Spitzenschülerin nach drei Jahren: Saghar ist „ein Phänomen“

Von: Sonja Essers
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Schulleiterin MIchaela Silbernagel (links) und Sigried Hendryk (rechts) sind stolz auf ihren Schützling Saghar Haghir. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Vor rund drei Jahren kam Saghar Haghir in die Indestadt. Deutsch konnte die damals Elfjährige, die ursprünglich aus dem Iran stammt, nicht. Das hat sich allerdings schnell geändert. Ihr Zeugnisdurchschnitt in diesem Jahr: 1,0!

Nun wechselt das Mädchen von der Realschule Patternhof auf das Städtische Gymnasium. Michaela Silbernagel, Schulleiterin der Realschule Patternhof, beschreibt Saghar und ihren Werdegang so: „Sie ist einfach ein Phänomen.“

Wie das Mädchen, das in seiner Freizeit gerne schwimmt und Gitarre spielt, so schnell Deutsch lernte? Der Grundstein für ihren Ehrgeiz und Disziplin wurde bereits in ihrer Heimat gelegt. In Mashad, der zweitgrößten Stadt im Iran besuchte sie die Schule. Zwischen sieben und 14 Uhr stand dort, genauso wie in Deutschland, Unterricht auf dem Programm. Nach der Schule folgten die Hausaufgaben, die erneut rund zwei Stunden in Anspruch nahmen und damit nicht genug. „Unsere Lehrerin hat uns gesagt, dass wir danach noch mindestens drei Stunden lernen sollen“, erklärt Saghar.

Der Grund: Nur 200 Kinder aus der Stadt sowie aus den umliegenden Orten schafften es auf die Städtische Schule. Der Wechsel und die Aufnahmeprüfung standen nach der fünften Klasse an. Nur wer genug lernte, konnte diese auch schaffen. Eine Mitschülerin habe sogar einmal sieben Stunden am Stück gelernt, meint Saghar. Für sie undenkbar.

Als Saghar und ihre Mutter in der Indestadt ankamen, sprach das Mädchen kaum Deutsch. So besuchte sie zunächst die Kogelhäuser-Hauptschule in Stolberg. Bereits nach wenigen Stunden im Deutschkurs konnte sie allerdings in die Regelklasse wechseln (siehe Box). Ein Jahr später ging ein Anruf bei Michaela Silbernagel ein. „Der Schulleiter der Kogelhäuser hat mich angerufen und erzählt, dass Saghar das Fach Deutsch im Sturm erobert. Sie sollte unbedingt die Schule wechseln.“

Vorlesen? Kein Problem!

Ein neuer Lebensabschnitt für Saghar begann. Noch vor den Sommerferien besuchte sie die Realschule Patternhof und lernte ihre Mitschüler und ihre zukünftige Klassenlehrerin Sigrid Hendryk kennen. „Ich bin sehr nett aufgenommen werden“, erinnert sich die 14-Jährige an ihren ersten Schultag. An diesen erinnert sich vor allem Sigrid Hendryk noch ganz genau. Zu Beginn sollte jeder Schüler eine Seite laut vorlesen – auch Saghar. Doch mit dem, was dann passierte, hatte das Mädchen so gar nicht gerechnet. „Als sie fertig war, haben ihre Mitschüler geklatscht“, sagt Hendryk und Saghar fügt hinzu: „Das war ein tolles Gefühl.“

Dieses Gefühl durfte die 14-Jährige erst vor wenigen Wochen noch einmal erleben. Als sie ihr Zeugnis erhielt, das das beste Zeugnis der Schule in diesem Schuljahr war, applaudierten ihre Mitschüler erneut. Bis zu diesem Erfolg war es jedoch ein langer Weg, den die Schülerin mit Hilfe ihrer Freunde, Familie und Lehrer gehen konnte.

So hatte sich Saghar eine ganz besondere Hilfe für den Deutschunterricht mit Sigrid Hendryk einfallen lassen. Immer wenn die Schülerin den Sinn eines Wortes nicht verstand, hielt sie ein Schild hoch. Die Erklärung dafür lieferte jedoch nicht nur ihre Lehrerin, sondern auch ihre Mitschüler halfen fleißig. Und welche Begriffe waren das? „Abstrakte Wörter wie Harmonie, Ironie oder Neid. Dinge, die man nicht zeigen kann, sondern die man mit Bedeutung füllen muss“, sagt Hendryk. Im zweiten Jahr an der Schule musste Saghar ihr Schild kaum noch verwenden.

Cousinen haben geholfen

Saghar bekam nicht nur Hilfe von Mitschülern, auch sie half. Das Mathe-Ass erklärte regelmäßig Aufgaben an der Tafel. „Wenn jemand wissen wollte, welche Hausaufgaben es gab, hat man sich an Saghar gehalten“, so Hendryk.

Und wie hat die 14-Jährige, die Deutsch, Englisch, Französisch und Persisch spricht, so gut Deutsch gelernt. „Ich habe viel mit meinen Cousinen geredet. Die leben in Eschweiler und können kein Persisch, da musste ich Deutsch sprechen.“ Eine davon besucht ebenfalls das Städtische Gymnasium. Besonders schwer fand das Mädchen allerdings die deutschen Adjektive. „Viele habe ich nicht verstanden“, sagt sie.

Das hat sich geändert. Aufgrund des enormen Lernfortschritts rieten Silbernagel und Hendryk dem Mädchen zum Wechsel auf das Gymnasium. „Die einzige Zwei, die auf ihrem Zeugnis stand, betraf die beiden Fehlstunden im vergangenen Schuljahr“, sagt Silbernagel. Über ihr tolles Zeugnis war Saghar am Tag der Zeugnisausgabe überrascht. Auch ihre Eltern freuten sich sehr. Ein Besuch bei Schulleiter Wilfried Grunewald stand bereits an. Nach den Sommerferien wird Saghar am Städtischen Gymnasium die neunte Klasse besuchen.

„Saghar ist ein Beispiel für gelungene Integration, nicht nur in der Schule, sondern auch in der Gesellschaft. Wir sind ganz stolz sie als Schülerin gehabt zu haben“, meint Silbernagel. Saghar möchte den Kontakt zu ihren Mitschülern und Lehrern halten. „Ich werde die Schule vermissen“, sagt sie. Das Ziel der 14-Jährigen: „Ich hoffe, dass meine Noten weiterhin so bleiben.“ Einen Berufswunsch hat sie bereits: Sie will Chirurgin werden. „Wir haben keine Zweifel, dass sie das schaffen wird“, meinen Silbernagel und Hendryk, schließlich sei der Grundstein gelegt.

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