Schwimmen lernen? Erst einmal warten!

Von: Rudolf Müller
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Wenn an die 30 Kinder im Hallenbad planschen, haben Lehrer am Beckenrand mit deren Beaufsichtigung alle Hände voll zu tun. Effektiver Schwimmunterricht erscheint da kaum möglich. Foto: Roland Weihrauch/dpa
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Arbeiten gemeinsam an einem neuen Konzept, Kindern das Schwimmen beizubringen: Petra Seeger und Christoph Herzog. Foto: Rudolf Müller
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Arbeiten gemeinsam an einem neuen Konzept, Kindern das Schwimmen beizubringen: Petra Seeger und Christoph Herzog.

Eschweiler. Sind wir auf dem Weg, ein Land von Nichtschwimmern zu werden? „Ich glaube schon“, sagt Dr. Christoph Herzog. Herzog weiß, wovon er redet. Er ist Vorsitzender des Stadtsportverbands Eschweiler. Und der Wasserfreunde „Delphin“.

Und kennt auch die jüngste Erhebung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), nach der die Mehrheit der zehnjährigen Kinder in Deutschland nicht sicher schwimmen kann. Einer der Gründe laut DLRG: der Rückgang des Schwimmunterrichts an Grundschulen. Eine Entwicklung mit Folgen: 2016 ertranken in Deutschland mindestens 537 Menschen – 49 mehr als im Jahr davor.

Herzog sieht den Grund auch in der mangelnden Initiative vieler Eltern: „Ich glaube, dass nur ein Bruchteil der Eltern Initiativen zeigen, ihren Kindern das Schwimmen beizubringen.“ Ein Defizit, das die Schulen kaum ausgleichen können. Zwar ist das Schwimmen laut Lehrplan Bestandteil des Sportunterrichts an Grundschulen, doch der umfasst in der Regel drei Stunden pro Woche, wovon eine dem Schwimmen vorbehalten ist. Eine Unterrichtsstunde: Das heißt 45 Minuten inklusive Anmarsch oder Anfahrt, Umkleiden, Duschen, wieder Anziehen, Rückweg – da bleiben oft gerade mal gut 15 Minuten Zeit im Wasser, wo bis zu 30 Kinder unter Aufsicht von zwei Lehrern schwimmen lernen sollen.

Ein Ding der Unmöglichkeit. „Da sind Lehrer manchmal einfach überfordert“, sagt Petra Seeger, Leiterin des städtischen Amtes für Schulen, Sport und Kultur. „Dass die Lehrer am Beckenrand bleiben müssen und nicht mit ins Wasser dürfen, macht das Unterrichten sicher nicht einfacher.“ Es gab Zeiten, da war zumindest das überaus enge Zeitfenster etwas großzügiger bemessen: als es neben dem Hallenbad noch das Hallenbad in Weisweiler und das Lehrschwimmbecken in Dürwiß gab.

Ideen gefragt

22 Stunden pro Woche – davon sechs während des öffentlichen Badebetriebs – steht das Jahnbad den Schulen zur Verfügung. Wer wann wie lange dort durchs Wasser pflügt, das machen die Schulen unter sich aus. Und nahezu alle sind mit den gebotenen Zeiten zufrieden, wie eine gerade abgeschlossene Umfrage Petra Seegers an den Grund- und Förderschulen in Eschweiler zeigt. Neun der 13 befragten Schulen sehen das Angebot als ausreichend an, neun sehen sich auch personell, sprich: mit qualifizierten Sportlehrern, gut ausgestattet. Die Grundschule Dürwiß und die Willi-Fährmann-Schule hätten gerne mehr Bad-Zeiten.

Die bekommen sie auch, verspricht Seeger. Vier dagegen, darunter zwei Förderschulen, beklagen, nicht genug qualifizierte Lehrer zu haben. Und neun Schulen wünschen sich zusätzliche Übungsleiter. Denn die dürften mit ins Wasser und könnten so den Kindern, deren Beaufsichtigung allein die regulären Lehrer schon voll beansprucht, so effektiver das Schwimmen beibringen. In der Tat wird im Rathaus nun überlegt, zusätzliche Übungsleiter einzustellen. Zum Beispiel im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Das könnte auch eine Schule wie Röhe in die Lage versetzen, ihren Schülern Überlebenswichtigeres als Barrenturnen zu vermitteln. Röhe verfügt derzeit über vier Lehrer. Wenn zwei davon zum Schwimmunterricht unterwegs sind, bricht der übrige Unterricht zusammen.

Nicht erst die DLRG-Erhebung hat dafür gesorgt, dass man im Rathaus dem Thema Schwimmen ein größeres Augenmerk widmet. „Wir mussten feststellen, dass die Zahl der Kinder, die an unseren Stadtschwimmsportfesten teilnimmt, seit Jahren drastisch zurückgeht“, sagt Petra Seeger. Waren dies 2011 noch 381 Kinder, so zählten die Veranstalter im vergangenen Jahr nur noch 268 Teilnehmer.

