Stadt bereit für den Menschen-Zustrom

Von: Rudolf Müller
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Städtische Unterkünfte an der Grachtstraße: Nach Fertigstellung des Projekts Stich 30 sollten sie eigentlich abgerissen werden – jetzt werden sie saniert. Foto: Rudolf Müller
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Umbauprojekt Stich 30: Das Gerüst ist inzwischen abgebaut. Ende des Monats sollen die erst Menschen in dem ehemaligen Firmen-CVerwaltungsgebäude einziehen Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Dass die Bundespolizei ihr Domizil an der Rue de Wattrelos nimmt, das hat Eschweiler bislang davor bewahrt, Erstaufnahmestation für 150 Flüchtlinge zu werden. Vor zwei Wochen bereits wollte die Bezirksregierung Eschweiler verpflichten, innerhalb weniger Tage eine solche Erstaufnahmeeinrichtung, von der aus Flüchtlinge auf Kommunen in ganz NRW verteilt werden, zu schaffen.

Bürgermeister Rudi Bertrams Hinweis, dass Eschweiler ja bereits durch die Verpflichtung zur Aufnahme alleinreisender jugendlicher Flüchtlinge (resultierend aus der hier vorhandenen Ansiedlung der Bundespolizei) in besonderem Maß gefordert werde, ließ die Kölner davon absehen.

Jetzt sind die Karten neu gemischt: Der starke Zustrom an Flüchtlingen (im Juli wurden bundesweit 70.000 Asylanträge eingereicht, soviel wie im Januar, Februar und März zusammen) setzt solche Rücksichtnahmen außer Kraft. Im Rathaus rechnet man stündlich mit dem Anruf aus Köln, der die bevorstehende Ankunft von 150 Flüchtlingen ankündigt. Flüchtlinge, die menschenwürdig untergebracht werden müssen. Und um dies zu gewährleisten, werden derzeit im Rathaus alle Hebel in Bewegung gesetzt.

Bereits in der vergangenen Woche führte Rudi ein Bertram ein Krisengespräch mit Vertretern aller Hilfsorganisationen. Die stehen bereit, zu helfen, wie immer sie können. Wann immer sie können: Die Reit-EM in Aachen bindet wochenlang Hunderte der Ehrenamtler.

„Eigentlich hatten wir gedacht, mit der Eröffnung des Wohnheims Stich 30, das Ende des Monats fertig umgebaut sein soll, würden wir uns Luft schaffen“, sagt Bertram. Doch die dort entstehenden Wohnungen für insgesamt 80 Personen reichen für den Fall des Falles bei weitem nicht aus. Sobald Stich 30 bezogen werde, wollte die Stadt die maroden Unterkünfte an der Grachtstraße abreißen lassen. Davon ist kein Rede mehr: Sie werden saniert, bieten dann 35 Personen Obdach. Heilfroh ist Rudi Bertram über die Zusage des RWE, am Kraftwerk Monteursbaracken zur Verfügung zu stellen. Wie viele Flüchtlinge hier untergebracht werden können, ist noch ungeklärt.

Zur Flüchtlingsunterkunft umgenutzt wird auch das Erdgeschoss der Eichendorffschule: Noch sind hier VabW (Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung) und die Eschweiler Filiale der Fernuniversität Hagen untergebracht. Die sollen entweder eng zusammenrücken oder umziehen: möglicherweise in die Willi-Fährmann-Schule. Dort, so Bertram, müssten infolge der Inklusion und durch die Kooperation mit der Stolberger Förderschule Kapazitäten frei werden. Schon jetzt könnten in den Eichendorffschule 20 Schlafplätze eingerichtet werden; Duschen finden sich in der angrenzenden Sporthalle. Einen von drei Umkleidetrakten für Flüchtlinge vorzuhalten, werde auch den Sportbetrieb dort nicht beeinträchtigen.

Ähnliches gilt auch für die Sporthalle Jahnstraße, die ebenfalls als Flüchtlingsunterkunft dienen soll. „Die liegt zentral, wird von unserem eigenen Sportzentrums-Personal betreut und verfügt über ausreichend Duschen und Sanitäreinrichtungen, sagt Sozialdezernent Stefan Kaever.“ Der Badebetrieb in der angrenzenden Schwimmhalle bleibe davon unberührt.

Auch in der Gutenbergstraße tut sich etwas: War die Stadt mit ihrem Ansinnen, dort Unterkünfte für jugendliche Flüchtlinge zu schaffen, vor Wochen noch vor die Wand gelaufen, so hat sich inzwischen ein Vermieter gefunden, der der Stadt einen ganzen Wohnblock mit acht Zweizimmer- und vier Dreizimmerwohnungen zur Verfügung zu stellen bereit ist. Bis auf kleinere Renovierungsarbeiten ist dort lediglich noch die Höhe des Mietzinses auszuhandeln.

Und auch in der Steinstraße könnten demnächst rund 30 Flüchtlinge einziehen: Im Mitteltrakt des früheren Gesundheitsamtes. Schon ehe die Flüchtlingsproblematik akut wurde, hatte die Städteregion das Objekt der Stadt zum Kauf angeboten.

Die Flüchtlinge, die Erstaufnahmeeinrichtungen zugeteilt werden, bleiben dort nur wenige Woche und werden dann auf eine Vielzahl von Kommunen verteilt. So wie die derzeit 778 Menschen, die als Leistungsbezieher nach dem Asylbewerbergesetz derzeit in Eschweiler leben.

Die meisten von ihnen kommen aus dem vom Krieg zerrissenen Syrien (134), 83 aus dem Irak, 77 aus Mazedonien, 64 aus Serbien, 45 aus Albanien, 35 aus Georgien, 34 aus Kirgisien, 30 aus Afghanistan, 26 aus dem Libanon, 15 aus dem Kosovo, 13 aus Ghana, 11 aus dem Kongo, je 10 aus Armenien, dem Iran und der Türkei. 449 von ihnen sind Männer, 329 Frauen. Tendenz: deutlich steigend. „Pro Woche kommen derzeit mindestens 5000 Flüchtlinge nach NRW“, weiß Kaever.

Klar, dass die Unterbringung so vieler Menschen nicht ohne Probleme vonstatten geht. Bürgermeister Rudi Bertram appelliert an die Indestädter, freien Wohnraum zu melden. „Wir gehen jedem Angebot nach; Mietverträge sind kein Problem!“ Und auch Sachspenden sind überaus willkommen. Kleidung, Möbel... „Wir wollten Etagenbetten bestellen, die haben aber sechs Wochen Lieferzeit“, sagt Bertram. Wer ein Wohnungsangebot hat, kann sich an Alexandra Gronen, Zimmer 174 im Rathaus, Telefon 71510 wenden. Die Kleiderstube des SkF (Telefon 6091818) ist montags, mittwochs und freitags von 9 bis 11 Uhr; dienstags und donnerstag von 15 bis 17 Uhr zu erreichen. Kleiderkammer und Möbellager der Awo sind montags, dienstags, mittwochs und donnerstag von 9 bis 16 Uhr sowie freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet, Telefon 87890. Allein am Dienstag, noch vor jedem Spendenaufruf, haben mehr als 20 Bürger Pakete mit Kleiderspenden abgegeben.

Für dummes, fremdenfeindliches Geschwätz ist Bürgermeister Rudi Bertram nicht zu haben, für ernsthafte Anfragen von Bürgern stehen er, Stefan Kaever und Integrationsbeauftragter Jürgen Rombach jederzeit zur Verfügung.

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