Spurensuche: Eine Zeitung aus Eschweiler in Jerusalem

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
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Julius Kaufmann – das Foto zeigt ihn im Jahr 1915 – nahm bei seiner Ausreise nach Palästina eine Zeitung aus Eschweiler mit. Die liegt jetzt im Jerusalemer Zentralarchiv.
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Beim Blick auf die derzeitige amerikanische Politik heute wieder aktuell: eine Karikatur im Eschweiler Anzeiger vom 25. November 1931 mit dem Text: „Es gibt keine Arbeitslosigkeit mehr! Alle Mann sind beim Bau der großen Zollmauern!“ Repro: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Im Zentralarchiv für die Geschichte des jüdischen Volkes in Jerusalem liegen viele bedeutende Dokumente und Urkunden. Und eine Tageszeitung aus Eschweiler. Wie sie dort hin kam, ist leicht erklärt. Aber warum – das weiß niemand.

Das wohl spannendste Buch über jüdisches Leben im Rheinland sind die Lebenserinnerungen „Vom Rheinland ins Heilige Land“ des Eschweilers Julius Kaufmann-Kadmon (1887–1955). Kaufmanns Sohn Naftali Kadmon hat die Texte und Fotos seines Vaters zusammengestellt, der Eschweiler Geschichtsverein hat das Werk 2004 herausgegeben.

Der Nachlass von Julius Kaufmann liegt seit 2001 im Zentralarchiv für die Geschichte des jüdischen Volkes in Jerusalem: Dokumente über die Geschichte der aus Weisweiler und Eschweiler stammenden Familie Kaufmann von 1650 bis in die Gegenwart, Briefe vieler Familienmitglieder, Geschäftsbücher des Unternehmens, aber auch persönliche Erinnerungen wie Theaterkarten, Todesanzeigen, Texte von Ansprachen. Und laut Archivkatalog eine einzelne Zeitung: der „Eschweiler Anzeiger“ vom 25. November 1931.

Was stand, so fragt man sich natürlich sofort, so Wichtiges in dieser Zeitung, dass Julius Kaufmann das Blatt aufgehoben, bei seiner Ausreise 1934 nach Palästina mitgenommen und es bis zu seinem Tod aufbewahrt hat?

Etwas ernüchternd

Den Eschweiler Anzeiger gibt es nicht mehr, er wurde in der NS-Zeit eingestellt und, anders als der bedeutendere „Bote an der Inde“, nach dem Krieg nicht wiederbelebt. Aber im Stadtarchiv von Eschweiler werden die alten Jahresbände des Eschweiler Anzeigers aufbewahrt, da kann man nachblättern, was denn an diesem 25. November des Jahres 1931 so Tolles in der Zeitung gestanden hat. Das Ergebnis allerdings ist ernüchternd. Nichts, kein Bericht, keine Meldung und keine Anzeige, hat einen eindeutigen Bezug zur Familie Kaufmann.

Berichtet wird in dem Blatt zum Beispiel über ein schlecht besuchtes Wohltätigkeitskonzert des „Vaterländischen Frauenvereins“ zugunsten armer Eschweiler Familien. In Baesweiler, so ist weiter zu lesen, haben sich Nationalsozialisten mit politischen Gegnern geprügelt, Stolberg erhielt einen Ferngas-Anschluss, und im preußischen Landtag legte der Abgeordnete Ladendorf wegen seiner Verstrickung in einen Banken-Zusammenbruch alle seine Ämter nieder.

Auch die Mitteilungen, dass die Zahl der Arbeitslosen auf 4,84 Millionen gestiegen sei, dass die Schriftstellerin Annette Kolb mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis gewürdigt wurde und dass man im Obstkeller keine stark riechenden Vorräte wie Sauerkohl, Zwiebeln und saure Gurken aufbewahren solle werden wohl kaum der Anlass gewesen sein, dieses Zeitungsexemplar mit in die neue Heimat zu nehmen. Auch heute noch oder besser gesagt heute wieder aktuell ist eine Karikatur, die sich gegen nationalistische Zollmauern wendet. Aber kann das ein Grund sein, eine Zeitung jahrzehntelang aufzuheben?

Von bestenfalls humoristischem Interesse ist die Seite „Die Frau unserer Zeit“. Schwer zu entscheiden, welches der beiden Themen lustiger ist: der Aufsatz „Tragödien der Schönheit – Schönheitsköniginnen enden im Elend und im Gefängnis“ oder „Grenzen des Frauensports“, in dem ein Dr. med. Otto Vierlinger versichert, dass ein zu hartes Training „das Gesicht der Frau zerstört“, ihnen die Grazie, den Anmut und noch so manches mehr nimmt: „Übertrainierte Frauen gebären schlecht“, weiß der Medicus. Und „ein 800-Meter-Lauf für Frauen ist Wahnsinn!“

Das Herdteufel-Polierpulver

Im Anzeigenteil geht es dann um das, was wirklich wichtig für Frauen ist: „Persil bleibt Persil“, „Lobalin-Beize für Ihre Fußböden“ und das gute Herdteufel-Polierpulver, „das Allerbeste für Ihren Herd“, erhältlich bei Schmitz, Neustraße 10. Ob vielleicht die Todesanzeigen wichtig waren für den auswanderungswilligen Juden Julius Kaufmann? Wohl eher nicht. Angezeigt wurden der Tod der „Frau Landjägermeister Matthias Zimmer“, Elisabeth, und des sehr katholischen Caspar Görres, 81 Jahre alt und Mitglied der Männerkongregation.

Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Warum auch immer der Eschweiler Geschäftsmann gerade diese Zeitungsausgabe mitgenommen hat in den künftigen Staat Israel – es bleibt ein Geheimnis. Vielleicht hatte er ja nur seinen wertvollen, nach Palästina mitgenommenen Seder-Teller – ein aus Zinn handgefertigtes Erbstück seines Urgroßvaters für das traditionelle Sedermahl am Vorabend des Pessach-Festes – darin eingewickelt.

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