Statt Böller: Partygesang und Babygebrüll

Von: Sonja Essers und Carsten Rose
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Horch, horch: Hebamme Claudia Nersinger verbrachte die Silvesternacht in der Praxis und wartete auf Neujahrskinder. Foto: Carsten Rose

Eschweiler. Claudia Nersinger-Breuer nahm in den ersten Sekunden und Minuten des neuen Jahres ihre Kinder Vincent (7) und Josephine (8) in den Arm. Allerdings war für die 48-Jährige in den letzten Tagen des Jahres 2014 keineswegs sicher, dass sie ihre eigenen Kinder zuerst in den Armen hält – sie ist die einzige Hebamme in der Hebammenpraxis Dürwiß.

So verbrachte sie den Silvesterabend quasi auf Abruf. „Ich plane immer einen normalen Silvesterabend und gehe vom Optimalfall aus, dass ich den Silvesterabend normal erleben kann“, erzählte uns Nersinger-Breuer vor dem Jahreswechsel. Dass dieser dann auch eintrifft, sei recht selten der Fall. Und dieses Jahr?

„Auch eher nicht. Es kommen vier Frauen infrage, die im Zeitraum um Silvester ihr Kind bekommen könnten“, erklärte die Hebamme, die seit acht Jahren das Neujahrsfeuerwerk nicht mehr vollends genießen konnte. In Ruhephasen kann sie höchstens ein paar Minuten zum erleuchteten Himmel schauen.

Ein Kind erblickte bereits in den frühen Morgenstunden des 30. Dezembers das Licht der Welt und entzerrte somit unfreiwillig die „Warteschleife“ zum Jahreswechsel. „Es ist schon ein bisschen schade“, erzählte die Hebamme, „dass ich mich an Silvester mit anderen Kindern beschäftige und leider nicht mit den eigenen.

Aber das ist eben Normalität in der Geburtshilfe, man muss flexibel sein. Und ich stehe absolut dahinter.“ Schmunzelnd ergänzte sie, dass es „Hebammenkinder“ sowieso nicht immer leicht hätten und auch öfter warten müssen. Eine Geburt ist eben nicht auf den Punkt planbar – und Silvester ist da ein Tag wie jeder andere.

Seit 22 Jahren

Claudia Nersinger-Breuer ist seit 22 Jahren in der Geburtshilfe tätig, lange Zeit davon in Stolberg und seit März 2014 in Dürwiß. Aus dieser Zeit kann sie auch mit einer kleinen Erfolgsgeschichte – der Begriff trifft es wohl am besten, wenn ein Hauptteil des Berufes auf ungefähren Errechnungen beruht – aufwarten.

„Ich habe ein Milleniumsbaby entbunden, es war das erste Neugeborene damals in Stolberg“, erinnerte sie sich an ihre Arbeitsnacht während der Jahrtausendwende. Damit nicht genug: Nersinger-Breuer hielt auch das letzte in Stolberg geborene Baby des Jahres 1999 in ihren Händen. Es sollten in den Jahren darauf auch noch einige „Punkt-zwölf-Kinder“ folgen. Aus Erfahrung weiß sie, dass ein lautes Feuerwerk auf den Straßen nicht belastend auf werdende Mütter wirkt; diese seien meist völlig desinteressiert – der wichtigere Neuanfang spielt sich nämlich woanders ab.

Die Hebamme berichtete auch, dass sich viele werdende Mütter, wenn sie denn könnten, gegen einen Geburtstermin um Neujahr oder um die Weihnachtsfeiertage entscheiden würden. Viele wünschen sich, so Nersinger-Breuer, hinsichtlich der Zukunft einen „feiertagsfernen“ Geburtstag für ihr Kind.

Stichtwort Zukunft: Um den Jahreswechsel zu 2016 unter „normalen“ Umständen feiern zu können, müsse sie gut ein halbes Jahr im Voraus ihren Urlaub planen. Spontan ginge da nichts, Schwangere können schließlich auch nicht flexibel sein. Letztlich ist Nersinger-Breuer nicht sehr traurig über einen Dienst an einem Feiertag: „Ich bin auch ganz froh, wenn mich eine Geburt vor so mancher Feier rettet.“

Jahreswechsel auf der Bühne

Feiern bis zum Abwinken stand für Laura Frings am Mittwoch auch nicht auf dem Programm. Für sie und ihre Kollegen der Eddy-Schmidt-Band, Catarina dos Santos, Björn Frings, Martin Schroiff, Marcel Kranzhoff, Frank Plum und Ruben Ehser war der Silvesterabend eher eine Gratwanderung zwischen Feiern und Arbeiten. Im Alsdorfer Cinetower unterhielt die Eschweiler Coverband ihr Publikum bis tief in die Nacht. Zwar durfte ein Gläschen Sekt zum Anstoßen nicht fehlen, ansonsten war Alkohol allerdings tabu. „So ein Auftritt ist schon anstrengend genug. Wenn man mehrere Stunden hinter sich hat, dann weiß man, was man getan hat“, so Frings.

