Städtisches Gymnasium will das G9-Modell zurück

Von: Laura Laermann
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Stefan Kämmerling, Birgit Breckheimer, Ulrike Vogel-Witteman, Eva-Maria Voigt-Küppers, Dietmar Schultheis, Josef Gier und Winfried Grunewald (von l.) diskutierten im städtischen Gymnasium über die Vor- und Nachteile des G8- und G9-Schulmodells.

Eschweiler. Auch im Städtischen Gymnasium ist „G8 oder G9?“ ein großes Thema. Die Schule stellte mit Unterstützung der Stadt den Antrag, zurück zum Modell G9 zu kehren. Die Bezirksregierung erteilte keine Genehmigung. Aus diesem Anlass suchte Schulleiter Grunewald den Dialog mit der Politik. So kam am Mittwochabend in Eschweiler ein eigener runder Tisch mit Vertretern der Schule, der Eltern und SPD-Politikern zusammen.

Seitdem G8, die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit um ein Jahr, eingeführt wurde, steht das Modell in der Kritik. Kinder und Eltern klagen beim Turbo-Abitur über zu viel Lernstoff in zu kurzer Zeit. „G8 powert unsere Schüler aus“, sagt Ulrike Vogel-Witteman, Vorsitzende der Schulpflegschaft. „Nach der Schule, müssen die Kinder lernen, danach bleibt nur noch wenig Zeit und Energie für die eigenen Hobbys.“

Wer sich an seine eigene Schulzeit erinnert, kennt das Problem: Musikunterricht, Fußballtraining, ehrenamtliches Engagement, Freunde treffen – als junger Mensch hat man viele Interessen in seiner Freizeit. „Eine kürzere Schulzeit bedeutet auch weniger Zeit seine Persönlichkeit zu entwickeln“, findet Elternvertreterin Birgit Breckheimer. „Denn mit dem Schulende und dem Studienbeginn brechen viele Aktivitäten weg.“

Alle sind sich einig: Kaum einer wisse im Alter von 17 Jahren, was er nach der Schule machen will. „Nur wenige studieren direkt nach der Schule“, stellt Josef Gier, ein Elternteil, fest. Doch entspricht das dann noch der Idee des G8-Modells? Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Eva-Maria Voigt-Küppers erklärt die Gründe von G8: „Das Modell wurde weniger von der Politik initiiert, als durch gesellschaftliche Veränderungen, die von der Wirtschaft geprägt wurden.“

Hauptziel sei die Anschlussfähigkeit an andere Staaten gewesen. Im Vergleich zu transatlantischen Staaten, gingen die Absolventen durchschnittlich jünger in den Arbeitsmarkt. Mit dem Bologna-Prozess, der ein einheitliches Studiensystem in Europa schuf, formte sich die Idee einer verkürzten Schulzeit. „Die Wirtschaft hat es verlangt, die Politik hat zugestimmt“, sagt Voigt-Küppers.

Im August 2006 wurde das „G8-Gesetz“ umgesetzt. Und das „viel zu schnell“, waren sich alle am Mittwochabend einig. Für viele Schulen kam der Umschwung überraschend: Es gab keine Mensen, keine Lehrpläne oder gar Bücher, die der verkürzten Schulzeit angepasst waren. Ein weiterer Kritikpunkt am G8-Modell ist die Einführung einer zweiten Fremdsprache ab dem sechsten Schuljahr.

„Viele Kinder haben Schwierigkeiten mit zwei Fremdsprachen in den ersten beiden Jahre in der Sekundarstufe“, weiß Schulleiter Winfried Grunewald. „Die Englischkenntnisse der Fünftklässler basieren auf ganz unterschiedlichem Level je nach Grundschule, von der sie kommen.“ Auch das Jahres-Wochenstunden-System ärgert viele: Um die vorgegebene Stundenzahl zu erreichen, kann es dazu kommen, dass Schüler gewisse Fächer wählen müssen und andere Fächer, die sie gerne wählen würden, nicht ausreichen.

