Sittich-Treff in Dürwiß als Wohnzimmer

Von: Sonja Essers
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Bolzplatz
Die Hütte am Bolzplatz in Bergrath.

Eschweiler. Die Wellensittiche zwitschern, während die Nymphensittiche auf ihren Stangen turnen. Seit 2011 sind Michaela und Reinhard Grüttgen aus Gressenich Pächter der Volieren am Drimbornshof in Dürwiß. Versteckt zwischen den Bäumen stehen dort drei Betonklötze, an denen einige Jugendliche gerne ihre Freizeit verbringen.

Reinhard Grüttgen stört das nicht. Ganz im Gegenteil. Der freundliche Rentner möchte die jungen Erwachsenen nicht missen. „Wir kommen fantastisch miteinander aus. Wenn die Jungs sich freitags treffen, dann ist der Treffpunkt am Samstagmorgen wie geleckt“, sagt er. Damit sich die Teenager wohlfühlen, hat der 65-Jährige einen Parkplatz für ihre Mofas gebaut und Außenscheinwerfer angebracht. Sogar einen Klinken- sowie USB-Anschluss zum Musik hören und Handy aufladen gibt es. Die Jugendlichen wiederum halten ein Auge auf seine geliebte Vogelzucht. „Überall werden die Jugendlichen verjagt und dann wundert man sich, dass sie kriminell werden“, so Grüttgen. Er hat sogar ein Schild aufgehängt, auf dem steht: „Jugendecke & Chillplatz am Sittich-Treff Dürwiß“. Jugendtreffpunkte gibt es überall in der Inde-stadt. Bolzplätze mit Hütten, Spielplätze und Schulhöfe sind beliebte Orte. Christian Meuskens kennt sie alle. Täglich fährt der Sozialarbeiter die Treffpunkte mit seinem Mobilen Jugendtreff an. Längst gehen viele Jugendliche nicht mehr nur in feste Einrichtungen wie das „Check In“, sondern treffen sich irgendwo draußen. Um diese Gruppen zu erreichen, legt Meuskens täglich bis zu 70 Kilometer zurück. Wir haben ihn begleitet.

Aus der Nachbarstadt

So harmonisch wie am Drimbornshof funktioniert es längst nicht überall. Für Recht und Ordnung sorgen Meuskens und seine Kollegin Nicole Hillemacher dennoch nicht. Das ist Aufgabe des Ordnungsamtes. Die Mobile Jugendarbeit wird aber gerne mit diesem verwechselt, vor allem von Jugendlichen, die nicht aus der Indestadt kommen. So wie Tim und Giuliano. Die 15- und 16-Jährigen wohnen in Stolberg, besuchen jedoch regelmäßig die Jugendtreffpunkte in der Nachbarstadt, wie den Bolzplatz in Hastenrath. Als Meuskens auf sie zugeht, schauen sie skeptisch. „Wir dachten, es wäre jemand vom Ordnungsamt oder von der Polizei, der uns wegschicken will“, sagen sie. Warum sie die Nachbarstadt aufsuchen, hat verschiedene Gründe. „In Stolberg werden viele Treffpunkte von Jugendlichen zerstört, da gibt es kaum Möglichkeiten, in Ruhe irgendwo zu sitzen und sich zu unterhalten.“ Alkohol und Drogen sind ebenfalls mitunter ein Problem. Meuskens kennt das auch aus der Indestadt: „Drogenprobleme gibt es im ganzen Stadtgebiet, sogar die Jugendlichen beschweren sich darüber, dass man hier alles sehr schnell bekommt.“

Positiver Trend

Mit ihren Mofas sind die Jugendlichen nach Hastenrath gekommen, da es dort „immer ziemlich ruhig ist“. Die Mobilität nimmt ganz klar zu. Doch das kann auch zum Problem werden. Mit dem Parken im Grünbereich, das streng verboten ist, nehmen es die Jugendlichen nicht immer ganz so genau. „Das ist gefährlich, schließlich kann sich das Gras gerade bei so einem trockenen Wetter schnell entzünden“, meint Ordnungsamtsleiter Edmund Müller, der in den vergangenen Jahren einen positiven Trend festgestellt hat.

