Eschweiler - St. Josef: Stärken der Kinder „auf Teufel komm raus“ fördern

St. Josef: Stärken der Kinder „auf Teufel komm raus“ fördern

Von: ran
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Großes Interesse: Zahlreiche Fachkräfte nahmen an der Tagung zum Thema „Traumapädagogik“ im Haus St. Josef teil.

Eschweiler. Den Startschuss verursachte ein Drama: Im November 2002 erhielten die Verantwortlichen des Hauses St. Josef – Kinder-, Jugend- und Familienhilfe einen Anruf des Jugendamtes Düren. Dort hatte ein Vater vor den Augen seiner vier Kinder deren Mutter auf offener Straße erstochen. Die verzweifelte Bitte lautete nun, die vier traumatisierten Kinder in die Einrichtung aufzunehmen.

„Diese Nachricht rief unterschiedliche Reaktionen bei uns Mitarbeitern hervor, die von ‚machen wir‘ bis ‚dazu sind wir nicht in der Lage‘ reichten“, erinnert sich Psychologin Claudia Effertz, die damals Mitglied des Leitungsteams des Hauses St. Josef war. Schließlich sei der Entschluss gefasst worden, die vollkommen neue Aufgabe zu übernehmen.

Mehr als ein Jahrzehnt später verfügen die Mitarbeiter der Eschweiler Einrichtung in Sachen Traumapädagogik inzwischen sowohl über hohe Fachkenntnisse als auch zahlreiche Erfahrungswerte. Während einer Fachtagung, die unter der Überschrift „Als die Sorgenfresser kamen – Wege der Traumapädagogik“ stand, stellten die Verantwortlichen des Hauses St. Josef ihre Erkenntnisse aus einem Jahrzehnt der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen rund 120 Fachkräften der Jugendhilfe, der Beratung und Therapie sowie aus Schulen, Fachschulen und Kindertagesstätten vor.

„Unsere Motivation ist, unsere Einrichtung, in der wir uns seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv mit dem Thema Traumapädagogik beschäftigen und Kompetenzen erlangt haben, als Ansprechpartner zu etablieren. Wir möchten unser Wissen zur Verfügung stellen“, erklärt Einrichtungsleiter Wolfgang Gerhards.

Dass der Bedarf in dieser Hinsicht groß sei, zeige die große Teilnehmerzahl der Fachtagung. „Wir hatten mit höchstens 100 Anmeldungen gerechnet, nun kommen wir auf 120 Teilnehmer, darunter Personen aus Eupen, Velbert, Dormagen und Mainz“, so der Pädagoge. Doch auch und gerade bei Eltern und Pflegeeltern sei das Bedürfnis, mehr über die Materie zu erfahren, immens. Deshalb fand eine Woche vor der Tagung für Fachkräfte eine ähnliche Veranstaltung für diese Zielgruppe statt, die mit 62 Teilnehmern ebenfalls großen Zuspruch gefunden habe.

Mit einem Vortrag von Dr. Marc Schmid, leitender Psychologe der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, der die Kernsymptome von Traumatisierungen beschrieb, Aufgaben und Herausforderungen für Pädagogen herausarbeitete und Forschungsergebnisse vorstellte, begann die Fachtagung im Haus St. Josef.

Im Anschluss skizzierten mit Claudia Effertz, Robert Wagner, Fachbereichsleiter Stationäre Hilfen, und Guido Möbus, Teamleiter der traumapädagogischen Außenwohngruppe „Sternenhaus“, drei aktuelle beziehungsweise ehemalige Mitarbeiter die Entwicklung der Traumapädagogik im Haus St. Josef aus unterschiedlichen Blickwinkeln. „Die Aufnahme der vier traumatisierten Geschwister im November 2002 führte zur Idee, generelle Perspektiven für weitere traumatisierte Kinder zu schaffen“, so die Psychologin, die nun selbstständig arbeitet, aber nach wie vor eng mit dem Haus St. Josef kooperiert.

Im Jahr 2005 wurde das erste ganzheitliche Konzept erstellt, ab 2006 folgten Fortbildungen für die Mitarbeiter. Die beiden Außenwohngruppen „Paulinenhof“ (Aachen) und „Sternenhaus“ (Stolberg) sind fester Bestandteil des Hauses St. Josef.

Robert Wagner richtet das Hauptaugenmerk bei der Arbeit mit traumatisierten Kindern vor allem darauf, Antworten auf die Herausforderungen des Alltags zu finden. „Zu den Voraussetzungen, traumatisierten Kindern helfen zu können, gehören, ihnen ein sicheres Zuhause bieten zu können, Konzepte zur Beteiligung der Kinder zu erarbeiten sowie eine gute ‚Bindungspädagogik‘ zu entwickeln.

Hoher innerer Stress

„Traumatisierte Kinder machen Phasen des Wiedererlebens, etwa mit Albträumen, durch, sie neigen zu Vermeidungsverhalten, schwänzen zum Beispiel die Schule, und verzeichnen oft hohen inneren Stress. Darüber hinaus führt das Erlebte häufig zu Beeinträchtigungen in Funktionsbereichen des Alltags. Schließlich haben traumatisierte Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren“, machte der Fachbereichsleiter deutlich. Deshalb gelte es, die Stärken der Kinder und Jugendlichen „auf Teufel komm raus“ zu fördern und den Kindern im Alltag Schutz und Sicherheit zu gewähren.

„Dazu gehört auch, den Kindern selber, aber auch den Lehrern und Mitschülern die Situation zu erklären. Wir müssen auch in der Öffentlichkeit zum Schutz der Kinder beitragen“, schloss Robert Wagner seinen Vortrag.

Bevor die Tagungsteilnehmer in unterschiedlichen Workshops in die Praxis der Traumapädagogik einbezogen wurden, berichtete Guido Möbus von seinen Erfahrungen als Teamleiter der Außenwohngruppe „Sternenhaus“: „Von entscheidender Bedeutung war, dass wir die Kinder beim Umzug nach Stolberg vom ersten Moment an einbezogen haben.“

Generell komme es bei der Arbeit mit traumatisierten Kindern auf die innere Haltung des Pädagogen und seine Fähigkeit, die Kinder anzunehmen, wie sie sind, an. „Gelingt ihnen dies, werden sie im Alltag Wunder erleben“, versicherte Guido Möbus seinen Zuhörern.

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