Sicherheit und Lebensfreude im Eschweiler Hallenbad

Von: Rudolf Müller
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Den jungen Nachwuchsschwimmern macht das Training mit Jürgen Wallraff (im Wasser, 3. von links) Spaß. Mit dabei bei der Pemiere: Wasserfreunde-Delphin-Vorsitzender Dr. Christoph Herzog, Lions-Club-Präsident Hans-Gerd Vogelsberg sowie die Lions-Mitglieder Christiane Karl und Rica Reinisch, dreifache Schwimm-Olympiasiegerin (von links). Foto: Rudolf Müller
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Keine Angst vorm nassen Element: Sogar an Kopfsprünge wagten sich die Schwimm-Neulinge (links Trainer Jürgen Wallraff) heran.

Eschweiler. In Afghanistan ist Schwimmen nicht gerade Volkssport. Auch nicht in Syrien, Guinea und Eritrea. Für junge Menschen aus diesen Ländern, die ihre Zukunft in Deutschland suchen, kann das zum Problem werden.

Zu einem, das sich mit vereinten Kräften lösen lässt: „Jürgen kriegt die so weit, dass sie im Sommer in den Blausteinsee oder ins Freibad können, ohne Gefahr zu laufen, zu ertrinken“, sagt Dr. Christoph Herzog. Herzog ist Vorsitzender der Wasserfreunde „Delphin“.

Und mit Jürgen ist Jürgen Wallraff gemeint. Der ist Diplom-Sportlehrer und seit 17 Jahren Leiter der Freizeitaktivitäten im Haus St. Josef. Einer Einrichtung, die derzeit rund 40 unbegleitete junge Flüchtlinge betreut.

Ins Wasser – mit und ohne Nudel

Und denen bringt Wallraff nun das Schwimmen bei. Mit Hilfe der Wasserfreunde, die ihm dafür dienstags, während ihrer Trainings, eine Stunde lang eine Bahn im Hallenbad zur Verfügung stellen. Und mit Hilfe des Lions-Clubs Eschweiler-Stolberg, der die jungen Leute mit allem Nötigen ausstattete: 4000 Euro stellte der Club zur Verfügung, um interessierten Jugendlichen aus dem Haus St. Josef – und das Angebot richtet sich nicht nur an junge Flüchtlinge – Sportrucksäcke mit Badehosen, Chlorbrille, Badelatschen etc. zur Verfügung zu stellen.

Die Idee zu dieser Kooperation, die sie auch schon mit dem Aachener Kinderheim Maria im Tann und dem SV Neptun erfolgreich in die Tat umgesetzt hat, hatte Lions-Mitglied Rica Reinisch. Die Wahl-Kinzweilerin, die als Moderatorin, Marketingberaterin und Mental-Coach tätig ist, wurde schon 1989 in die Ruhmeshalle des internationalen Schwimmsports in Fort Lauderdale, Florida, aufgenommen.

Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gewann sie drei Goldmedaillen. Sie siegte jeweils in Weltrekordzeit über 100 Meter und 200 Meter Rücken sowie mit der 4×100-m-Lagenstaffel.

Jetzt war Rica Reinisch ebenso wie Christoph Herzog, der derzeitige Präsident des Lions-Clubs Eschweiler Stolberg, Hans-Gerd Vogelsberg und dessen gewähltem Nachfolger Dr. Frank Schlegel sowie mit Lions-Mitglied Christiane Karl mit von der Partie, als Jürgen Wallraff mit der ersten Gruppe junger Flüchtlinge erstmals ins Jahnhallen-Becken stieg. Mit Schwimmgürtel und Pool-Nudel. Oder auch, wenn der Mut groß genug war, ohne. Und einige wagen sogar den Sprung vom Startblock ins einige Meter tiefe Nass.

Jürgen Wallraff begnügt sich nicht mit Anweisungen vom Beckenrand aus. „Die Jungs sprechen zwar schon ganz gut deutsch, aber Sprachbarrieren gibt‘s dennoch. Und ehe ich da etwas groß und breit erkläre, gehe ich lieber gleich mit ins Wasser und zeige ihnen, was ich meine.“

Auch Mädchen willkommen

Insgesamt 15 Jungs sind es, die Jürgen Wallraff im Brustschwimmen unterrichtet. Mädchen sind nicht in der Gruppe. „Mädchen sind grundsätzlich willkommen“, erläutert Wallraff, „aber derzeit gibt es bei uns nur eines, das infrage käme.“ Vivian (Name geändert) ist 15, kommt aus Nigeria und hat ausgerechnet dienstags immer Tanzunterricht, auf den sie nicht verzichten möchte. Ein Problem, das Wallraff unbürokratisch löst: „Vivian steht kurz vor ihrer ,Seepferdchen‘-Prüfung. Also gebe ich ihr bis dahin freitags Einzelstunden.“

Dass fast nur Jungen – die meisten von ihnen aus Afghanistan – in der Obhut des Hauses St. Josef sind, hat seinen Grund. „Die Eltern schicken ihre Söhne fort, um sie in Sicherheit zu bringen – ehe sie von den Taliban als Kämpfer einkassiert werden.“

Wallraff hat von seinen Schützlingen Dinge gehört, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Geschichten von Tod, Hunger und Verzweiflung. „Wenn die Kinder anfangen, zu erzählen, bekommt man einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Da wird auch der Begriff ,Wirtschaftsflüchtling‘ ad absurdum geführt.“

Die Jugendlichen, die nun in der Jahnhalle eifrig an ihrer Wandlung von der kraulenden bleiernen Ente zum versierten Brustschwimmer arbeiten, sind seit höchstens einem halben Jahr in Deutschland. „Wenn die zu uns kommen ins Haus St. Josef kommen und noch keinen Schulplatz haben, bekommen die sofort vormittags Deutschunterricht“, erklärt Jürgen Wallraff die passablen Deutschkenntnisse der Jungs.

„Wir wollen die Jugendlichen so schnell wie möglich alltagsfit bekommen,“ Das heißt; Sie sollen die nötigen Sprachkenntnisse haben, um beispielsweise einkaufen oder zum Arzt gehen zu können. 15 bis 18 Jahr alt sind die jungen Männer. Wie lange sie hier bleiben dürfen, ist unklar. Afghanistan, in dessen Hauptstadt Kabul vor wenigen Tagen erst eine Bombe etliche Zivilisten tötete, gilt als „sicheres Herkunftsland.“ Jugendliche werden zwar in der Regel nicht zurückgeschickt – aber was passiert, wenn sie volljährig werden, ist offen.

Der Lions-Club jedenfalls ist gerne bereit, auch weiteren jungen Leuten aus dem Haus St. Josef das Schwimmenlernen zu ermöglichen. „Wenn die 4000 Euro aufgebraucht sind und das Projekt gut angelaufen ist“, sagt Hans-Gerd Vogelsberg, „denke ich, dass wir das fortsetzen werden.“

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