Seeger hat nun eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die aus den Sportlehrern der Grund- und Förderschulen, Mitarbeitern des Badebetriebs und Vertretern des Regiosportbundes und des Stadtsportverbandes besteht und die Konzeption „Schwimmen“ grundsätzlich neu erarbeiten soll. Da sind Ideen gefragt. Zum Beispiel die, beim Schulschwimmen die Hallenbadbahnen quer statt längs abzuteilen. Dann können hier mehr Kindergruppen gleichzeitig unterrichtet werden. Überlegt wird auch, zusätzliche Schwimmkurse im Rahmen der Offenen Ganztagsbetreuung anzubieten. Eine weitere Idee: Kinder aus sozial schwachen Familien mit Zehnerkarten zu versorgen – zum Nulltarif.

Dass der Schwimmunterricht an den Schulen mehr ist als eine lästige Pflichtübung, zeigt auch die Tatsache, dass neuerdings auf den Abgangszeugnissen der 4. Klassen vermerkt werden muss, ob und welche Schwimmsportabzeichen der Schüler erworben hat. Und da zählt das „Seepferdchen“ wenig: „Das Seepferdchen sagt nicht aus, dass jemand sicher schwimmen kann, es ist nur ein ,Motivationsabzeichen‘ für Kinder“, betont Wasserfreunde-Chef Christoph Herzog. Schwimmausbildung ist einer der Schwerpunkte in seinem rund 500 Mitglieder starken Verein.

Und die beginnt bei Kindern ab fünf Jahren oft schon mit der Gewöhnung ans Wasser. „Es gibt Kinder, die haben schon panische Angst davor, ihr Gesicht in den Duschstrahl zu halten.“ Von der Wassergewöhnung zur Wasserbewältigung: „Unsere Ausbildung legt die Grundlagen dafür, dass jemand sich über Wasser hält, dass Kinder nicht in Panik erstarren, wenn sie mal ins Wasser fallen. Von sicherem Schwimmen aber ist das noch weit entfernt.“

Bis zwölf Monate Wartezeit

Die Kurse der Wasserfreunde „Delphin“ sind heiß begehrt. „Wir haben Wartelisten, die in Spitzenzeiten an die 100 Kinder umfassen“, sagt Herzog. Und das gilt nicht nur für die Anfängerkurse, sondern auch für die anschließend möglichen Fortbildungen zu „sicheren“ Schwimmern. Anfänger müssen mit sechs bis zwölf Monaten Wartezeit rechnen. „Es gibt andere Städte, da wartet man zwei Jahre“, tröstet sich Herzog. Der Verein verfügt über 15 ausgebildete Übungsleiter. Stets zwei von ihnen betreuen einen Kurs. Und dürfen dabei auch ins Wasser gehen und ihren Schülern unmittelbare Hilfestellung geben. Zusätzliche Kurse anzubieten, um die Wartelisten zu verkürzen, sieht Christoph Herzog als problematisch an: Nicht zuletzt des Ganztagsunterrichts wegen sei es kaum möglich, Kinder nach 16 Uhr noch in die Halle zu lotsen. Eine Halle, die dann am Abend den Erwachsenen gehöre.

Eltern gefordert

Neben den genannten Anfängerkursen bieten die Wasserfreunde auch das vom Land finanziell unterstützte Programm „Quietschfidel – ab jetzt für immer Schwimmer“ an. Dabei werden Schüler der Klassen 3 bis 6 über insgesamt zehn Stunden in effektiven Kleingruppen ausgebildet. Für nur zehn Euro – inklusive Halleneintritt. „Wir waren jahrelang der einzige Verein in der Region, der das anbot. Inzwischen macht das auch ein Club in Aachen“, sagt Herzog. Die Kurse gibt es immer in den Oster- und Herbstferien.

Möglich ist so etwas nicht zuletzt durch die, wie Herzog betont, sehr gute Zusammenarbeit mit der Stadt. Die Hallenmiete in Eschweiler sei im Vergleich zu dem, was zum Beispiel Aachen den Vereinen abfordert, äußerst günstig, und auch über mangelnde Zeiten könne man nicht klagen. „Es gibt Vereine in anderen Kommunen der Städteregion, die mit Schwimmzeiten deutlich schlechter versorgt sind. Die Stadt ist sehr bemüht, gute Rahmenbedingungen zu schaffen.“

Allerdings: Schulen und Verein allein können kaum dafür sorgen, dass sich Kinder (und damit auch deren Eltern) beim Baden im Blausteinsee oder in irgendeinem Urlaubsgewässer sicher fühlen. Da müssen die Eltern schon mitarbeiten. „Immer weniger Familien gehen mit ihren Kindern schwimmen“, hat Petra Seeger beobachtet, und Christoph Herzog weiß nicht nur aus eigenem Erleben im Schwimmverein, „dass die Affinität zur Bewegung und damit auch die Bewegungsfähigkeit bei Kindern immer mehr abnimmt. Die Kinder sitzen lieber vor der Playstation als sich sportlich zu betätigen.“ Aber: „Die Schwimmausbildung der Kinder steht und fällt mit den Eltern“, unterstreicht Petra Seeger. „Die Eltern müssen sich mit engagieren und ihre Kinder ans Schwimmen heranführen – und das so früh wie möglich. Schulen allein können das nicht leisten.“

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