So wie am runden Tisch in Düsseldorf mit Vertretern aus Verbänden, Parteien und Initiativen, ist man sich auch in Eschweiler sicher: G8 war ein Fehler. Doch wie sieht der neue Plan aus? Bisher steht nur fest: Es wird ein verbindliches Konzept für alle Schulen geben, das vom Gesetzgeber festgelegt wird. Das Prinzip „Jede Schule entscheidet für sich“ könnte zu erheblichen Leistungsunterschieden führen. Der Vorsitzende des Eschweiler Schulausschusses, Dietmar Schultheis, wünscht sich für die Schüler: „G9 zurück mit allen Vor- und Nachteilen“. Doch dies sei ausgeschlossen.

Stattdessen arbeiten die Parteien an Systemen, die eine flexible Schulzeit ermöglichen. Die Sekundarstufe 1 würde demnach statt fünf, wieder sechs Jahre umfassen. Damit wäre auch der Abschluss der mittleren Reife nach der 10. Klasse wieder am Gymnasium möglich. In der Oberstufe wäre dann jedem Kind die individuelle Entscheidung überlassen, ob es in weiteren zwei oder drei Jahren das Abitur absolvieren möchte. Grunewald sieht das skeptisch: „Wir haben für dieses Jahr 60 Anmeldungen, wenn davon Schüler abgehen, bleiben am Ende vielleicht noch 40, die sich für G8 oder G9 entscheiden könnten. Bei so wenigen Schülern wird es schwierig, mehrere Leistungskurse zu bilden.“

Für Szenarien wie diese werden nun Lösungen durchdacht. Die Politik verspricht auf die Frage „G8 oder G9?“, anders als 2006 in Ruhe mit aller Gründlichkeit eine Antwort zu finden. „Eine schnelle Lösung wird es nicht geben“, weiß Voigt-Küppers (SPD). Da der Wahlkampf im Frühjahr 2017 beginnt, sei nicht genügend Zeit für eine so wichtige Entscheidung. „Für das Schuljahr 2017/18 wird es noch kein finales Konzept geben.“ Der Fahrplan innerhalb der Politik verläuft in vier Schritten, die Stefan Kämmerling von der SPD-Fraktion schildert: „Zunächst muss eine Partei ihre Lösung vorstellen. Nachdem der Leitantrag beim Landes-Parteitag gestellt wurde, kann eine Partei ihre Lösung in ihr Wahlprogramm einfließen lassen. Nachdem das Wahlergebnis fest steht, wird das Programm der gewählten Partei umgesetzt.“ Erst im Februar 2018 rechnen die Vertreter der SPD mit einem Gesetz.

Doch was sagen die Schüler eigentlich dazu? Letztlich betrifft sie diese Entscheidung am meisten. Schülervertreter Marvin Cremer vom Städtischen Gymnasium nahm schriftlich Stellung: „Die meisten Schüler bevorzugen das G9-Modell, da Unterrichtsinhalte stärker vertieft werden können und mehr Freizeit bleibt.“ Aber auch das aktuelle Modell habe seine Vorteile. „Gute“ Schüler, die schneller mit den Unterrichtsinhalten zurechtkommen und eine solche Belastung aushalten können, sollten die Möglichkeit haben, ihre Schulzeit mit G8 verkürzen können.“

Die Schüler haben sich Gedanken gemacht, wie ein neues Modell nach ihren Vorstellungen aussehen könnte. „Die grundsätzliche Schulzeit sollte wieder auf neun Jahre verlängert und die Unterrichtsinhalte dementsprechend angepasst werden. Es sollte eine Art „Drehtürenmodell“ geben, das erste Inhalte der Oberstufe enthält, aber nicht zu viel Lernstoff vorgibt. Anschließend sollte ein „Übergleiten“ statt eines „Überspringens“ möglich sein, um die Schulzeit zu verkürzen.

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