Stadtrat: Im Schnitt 55 Jahre alt und männlich

Von: Patrick Nowicki
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Das jüngste Ratsmitglied: 24 Jahre alt ist Ugur Uzengelis, der vor zwei Jahren für die SPD in den Stadtrat einzog.
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Das älteste Ratsmitglied: Der 77-jährige Konstantin Theuer sitzt seit 1999 für die FDP im Stadtrat.

Eschweiler. Sie müssen manchmal Schelte einstecken, Dinge in der Stadt vorantreiben, Entscheidungen für Eschweiler fällen: die kommunalen Ratsvertreter. Sie alle erhalten monatlich eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 386,80 Euro für ihre Arbeit. Die Anwesenheit bei Sitzungen ist nur ein kleiner Teil davon.

Sechs Mal im Jahr kommt das Gremium im Rathaus zusammen, um die Weichen vor Ort zu stellen. Hinzu kommen Ausschüsse, Fraktionssitzungen, Besuche von Veranstaltungen und natürlich die Vorbereitungen zu Hause. Kein Zweifel: Es gibt weniger zeitaufwendige Hobbys als Kommunalpolitik.

Statistisch betrachtet, ist ein Eschweiler Ratsmitglied im Schnitt 55 Jahre alt. In diesem Alter gehörte Konstantin Theuer dem Kommunalparlament noch gar nicht an. Der heute 77-Jährige ist zwei Wochen älter als Manfred Waltermann und damit der „Alterspräsident“ im aktuellen Stadtrat. Obwohl er sich seit 1964 kommunalpolitisch engagiert, erhielt er erst 1999 ein Ratsmandat. Mit dem Fall der Fünf-Prozent-Hürde bei Kommunalwahlen war der Weg frei für die Liberalen. Mit diesem Moment waren die frustrierenden Wahlen der Jahre zuvor für ihn vergessen. „Die FDP hat sich in Eschweiler eine 35 Jahre lange Pause gegönnt“, sagt er heute schmunzelnd.

Für ihn war der Zeitpunkt ideal: Theuer wechselte gerade in den Ruhestand – und hatte sofort eine neue Aufgabe gefunden. Eine zeitintensive dazu: Morgens saß er oft schon um 8 Uhr im Rathaus und blätterte in den Verwaltungsvorlagen und Unterlagen. „Ich habe die Stunden nie gezählt“, sagt er. Im Nachhinein war ihm aber klar, dass er in der Berufstätigkeit niemals als Ratsherr durchgehalten hätte. Erst im Rentenalter habe er die Zeit gehabt, sich intensiv mit den politischen Themen auseinanderzusetzen.

Die wenigsten Ratsvertreter haben die Rente bereits erreicht: sieben der 51. Die übrigen Mandatsträger gehen einem Beruf nach. Der Bürgermeister Rudi Bertram als Verwaltungschef und der Landtagsabgeordnete Stefan Kämmerling (beide SPD) sind hauptamtlich in der Politik tätig. Die Palette der übrigen Berufe reicht von Kaufleuten (5) über Diplom-Ingenieure (3) bis hin zu Berufsschullehrer, Lagerist und Biologie-Laborant. Eine Zahl spiegelt allerdings wider, dass im Stadtrat durchaus Nachholbedarf besteht: Lediglich elf Frauen arbeiten dort mit. Ihr Anteil liegt damit bei gerade einmal knapp 22 Prozent.

Der Sozialdemokrat Ugur Uzungelis weist zwei Besonderheiten auf: Seine Eltern stammen aus der Türkei – und er ist mit 24 Jahren das jüngste aktuelle Ratsmitglied. „Meine Freunde nennen mich immer: Herr Bürgermeister“, berichtet er. Im Berufskolleg reifte bei ihm der Entschluss, in die Kommunalpolitik einzusteigen. Der Auslöser war kurios: „Ich habe beim Thema Jugendarbeitslosigkeit heftig mit meinem Politiklehrer diskutiert.“ Erst später erfuhr er, dass jener Lehrer, nämlich Josef Stiel, zugleich als Fraktionsvorsitzender der SPD in der Städteregion saß. Bei der nächsten Unterrichtsstunde brachte Stiel Informationsmaterial der Jugendorganisationen aller Parteien mit und sagte nur: „Schau dir das einmal an.“ Bei der SPD habe Ugur Uzungelis nach eigener Aussage schließlich die meisten Übereinstimmungen gefunden.

