Späte Gerechtigkeit? Früherer SS-Mann aus Eschweiler vor Gericht

Von: Elke Silberer, dpa
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Nazijäger Maaß neu
Staatsanwalt Ulrich Maaß jagt auch heute noch Kriegsverbrecher. Foto: ddp

Aachen. Er zählt zu den zehn meistgesuchten Nazi- Kriegsverbrechern des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem und lebte trotzdem über Jahrzehnte ein normales Leben. Alle Versuche der Justiz, den SS-Mörder zu bestrafen, scheiterten.

Doch jetzt, im Alter von 88 Jahren, holt Heinrich Boere in einem Altenheim in Eschweiler bei Aachen die Vergangenheit ein.

Von diesem Mittwoch an (28. Oktober) steht er in einem der letzten Kriegsverbrecherprozesse vor dem Aachener Landgericht. Er ist wegen dreifachen Mordes angeklagt.

Als Mitglied eines Killerkommandos der SS soll der damals 23-Jährige drei Niederländer erschossen haben.

Mehrfach war ihm die Justiz auf den Fersen. Immer hatte er ein Schlupfloch gefunden, um der drohenden Haftstrafe zu entgehen. Diese Strategie ging zuletzt nicht auf, auch wenn es zunächst anders aussah.

Das Landgericht Aachen hatte Anfang des Jahres die Eröffnung des Prozesses gegen Boere wegen dessen angeschlagener Gesundheit zunächst abgelehnt.

Das Oberlandesgericht Köln kam zu einem anderen Schluss. Trotz der schweren Herzerkrankung könne der Prozess stattfinden. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte diese Einschätzung.

Wegen des hohen Alters war es wohl die letzte Chance für einen Versuch von Gerechtigkeit.

Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß hatte die Mord-Fälle neu aufgerollt, nachdem die seit 1949 schon Gerichte und Regierungen beschäftigt hatten.

Da kaum noch Zeugen leben, griff der Leiter der nordrhein- westfälischen Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für NS-Verbrechen auf alte Vernehmungsprotokolle zurück.

Demnach hatte das SS-Sonderkommando „Feldmejer” den jungen Boere rekrutiert. Die Mutter war Deutsche, der Vater Niederländer.

Nach Anschlägen auf deutsche Besatzungs-Einrichtungen sollte das Sonderkommando niederländische Untergrundkämpfer töten. Das erste Opfer war laut Anklage am 14. Juli 1944 der Apotheker Fritz Bicknese aus Breda, den der Angeklagte mit einem Komplizen erschoss.

Monate später dann die Order, den Fahrradhändler Teunis de Groot und Frans-Willem Kusters in Voorschoten und Wassenaar zu töten.

Etwa ein Jahr danach wurde der heute 88-Jährige festgenommen. Doch er konnte fliehen und tauchte zunächst in den Niederlanden unter. Ein Sondergerichtshof in Amsterdam verurteilte ihn 1949 in Abwesenheit zum Tode.

Die Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt. Ende 1954 kehrte der verurteilte Dreifachmörder in seine Geburtsstadt Eschweiler zurück und arbeitete dort als Bergmann.

Einen Antrag der Niederländer auf Auslieferung lehnte Deutschland 1980 ab, weil die Nationalität nicht eindeutig geklärt war und Deutsche damals nicht ausgeliefert wurden.

Gegen die spätere Entscheidung des Landgerichts Aachen, dass der Mann die Strafe in Deutschland verbüßen solle, legte der Angeklagte erfolgreich Beschwerde ein. Gut 60 Jahre nach Kriegsende wird der Fall in den Niederlanden noch immer aufmerksam beobachtet.

Zu dem Prozess haben sich rund 40 Medienvertreter angemeldet, über die Hälfte davon kommen aus den Niederlanden, sagte Gerichtssprecher Georg Winkel: „Ich glaube, dass der Fall Boere dort präsenter ist als hier.”

Vor Beginn eines Prozesstages werde der Angeklagte von einem Arzt untersucht. Viele Akten aus vergangenen Verfahren werden verlesen. Möglicherweise soll aber auch ein Zeuge aussagen. Das werde im Laufe des Verfahrens entschieden.
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