Spagat zwischen Haushalt, Betrieb und Landfrauen

Von: Sonja Essers
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Kochen, Backen und den Haushalt schmeißen: Wer einen landwirtschaftlichen Betrieb führen möchte, der muss auch eine entsprechende Ausbildung haben. Gisela Hilgers-Huppertz ist staatlich geprüfte Wirtschafterin und betreibt gemeinsam mit ihrem Mann einen Milchbetrieb samt Ackerbau in Röhe. Sie räumt mit den Vorurteilen auf, die ihrer Berufssparte oft entgegen gebracht werden. Foto: Sonja Essers (2)/privat

Eschweiler. Gisela Hilgers-Huppertz ist Bäuerin durch und durch. Sie sagt: „Ich bin der Landwirtschaft verfallen.“ Im Interview räumt sie mit Vorurteilen über ihre Berufsgruppe auf und erklärt, warum Hauswirtschaftsunterricht wieder an Schulen eingeführt werden sollte.

Frau Hilgers-Huppertz, Sie und Ihr Mann bewirtschaften einen Milchbetrieb und Ackerbau. Hand aufs Herz: Trinken Sie gerne Milch?

Hilgers-Huppertz: Wir trinken sehr gerne Milch und bauen das in unsere tägliche Ernährung ein.

Wie kann man sich Ihren Arbeitsalltag auf dem Hof vorstellen?

Hilgers-Huppertz: Mein Mann und ich haben zwei Betriebsstätten. Unser Arbeitstag beginnt um fünf Uhr. Auch am Wochenende und an Feiertagen.

Sie können die Ostertage also nicht genießen?

Hilgers-Huppertz: Nicht wirklich. Die Tiere wollen ja versorgt sein. Hier auf dem Hof sind die Jungtiere und die trächtigen Kühe untergebracht. Wenn eine Kuh tragend ist, ist sie mindestens acht Wochen vor der Geburt in Mutterschutz und wird nicht gemolken. Das Milchvieh ist in dem anderen Betrieb untergebracht.

Ist die Geburt eines Kalbes für Sie etwas Besonderes?

Hilgers-Huppertz: Wir haben 140 Geburten im Jahr. Ich komme ursprünglich aus der Landwirtschaft, deshalb war eine Geburt für mich nichts Neues. Ich bin der Landwirtschaft sozusagen verfallen.

Welche Ausbildung haben Sie abgeschlossen?

Hilgers-Huppertz: Ich bin staatlich geprüfte Wirtschafterin. Das bedeutet, dass ich in der Hauswirtschaft ausgebildet wurde. Dazu gehörten Kochen, Backen, Einmachen, Haushaltsführung, Ernährungslehre und Vorratshaltung. Ich habe auch selbst ausgebildet. Nach der Hochzeit habe ich das nicht mehr gemacht.

Sie arbeiten auch als Milchbotschafterin der Landesvereinigung der Milchwirtschaft.

Hilgers-Huppertz: Richtig. Damals wurden Frauen gesucht, die sich für pädagogischen Unterricht interessierten. Ich habe mich gemeldet und mache das seit zwölf Jahren.

Gar nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen, oder?

Hilgers-Huppertz: Es ist ein Spagat zwischen Familie, Haushalt, Betrieb, Schulmilch und Landfrauen.

Dort sind Sie als Vorsitzende tätig.

Hilgers-Huppertz: Genau. Ich wurde vor zwölf Jahren zur Vorsitzenden gewählt und bin seit acht Jahren im Kreisvorstand tätig. Außerdem arbeite ich im Arbeitskreis Bildung mit. Das liegt mir sehr am Herzen.

Sie bringen den Schülern das Schulmilch- und das Schulobstprojekt näher. Wie sieht diese Arbeit aus?

Hilgers-Huppertz: Ich bin für die Kreise Aachen und Düren tätig. Es ist wichtig, dass das Bewusstsein der Kinder und Eltern dafür geschärft wird, wie wichtig gesunde Ernährung ist. Ich selbst versuche täglich frisch und saisonal zu kochen. Bei der Ernte koche ich sogar für bis zu 15 Leute. In der heutigen Zeit läuft sowieso alles viel schneller, da geht der Ursprung von vielen Dingen einfach verloren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Hilgers-Huppertz: Es fängt damit an, dass Kinder keine Butterbrotdosen mehr mit in die Schule nehmen, sondern ihr Frühstück in Plastiktüten verstauen. Das sind diese Kleinigkeiten, mit denen das losgeht. Dabei ist es nicht schwer, auf gesunde Ernährung zu achten. Selbst Kinder in der dritten oder vierten Klasse können viel machen.

Vor kurzem waren Sie an der Grundschule in Kinzweiler zu Gast. Was haben Sie den Kindern beigebracht?

Hilgers-Huppertz: Ich habe erklärt, was zu einem gesunden Frühstück dazugehört und wir haben Butter hergestellt. Das hat den Kindern sehr gut gefallen. Dieser Teil gehört zum Schulobstprogramm. Da können die Schulen selbst entscheiden, ob sie eine pädagogische Begleitung haben möchten und diese Aufgabe übernehme ich dann.

Was beinhaltet das Programm noch?