Dass sie selbst nicht ausgiebig feiern konnten, störte die 26-Jährige und ihre Bandkollegen nicht. Als die Anfrage vor rund drei Monaten kam, waren sie sich schnell einig: „Entweder machen wir das alle zusammen oder wir lassen es“, so Frings. „Wir wollten in diesem Jahr sowieso wieder zusammen feiern, und da keiner von uns etwas geplant hatte, haben wir beschlossen, dass wir dann auch einen Auftritt spielen können.“ Einzige Voraussetzung: „Wir wollten mit unseren Partnern zusammen feiern. Bei einer geschlossenen Gesellschaft zu spielen, wäre für uns eher nicht infrage gekommen – aber so ist es perfekt, weil alle dabei sein konnten.“

Ein Auftritt an einem solchen Tag sei nur möglich, wenn man sich gut verstehe, meinte Frings: „Wenn jeder lieber etwas mit seinen Freunden oder der Familie machen will, dann hat das keinen Sinn.“ Zwischen den Feiertagen legten sich die Musiker nicht auf die faule Haut, sondern erweiterten ihr Programm um neue Titel. „Im Vorfeld war das viel Arbeit, da mussten wir wirklich nochmal reinhauen“, erzählt Frings – ein Engagement am Silvesterabend sei nämlich definitiv ein Highlight. Der Arbeitstag selbst begann für die sieben Musiker eher entspannt. Bevor die Party so richtig losging, wurde gemeinsam gegessen. Gegen 22 Uhr spielten sie den ersten Ton.

„Zwischen den einzelnen Sets hat man genug Zeit, um Spaß zu haben“, so Frings, die um Mitternacht gemeinsam mit ihren Bandkollegen anstieß. Feierabend machte die Band gegen drei Uhr am Morgen. Auch am Neujahrsmorgen hatten die Musiker noch lange nicht genug voneinander: Es gab ein gemeinsames Frühstück, quasi ein Neujahrsstart ohne Publikum.

Lange ausgebucht

Die ganze Silvesternacht im Einsatz waren wie eh und je die Taxibetriebe, und vor allem schon vor den ganzen Festivitäten ausgebucht. Kurzfristige Fahrten waren rar. Das Taxiunternehmen Andreas Slabe war mit zehn Wagen unterwegs, die bereits am 29. Dezember bis 3.30 Uhr „quasi voll“ waren, wie Peter Heinen aus der Leitstelle berichtete.

„Bis 22 Uhr ist es meist ruhig, aber danach ist Power angesagt“, beschrieb er die Nachtschicht ab 18 Uhr. Ebenso straff wie der Dienstplan war dann auch das Zeitfenster zum Jahreswechsel: „Um Punkt zwölf hatten die Fahrer zwei Minuten Zeit, um kurz in sich zu gehen oder die Familie kurz zu umarmen, wenn sie in der Nähe waren.“ Ein Treffen mit anderen Kollegen und kurz anstoßen: Fehlanzeige.

Kein Ritual

Das bestätigte Jörg Schmitz vom City Taxi. Ein Ritual, dass sich Taxifahrer an einem Platz treffen, kenne er auch nur aus anderen Städten. Eine kleine „Nachholparty“ in der Leitstelle gäbe es auch nicht. Die sechs Autos des Unternehmens waren von Mitternacht bis fünf Uhr morgens „komplett ausgebucht“, die ersten Anrufe für Reservierungen seien schon drei Wochen vorher eingegangen. Für die Fahrer seien Silvesterfahrten kein Problem, so Schmitz, sie machen es schließlich seit Jahren.

Schmitz selbst verbrachte den Jahreswechsel in der Leitstelle, zum Glück nicht alleine, aber während die Böller knallten, gaben auch die Telefone keine Ruhe.

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