Stolpersteine: Damit die Opfer nicht vergessen werden

Von: Andreas Gabbert
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Arbeitet am größten dezentra
Arbeitet am größten dezentralen Mahnmal in Europa: Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing verlegt. Foto: Andreas Gabbert

Eschweiler. Wie viele Menschen aus Eschweiler in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus ermordet wurden, ist immer noch nicht genau bekannt. Ein Arbeiter, der einfach nur zu seiner Mutter wollte, anstatt im Krieg andere Menschen zu töten, sei darunter gewesen, ein Kommunist, den seine Überzeugung ins KZ brachte, und ein Familienvater, der den falschen Sender auf seinem Radiogerät eingestellt hatte.

Vor allem sei aber die jüdische Bevölkerung ausgeplündert, schikaniert und in die Emigration gezwungen worden. Wer nicht emigrieren konnte, sei ermordet worden. Mindestens 40 jüdische Bürger aus Eschweiler hätten ihr Leben verloren, erklärte Friedhelm Ebbecke-Bückendorf von der 2008 gegründeten städtischen „Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine gegen das Vergessen” am Dienstag in seiner Rede anlässlich der Verlegung der nächsten Gedenktafeln in Eschweiler.

Der Künstler Gunter Demnig aus Köln hatte im Jahr 2008 bereits neun seiner „Stolpersteine” in Eschweiler verlegt. Gestern sind 20 weitere dieser Gedenksteine hinzu gekommen und werden Teil des größten dezentralen Mahnmals in Europa.

Lebendige Erinnerung

Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen „Stolpersteine” in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist”, sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern werde die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten.

Paten sorgen mit ihrer finanziellen Unterstützung dafür, dass die Steine im Straßenpflaster verlegt werden können. Dazu zählen Privat- und Geschäftsleute, Vereine und Organisation sowie die Eschweiler Waldschule. Auch heutige Eigentümer von Gebäuden, die vor der Zeit des 3. Reichs jüdischen Bürgern gehörten, beteiligen sich an der Aktion

Erforscht wird das Leben der ermordeten Mitbürger vom „Arbeitskreis Stolpersteine gegen das Vergessen”. Die ehrenamtlichen Mitglieder gehen den Schicksalen von mehr als 50 Eschweilern nach, die unter der Diktatur des Nationalsozialismus umgebracht wurden.

An jeder Station stellten Pfarrer Wolfgang Theiler und Friedhelm Ebbecke-Bückendorf die Personen, an die erinnert werden soll, kurz vor. Diese Texte, historische Fotos und aktuelle Bilder von gestern werden zu einer Dokumentation zusammengestellt, die den Unterstützern der Aktion zur Verfügung gestellt wird.

Besonders freuten sich die Mitglieder des Arbeitskreises über die Anwesenheit von Schoschanna Kadmon, die mit ihrem ältesten Sohn Guni und weiteren Mitgliedern der Familie zur Verlegung der „Stolpersteine” nach Eschweiler gekommen war. Schoschanna Kadmon ist die Enkelin des ermordeten Vorstehers der Eschweiler Synagoge, Harry Goetz, und war für diese Veranstaltung eigens aus Jerusalem angereist.

Der aus Briesen in Westpreußen stammende Kaufmann Heymann genannt Harry Goetz siedelte sich mit seiner Familie 1901 als 34-Jähriger in Eschweiler an. Er war Inhaber des Schuh- und Kleidergeschäfts Goetz an der Grabenstraße 31, wo gestern auch sein Gedenkstein verlegt wurde.

Bewegender Tag

Seine Frau Thekla starb 1922 im Alter von 58 Jahren und wurde auf dem Friedhof an der Talstraße beerdigt. Von den beiden Töchtern des Ehepaares konnte eine der Vernichtung entkommen. Erna Goetz studierte, promovierte und wurde Ärztin. Sie heiratete den Berliner Rechtsanwalt und Notar Martin Sigbert Wolfsohn. Mit ihm gemeinsam wanderte sie nach Palästina aus.

Harry Goetz wurde ein Opfer der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Abgemeldet am 13. Juli 1939 nach Aachen, wurde er dort später im Lager am Grünen Weg interniert. Mit dem Transport VII/2 wurde Goetz am 25. Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt gebracht. Er starb 74-jährig im Vernichtungslager Treblinka. Neben seinem Gedenkstein erinnern zwei weitere an seine Tochter Lilli und ihren Mann Karl Stern. Stern leitete als Juniorchef das Modehaus Goetz. Nachdem sich das Ehepaar gemeinsam mit Harry Goetz nach Aachen abgemeldet hatte, wurden die Beiden im Juli 1942 deportiert. Wahrscheinlich sind sie im Vernichtungslager Majdanek umgekommen. Das gemeinsame Kind Heinz Stern überlebte den Holocaust.

Für die Nachfahren der Familie war gestern ein sehr bewegender Tag. „Bis heute sind nicht genügend Konsequenzen aus den Geschehnissen gezogen worden”, mahnte Schoschanna Kadmon. Ihr Sohn Guni Kadmon hatte Fotografien der ermordeten Familienmitglieder mitgebracht und sich einen alten Kleiderbügel umgehangen, auf dem noch der Name seines Urgroßvaters steht. Ihm ist Demnigs Aktion schon länger bekannt. Er findet sie sehr gut, „weil die Einheimischen registrieren, was sich in ihrer Stadt ereignet hat”. Der Gedenkstein an der Grabenstraße erinnere daran, dass die rechtmäßigen Besitzer ermordet wurden und mahne vor der Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt.

„Heute morgen zeigt Eschweiler wieder, dass wir gegen Rechtsradikalismus sind”, sagte Bürgermeister Rudi Bertram verbunden mit der Hoffnung, dass sich folgende Generationen sich mit dem Thema beschäftigen, „damit das nie wieder passiert”.

Paten für Gedenksteine gesucht

Die „Stolpersteine” werden durch Spenden von Paten ermöglicht. Für zwölf der Gedenksteine ist die Finanzierung bereits gesichert.

Jede Gedenktafel kostet einschließlich der Verlegung 95 Euro, im kommenden Jahr 120.

Wer die Patenschaft für einen „Stolperstein” übernehmen möchte, kann seinen Betrag auf das Konto der Naturfreunde-Ortsgruppe Eschweiler bei der Raiffeisenbank Eschweiler (Konto 2201660010, Bankleitzahl 39362254) unter dem Verwendungszweck „Für AK Stolpersteine” überweisen. Spendenquittungen werden ausgestellt.

Die Recherchegruppe der Arbeitsgemeinschaft sucht außerdem ständig nach Informationen und Fotos, mit denen such das Schicksal von Opfern der Nazi-Diktatur klären lässt.

Ansprechpartner sind Friedhelm Ebbecke-Bückendorf, zu erreichen unter eschweiler-geschichte@web.de und Tel. 0171/4141968 und Pfarrer Wolfgang Theiler.

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