Eschweiler - Sozialarbeit an Grundschule: Ein offenes Ohr für Alltagssorgen haben

Sozialarbeit an Grundschule: Ein offenes Ohr für Alltagssorgen haben

Von: Patrick Nowicki
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Die Sozialarbeiterin Dorothea Kohlen im Kreise der „Pausenengel“ an der Bohler Grundschule. Diese Kinder vermitteln bei Streitsituationen zwischen den Schülern und machen Vorschläge, die Pause mit Spielen zu nutzen. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Das Zimmer von Dorothea Kohlen in der Grundschule Bohl kennt jedes Kind. Dort teilt sich die 44-jährige Diplom-Sozialpädagogin ein Büro mit dem Koordinator der Offenen Ganztagsschule. Ihre Aufgabe ist jedoch eine andere: Sie muss ein offenes Ohr für die Alltagssorgen und -nöte der Grundschüler haben, vermitteln, beraten und auch beherzt handeln.

Dorothea Kohlen arbeitet als Sozialarbeiterin an einem der elf Grundschulstandorte in Eschweiler. Finanziert wird dieses Angebot auch von der Stadt Eschweiler: mit 190.000 Euro pro Jahr. Im Fall der Grundschulen arbeitet die Stadt Eschweiler mit dem Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VabW) zusammen. Dorothea Kohlen arbeitet sowohl als Koordinatorin als auch als Sozialarbeiterin selbst.

Dies bedeutet, dass sie den Donnerstag im Rathaus verbringt und dort die Grundlagen für erfolgreiche Arbeit mit Kindern in Eschweiler legt: „Die Vernetzung ist wichtig.“ Dies gilt nicht nur für die Sozialarbeiter untereinander, sondern auch für die anderen Beratungsstellen in der Stadt und in der Städteregion.

Grundschüler können durchaus in schwierigen Lebenssituationen stecken – nach der Trennung der Eltern oder einem plötzlichen Trauerfall in der Familie zum Beispiel. Doch dies sind die Ausnahmen im Alltag. Meistens sind es profane, aus Erwachsenensicht kleine Dinge, die den Grundschülern auf dem Herzen liegen. Dazu zählen der Streit mit einer Freundin, aber auch erste Verliebtheit.

„Es ist mir wichtig, die Kinder so zu stärken, dass sie in ihrem Entwicklungsprozess weiterkommen“, sagt Kohlen. Dazu kann auch gehören, mit den Kleinen Strategien zu entwickeln, die eigenen Emotionen zu regulieren. Ob sie sich als Krisenmanager versteht?

„Nein, ich sehe mich als Wegbegleiterin“, meint sie. Dabei setzt sie auf Prävention, dies bedeutet, dass man den Kindern Handlungsmuster an die Hand gibt, das Leben zu gestalten. Vor ihrer Tätigkeit als Sozialarbeiterin in der Grundschule war sie für einen Bildungsträger tätig, für den sie benachteiligte Jugendliche betreute. „Natürlich geht es in der Grundschule noch nicht um schwere Themen, aber für viele dieser Jugendlichen wäre es gut gewesen, wenn sie frühzeitig Kontakt zur Schulsozialarbeit bekommen hätten“, sagt Dorothea Kohlen rückblickend.

Empathie, also Einfühlungsvermögen, nennt sie als Voraussetzung für eine Sozialarbeiterin. Wertschätzung den Schülern gegenüber sei wichtig. „Natürlich mache ich gleich zu Beginn eines Gesprächs deutlich, dass alles vertraulich behandelt wird und ich die Schweigepflicht strikt einhalte“, berichtet Kohlen. Ausnahme sei, wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliege oder der Verdacht einer Straftat bestehe.

„Aber auch darauf weise ich hin“, sagt sie. Sie habe schon immer einen guten Draht zu Kindern gehabt und sich nach dem Abitur in Aachen bewusst für ein Studium an der Fachhochschule Mönchengladbach entschieden. Der dortige Modellstudiengang umfasste auch einen Praxisteil. „Dies war mir wichtig, weil ich im Gegensatz zu anderen Absolventen zuvor keine Ausbildung in einem pädagogischen Beruf absolviert hatte“, sagt sie.

Schulsozialarbeiter sind nicht nur beteiligt, wenn Probleme zu lösen sind, sondern initiieren auch verschiedene Projekte. An der Grundschule Bohl wird das Konzept der „Pausenengel“ umgesetzt. Dies bedeutet, dass Kinder sich freiwillig schulen lassen, in der Pause kleinere Streitigkeiten zu schlichten. Zudem geben sie Anregungen, die Pause mit Spielen zu gestalten. In der „Cool-Down-Gruppe“ lernen Kinder Entspannungstechniken kennen, um die Gefühle zu regulieren. Selbst Erste Hilfe ist ein Thema bei den Kindern. Immer ist auch Sozialarbeiterin Dorothea Kohlen beteiligt.

Wirtschaftliche Probleme der Eltern schlagen sich auch im Schulalltag der Kinder nieder. Um sämtliche Möglichkeiten von Bildung und Teilhabe auszuschöpfen, greift ein Netzwerk von Organisationen. Dorothea Kohlen engagiert sich aus diesem Grund auch bei „Flügelschlag – starke Kinder an der Inde“. „Es ist wichtig, dass Kinder nicht ausgegrenzt werden und Zugang zu allen Angeboten der Schule, also auch zu Ausflügen, haben“, sagt sie. Die Eltern werden dabei stets eingebunden, denn Sozialarbeit bedeutet an Schulen immer auch Elternarbeit.

Dass Kinder zunehmend mit Problemen zu kämpfen haben, wird auch in Bohl deutlich. Manche Fälle hinterlassen auch bei der Sozialarbeiterin Spuren: „Dafür bieten wir Supervisionen an.“ Ihr gelinge es gut, das Geschilderte nicht zu nah an sich heranzulassen, sagt sie. „Mitgefühl gehört dazu, aber wenn ich mich von Emotionen leiten lasse, dann bin ich den Kindern keine Hilfe mehr“, meint sie, „denn viele befinden sich in prekären Situationen.“ Fälle, die ihr nahe gehen, sind zum Glück die Seltenheit.

Alle Parteien im Eschweiler Stadtrat sind sich einig: Die Schulsozialarbeiter leisten einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung eines Kindes. Allerdings fällt die finanzielle Beteiligung der Stadt in die Rubrik „freiwillige Leistungen“. Diese Tatsache ist politisch umstritten, sehen viele doch die öffentliche Hand in der Pflicht, die Finanzierung zu übernehmen. Die Verwaltung teilt mit, dass sich die Schulsozialarbeit in den Grundschulen etabliert habe und als „unverzichtbare Säule“ in der pädagogischen Arbeit nich mehr wegzudenken sei.

Zumindest im kommenden Jahr steht das Geld bereit, wenngleich die Landesförderung lediglich um ein Jahr verlängert worden ist. Personell kommt allerdings Bewegung in das Angebot: Sowohl an der Barbaraschule als auch an der Kinz­weiler Grundschule werden zum neuen Schuljahr neue Sozialarbeiter mit ihrer Tätigkeit beginnen.

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