Soziales Jahr: Dieser Bauernhof hat‘s ganz schön in sich

Von: Rudolf Müller
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Aus Kräutern lassen sich viele hilfreiche Dinge fertigen. In Camphill Village werden daraus unter anderem Kosmetika hergestellt. Foto: Camphill Village West Coast
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Beginnt in Kürze ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Behindertendorf in Südafrika: Katharina Sommer. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Ende des Monats muss sie ihre mündliche Abiturprüfung ablegen. In Religion. Einen Monat später hat sie ihr Zeugnis in der Hand. Und vorläufig genug von aller Theorie: Katharina Sommer ist einer jener jungen Menschen, die sich den Wind fremder Kulturen um die Nase wehen lassen und sich dabei für Bedürftige engagieren, ehe sie an der Uni erneut die Hörsaalbank drücken.

Am 4. August beginnt ihr Freiwilliges Soziales Jahr: 9393 Kilometer und 11,5 Flugstunden südlich von Frankfurt: in Klein Dassenberg bei Kapstadt.

Vor wenigen Jahren waren ihre Schulkameraden Felix Möller und Jonas Schleypen dort im Einsatz, betreuten Kinder in zwei Einrichtungen in den Townships der Metropole. Deren Begeisterung hat sie angesteckt. Katharina war damals ein Schuljahr lang als Austauschschülerin bei einer Familie in Peoria im US-Bundesstaat Illinois. „Meine dortigen Eltern waren überaus sozial engagiert, arbeiteten zum Beispiel in einer Suppenküche mit und boten in 21 Jahren 27 Gastschülern kostenlos ein Zuhause.“ Und infizierten Katharina derart mit ihrem Einsatz für andere, dass die sich eines Tages kurzerhand die Haare abschneiden ließ und sie einem Perückenprojekt für krebskranke Kinder stiftete.

Auch durch ihre eigene Familie ist Katharina vorbelastet: Katharinas Vater – Augenarzt Dr. Hans-Jürgen Sommer – war ehrenamtlich an medizinischen Hilfseinsätzen in Tansania beteiligt, Mutter Doris betreut ausländische Jugendliche in deutschen Youth-for-under-standing-Programmen.

Klein-Dassenberg war Katharinas Wunschziel, als sie sich bei „Weltwärts“ für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bewarb. „Weltwärts“ ist ein im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung tätiger Freiwilligendienst, der unter anderem mit den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ (Waldorfschulen) zusammenarbeitet. Der Verein kooperiert mit dem „Camphill Village West Coast“, 60 Kilometer nördlich von Kapstadt – am sprichwörtlichen Ende der Welt. „Das ist eine dorfähnliche Gemeinschaft von bis zu 90 geistig behinderten Erwachsenen, die mit Betreuern in 13 Häusern zusammenleben und -arbeiten“, berichtet Katharina.

Camphill Village, das vor wenigen Wochen eine der ersten Solaranlagen Südafrikas installiert hat, ist ein biodynamischer Bauernhof mit einem breiten Angebot: mit Milchkühen („Gottseidank! Es gibt da Melkmaschinen!“, strahlt Katharina beim Betrachten von Fotos im Internet), mit Schweinen, Gänsen, Pferden, mit Kräuter-, Obst- und Gemüsegärten. Hier gibt es eine Bäckerei, hier wird Reit- und Musiktherapie geboten, hier werden Seife, Kosmetika, Massage-Öle, Käse und Marmeladen produziert. Regelmäßig finden hier Markttage statt, an denen die Produkte des Dorfs feilgeboten werden.

Hier wird Katharina Sommer künftig 14-Stunden-Schichten absolvieren. Der Job ist hart, das ist ihr von vornherein gesagt worden, und den einzigen freien Tag pro Woche, den Sonntag, wird sie zur Erholung bitter nötig haben. Dann könnte sie zum Beispiel mit anderen FSJ‘lern, die dort im Einsatz sind, an die nahe Küste oder nach Kapstadt fahren, das nicht nur mit Tafelberg und Waterfront einiges zu bieten hat. In der Weltstadt am Kap auf große Einkaufstour zu gehen, das kann sie sich allerdings abschminken: Der Einsatz im Village ist unbezahlt, wird nur mit freier Kost und Logis vergütet.

„Dazu gibt es allerdings ein Taschengeld von mindestens 100 Euro im Monat“, erläutert die 18-Jährige. Gezahlt wird dies vom Entsendeverein „Freunde Steiners“. Der zahlt gemeinsam mit dem deutschen Staat auch ihren Flug. Erwartet dafür aber auf der anderen Seite, dass Katharina durch eine eigene Gruppe von Förderern Geld aufbringt. Geld, das nicht den „Freunden Steiners“, sondern unmittelbar dem Behindertendorf zugute kommt. Bis Ende Juni soll die Spenden-Zielsumme von 2.900 Euro erreicht sein. Ein Großteil ist bereits eingegangen. Dazu trugen Freunde und Bekannte ebenso bei wie Lions und Rotarier.

„Das Dorf erhält keine Unterstützung durch den Staat und ist auf private Förderer angewiesen. Mein Freiwilligendienst kostet sehr viel Geld und wird teilweise von meiner Trägerorganisation und vom deutschen Staat bezahlt. Ein Teil soll von meinem persönlichen Förderkreis mit der Botschaft: ,Ich finde gut, was du machst!‘ übernommen werden. Ich will helfen und jeder Euro zählt. Es wäre toll und wichtig wenn ihr mich bei diesem Vorhaben unterstützt“, schreibt Katharina auf der Internetseite des Vereins.

Was Katharina Sommer in Südafrika erlebt, das will sie ihren Freunden und Förderern regelmäßig in einem Internet-Blog mitteilen.

Ehe sie Anfang August ins Flugzeug steigt, steht noch ein zehntägiges Einführungsseminar in Deutschland auf dem Programm. Ein erstes Erkundungstreffen in Karlsruhe hat sie schon hinter sich. Ab dem 4. August wird‘s ernst. Dann muss sie sechs Monate durcharbeiten, ehe sie Anfang Februar zwei Wochen Ferien bekommt. Drei weitere Wochen gibt‘s im Juli/August 2015. Zeit für eine Rundreise mit bis dahin hoffentlich neu gewonnenen Freunden. Und danach? Dann möchte die junge Frau Medizin studieren. Auf jeden Fall aber soll ihr Beruf „irgendwas mit Menschen“ zu tun haben.

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