Hilgers-Huppertz: Die Schule erhält drei Mal in der Woche kostenlos frisches Obst und Gemüse. In manchen Schulen erklären sich die Eltern bereit, die Lebensmittel vorzubereiten, so dass die in den Pausen gegessen werden können. Manchmal kümmert sich die Schule auch selbst darum.

Sie sind auch an weiterführenden Schulen unterwegs. Ist Ihre Arbeit dort anders?

Hilgers-Huppertz: Kinder in der siebten Klasse finden Milch meistens nicht so cool. Dass die Packung auf dem Tisch steht, ist selbstverständlich geworden. Viele interessieren sich nicht dafür, wo Milch herkommt.

Darum geht es im Schulmilchprogramm, oder?

Hilgers-Huppertz: Genau. Ich spreche mit den Kindern über den Weg der Milch. Der fängt mit der Geburt des Kalbes an. Dann fragen die Kinder auch oft nach der Trächtigkeit und nach der Geburt. Meistens finden sie diese sehr interessant. Ich nehme auch Futterproben mit in den Unterricht, damit die Kinder sehen, was und welche Mengen Kühe fressen. Das wissen viele gar nicht. Es gibt mittlerweile auch Kinder, die Vegetarier oder Veganer sind. Die können das, was wir im Unterricht selbst herstellen, nicht probieren. Das ist aber auch bei den Kindern, die sich an den Ramadan halten, so. Da kann einem das Herz weh tun, wenn sie die Sachen nicht probieren dürfen.

Wie gerne trinken Kinder heute noch Milch?

Hilgers-Huppertz: Viele greifen lieber zu Kakao und das ist den Eltern oft nicht recht, weil sie meinen, dass da zu viel Zucker drin ist. Wenn ein Kind aber Süßigkeiten zu sich nimmt, dann ist dort auch Zucker drin, sogar noch viel mehr als in Kakao. Außerdem ist es wichtig, dass Kinder Milch zu sich nehmen, damit ihr Körper Kalzium aufnimmt. Das kann der Körper nämlich nur bis circa zum 30. Lebensjahr und das wissen viele auch nicht.

Was müsste man den Schülern noch beibringen?

Hilgers-Huppertz: Ich bin dafür, dass man das Fach Hauswirtschaft wieder an allen Schulen einführt. Schließlich lernt man da ganz grundliegende Dinge zum Thema Kochen, Gesundheit und auch Geld sparen und das kann nicht verkehrt sein.

Sind Ihre Kinder genauso von der Arbeit auf dem Hof begeistert wie Sie?

Hilgers-Huppertz: Unsere Kinder helfen immer fleißig mit. Unser zweitältester Sohn möchte nach dem Abitur wahrscheinlich Landwirtschaft studieren.

Also ist die Nachfolge gesichert?

Hilgers-Huppertz: Das werden wir sehen.

Wie schwer ist es, Nachwuchs in der Landwirtschaft zu finden?

Hilgers-Huppertz: Die Familienbetriebe sterben leider aus, dafür gibt es größere landwirtschaftliche Unternehmen. Auch Landfrauen gibt es nicht mehr viele. Aber wir laufen nicht immer nur mit Kopftuch, Schürze und Gummistiefeln herum.

Ist dieses Bild in vielen Köpfen verankert?

Hilgers-Huppertz: Es gibt Fernsehformate, die nicht dazu beitragen, dass es sich ändert. Um einen Hof zu erhalten, muss man gut wirtschaften können. Um ein solches Unternehmen zu führen, braucht man eine entsprechende landwirtschaftliche Ausbildung. Ein Landwirt muss sich mit der Natur auskennen, Maschinen reparieren können, ein Auge auf die Tiergesundheit werfen und stundenlang am Schreibtisch Formalitäten erledigen. Der bürokratische Aufwand ist sehr groß. Manchmal wünschen wir uns von der Bevölkerung in der Erntezeit mehr Verständnis, weil wir abhängig von der Witterungslage sind. Die Bürger können uns jederzeit ansprechen, diese Gespräche können auch zur Aufklärung beitragen. Wir würden am Wochenende oder an Feiertagen auch gerne im Garten sitzen und die Sonne genießen, anstatt auf den Feldern zu arbeiten.

Mit welchen Problemen hat die Milchwirtschaft zu kämpfen?

Hilgers-Huppertz: Ich fände es besser, wenn Landwirte fairere Preise für ihre Produkte bekommen würden und die Wertigkeit der Produkte beim Verbraucher steigt. Oft werden alle Betriebe über einen Kamm geschert. Das sieht man in Bezug auf die Massentierhaltung. Wenn ein Landwirt sich nicht gut um seine Tiere kümmert und diese sich nicht wohl fühlen, können sie auch keine Leistung bringen.

Kommen wir zurück zu den Landfrauen. Haben Sie viele Mitglieder, die andere Berufe ausüben?

Hilgers-Huppertz: Ja. Wir haben viele ältere Mitglieder, die Bäuerinnen sind. Aber die jungen Frauen üben heute meistens einen anderen Beruf aus. Aus diesem Grund sind mittlerweile auch viele Frauen vom Land bei uns Mitglieder. Wir setzen uns für Projekte ein, machen aber auch Ausflüge. Weiterbildungen sind ein wichtiges Thema, bringen uns in Schulen ein und versuchen in der Politik mitzureden. Auch Alltags- und Lebensökonomie spielen eine wichtige Rolle: sozusagen ein Rundum-Sorglos-Paket.

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