef Erkelenz aus Röhe, der 1944 „auf der Flucht erschossen” wurde, und an dem aus Hehlrath stamme nden Bergmann Peter Lenz, der im Konzentrationslager Sachsenhausen umkam. Er hatte zuletzt an der Bergrather Straße in Eschweiler gewohnt.

Die Opfer

Die Stolpersteine, die Gunter Demnig am 13. Dezember an neun Stellen im Stadtgebiet verlegen wird, erinnern an

Friederika Plaat: Die Tochter des Metzgers Leo Stiel aus der Judenstraße war 1939 nach Holland geflohen. Sie arbeitete in Amsterdam als Hausangestellte und heiratete den aus der Nähe von Oberhausen stammenden Herbert Plaat. Als sie 1942 in Auschwitz ermordet wurde, war sie 21 Jahre alt.

Sibilla und Moses Zander: Der pensionierte Betriebsklempner Moses Zander und seine Frau Sibilla wohnten an der Uferstraße. Das betagte Ehepaar wurde 1942 bon einem Eschweiler Sammellager aus zuerst nach Theresienstadt und dann in das Vernichtungslager Treblinka deportiert.

Paula und Joseph Zander: Der Schneider Joseph Zander, Sohn von Sibilla und Moses Zander, und seine Frau Paula hatten ein Herrenmodegeschäft in der Innenstadt. Ihre beiden Kinder waren jung gestorben. Paula und Joseph Zander wurden wahrscheinlich beide in Majdanek ermordet. Sie wurden 44 und 47 Jahre alt.

Antonie Kaufmann: Die Ehefrau von David Kaufmann, vor dessen Wäschegeschäft in der Grabenstraße bereits seit drei Jahren ein Stolperstein liegt, wurde in Auschwitz ermordet. Ihre beiden Kinder emigrierten in die USA entkamen der Vernichtung.

Familie Goetz/Stern:Der verwitwete Geschäftsmann Harry Goetz war in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts der bedeutendste jüdische Kaufmann in Eschweiler und zugleich Vorsteher der Synagogengemeinde. Er, seine Tochter Lilli und Schwiegersohn Karl Stern wurden in Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet.

Familie Elkan: Mehrere Eschweiler Bürger erinnern sich noch an Paula Elkan als eine außergewöhnlich hilfsbereite und herzensgute Frau. Sie und ihr Mann Benno, ein bekannter Metzger und Viehhändler, kamen beim Transport in ein Ghetto ums Leben. Benno Elkan wurde erschossen, als er um ärztliche Hilfe für seine Frau bat, die einen Herzanfall erlitten hatte. Ermordet wurden auch die Tochter Jenny, die trotz schwerer Behinderung in Holland im Widerstand aktiv gewesen sein soll, und Paula Elkans Schwester Hedwig.

Familie Blech: Emil und Hedwig Blech hatten auf der Röthgener Straße eine Metzgerei und Wurstfabrik. Mehrere Eschweiler Bürger erinnern sich, Emil Blech in einem Sammellager am Friedhof Stich gesehen zu haben. Die Spur der beiden verliert sich im Ghetto Izbica, das als Durchgangsstation für die Vernichtungslager im Osten galt. Emil Bonwitt, der Vater von Hedwig Blech, starb im Lager Theresienstadt.

Carolina und Moritz Sperber: Die Sperbers gehörten zur großen Familie Holländer und waren Inhaber des Metall- und Altwarenhandels Holländer in Röthgen. Ihr Leben endete in Theresienstadt und in Auschwitz.

Familie Heumann:Die Witwe des 1939 gestorbenen Lumpenhändlers Isaak Heumann wurde 1942 vom Sammellager Stich ins Ghetto Izbica deportiert, sie wurde später für tot erklärt. Ihre Tochter Selma Hess, deren Mann und ihr Baby wurden nach einer gescheiterten Flucht wahrscheinlich in serbischen Konzentrationslagern umgebracht. Selma Hess wurde 22 Jahre alt.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.