Fünf Jahre nach dem Eintritt in die Jungsozialisten schaffte Uzungelis 2014 im ersten Anlauf den Sieg in seinem Wahlkreis. Ob er vor der Wahl nervös war? „Ich war einfach nur müde, weil wir noch in der Nacht Zettel verteilt haben“, erinnert er sich. Der anstrengende Wahlkampf hatte ihn geschlaucht. Wenige Tage später dann: „Wow, ich habe etwas geschafft.“ Seit den jüngsten Kommunalwahlen gehört er der SPD-Fraktion an und rückte gleich zum sportpolitischen Sprecher auf. Dies passt auch zu seinem Sportmanagement-Studium in Düsseldorf. Dass er sofort Verantwortung übernahm, ist für Uzungelis nicht ungewöhnlich: „Ich habe mich irgendwie immer für andere eingesetzt.“ So war er Klassensprecher und Schülersprecher im Berufskolleg Eschweiler. Sein Ratsmandat allerdings unterscheidet sich deutlich von seinen bisherigen Engagements. „Das ist schon etwas mehr als Ehrenamt“, meint er.

Freie Tage bleiben im Terminkalender der Kommunalpolitiker Rarität: Zu den sechs Ratssitzungen in diesem Jahr gesellen sich noch 26 Ausschusssitzungen und neun Treffen der Arbeitsgemeinschaften. Die AG „Strukturwandel“ trifft sich am 16. März zum ersten Mal. Dieses Gremium war von Bündnis 90/Die Grünen angeregt worden. Der Behindertenbeirat und der Integrationsrat mit insgesamt sechs Sitzungen komplettieren die kommunalpolitischen Gremien in der Stadt Eschweiler. Bei besonders dringenden Ereignissen sind auch Sondersitzungen möglich. Nur im Juli und im August gönnen sich die Parteien eine Pause. Dann sind „Parlamentsferien“.

Als Konstantin Theuer in die FDP eintrat, lagen deutlich mehr Entscheidungen in den Händen des Stadtrats. Seitdem ist der Handlungsspielraum der Eschweiler Kommunalpolitiker Jahr für Jahr weiter geschrumpft. Inzwischen sind die meisten Aufgaben der Kommunen verpflichtend und liegen nicht in der Entscheidung vor Ort. Peter Kendziora (SPD) kann davon ein Lied singen, denn er gehört seit 1986 ununterbrochen dem Stadtrat an. Nur Dietmar Widell (Bündnis 90/Die Grünen) zählte schon zwei Jahre vorher dazu. Allerdings pausierte er von 1999 bis 2007.

„Damals waren die Debatten deutlich hitziger und persönlicher“, berichtet Theuer, der viele Sitzungen als Zuschauer beobachtete. Heute sei die Arbeit sachorientierter, meint er. Dies sei auch der Grund gewesen damals, in die Kommunalpolitik einzusteigen: „Ich wollte nicht nur meckern, sondern auch etwas bewegen.“ Als Oppositionsvertreter sind die Möglichkeiten für eigene Akzente in der Ratstätigkeit natürlich begrenzt. Aber dies habe er von vorneherein gewusst.

Seit der kommunalen Neugliederung im Jahr 1972, als die Gemeinden Kinzweiler, Weisweiler und Dürwiß zur Stadt Eschweiler hinzukamen, besitzen die Sozialdemokraten die meisten Sitze im Rat. Dass aktuell die Opposition aus CDU, Grüne, FDP, UWG, Linke und Piraten auf 23 Sitze kommt, liegt an dem Wechsel von Dr. Christoph Herzog im vergangenen Sommer. Sein Mandat für die CDU nahm er zur SPD mit. So kommen die Sozialdemokraten aktuell auf 28 Sitze, den Bürgermeister mit eingerechnet.

Davon sind die Liberalen natürlich weit entfernt. Dennoch wünscht sich Theuer, dass „seine“ FDP bei den nächsten Kommunalwahlen wieder mehr als die derzeit zwei Sitze erhält. Er wird nicht mehr kandidieren. Und Ugur Uzungelis? „Ich möchte noch lange Kommunalpolitik in Eschweiler betreiben“, sagt er und schränkt ein: „Es sei denn, dass ich aus beruflichen Gründen umziehen muss.“

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