Das war nicht immer so. Zwischen 2008 und 2010 gab es massive Probleme wegen Ruhestörung und Müll. „Wir haben mit den Jugendlichen gesprochen, schließlich wollten wir sie nicht vertreiben. Es hat zwei, drei Jahre gedauert, bis es besser geworden ist. Mittlerweile gibt es keine auffälligen Beschwerden mehr.“

Meist sind die jungen Erwachsenen froh, dass sie bei den warmen Temperaturen ungestört draußen sein können. So wie Tim und Giuliano. Schnell kommt Meuskens mit ihnen ins Gespräch. Sommerferien, Schule oder Arbeit sind beliebte Einstiegsthemen. „Das ist ein freiwilliges Angebot für die Jugendlichen. Wenn sie sagen, dass sie da keinen Bock drauf haben, ist das halt so“, erklärt Meuskens. Bevor die Jugendlichen das Weite suchen, zieht Meuskens sich lieber zurück. „Wenn ich zu den Jugendtreffpunkten komme, betrete ich sozusagen deren Wohnzimmer und muss erstmal fragen, ob sie mich reinlassen oder nicht.“

Mit seiner Präsenz zeigt er, dass er jederzeit ein offenes Ohr hat, falls es Probleme gibt. Meist sind diese jedoch nicht privat, sondern eher allgemein. Die Teenager sprechen mit ihm über die Jugendtreffpunkte oder bevorstehende Veranstaltungen im Jugendtreff „Check In“. Dort halten sich an einem Freitagabend bis zu 60 Leute auf, Tendenz übrigens steigend.

An welchen Treffpunkten man die jungen Erwachsenen im Stadtgebiet antrifft, lässt sich schwer sagen. Damit die Jugendlichen sich nicht langweilen, ist der Mobile Jugendtreff bestens ausgestattet. Seit Ende Mai ist das neue Fahrzeug in Betrieb. In diesem kann man Musik hören oder sich einfach nur unterhalten. Auch einen Kicker, Badminton- und Tischtennisschläger sowie Fuß-, Basket-, und Volleybälle gibt es.

Probleme mit Anwohnern gibt es immer wieder mal. Auch, weil aneinander vorbei geredet wird. Dann springt Meuskens als Vermittler ein: „Wir sagen den Jugendlichen, dass sie so reden müssen, dass man sie auch verstehen kann.“ Auch er selbst musste sich an die Jugendsprache gewöhnen. Sobald dann auch noch ein Dialekt hinzukomme, sei es ganz vorbei, erklärt er lachend.

Doch nach Lachen ist dem Sozialarbeiter nicht immer zumute. Während seines Urlaubs 2012 hatten sich ein 18-Jähriger und eine 16-Jährige in der Hütte am Ringofen eingenistet. Als Meuskens davon erfuhr, war er geschockt.

Dass alle Jugendlichen bloß faul sind, kann Meuskens derweil getrost verneinen. Voriges Jahr hat er mit Jugendlichen die Hütte hinter dem Bergrather Willi-Bertram-Stadion angestrichen. Auch die Hütte auf dem Fußballplatz an der Gutenbergstraße würde der Sozialarbeiter gerne mit Jugendlichen wieder herrichten. Doch momentan findet er keine Freiwilligen. Vorurteile gegenüber dem Viertel, das in der Indestadt nicht den besten Ruf hat, gibt es bei Meuskens nicht. Das Wort „Brennpunkt“ nimmt er nicht gerne in den Mund. „Es gibt Ecken, die haben größeren Bedarf, aber das muss ich ausschalten.“

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