Eschweiler - Schwanger mit Zwillingen, aber ohne ein Zuhause

Schwanger mit Zwillingen, aber ohne ein Zuhause

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:

Eschweiler. Die vergangenen Monate beschreibt Sabrina Weichelt als Tortur. Dabei hätte sie doch eigentlich allen Grund zur Freude. Obwohl ihr die Ärzte versicherten, dass die 35-Jährige aufgrund einer Muskelerkrankung nie schwanger werden könnte, wird sie in wenigen Wochen Mutter von Zwillingen. Freude sucht man im Gesicht der Indestädterin derzeit jedoch vergebens.

Vielmehr sind ihre Augen rot unterlaufen und geschwollen. Die werdende Mutter wirkt ausgelaugt, kraftlos und auch während sie spricht, kullern ihr immer wieder Tränen über die Wangen. Der Grund: Sabrina Weichelt findet bereits seit einigen Monaten keine Wohnung. Weder in Eschweiler, noch in Stolberg.

Kleiner Raum

Aus der Not heraus wurde sie vom Jobcenter in verschiedenen Hotels untergebracht. Derzeit bewohnt die 35-Jährige ein kleines Zimmer eines Hotels an der Dürener Straße. Sollte sich die Situation nicht ändern, wird sie ihre Zwillinge dort aufziehen müssen.

Was ist passiert? Vor rund drei Monaten musste Sabrina Weichelt ihre Wohnung in Stolberg nach 13 Jahren verlassen. Schwarzer Schimmel hatte sich dort gebildet, für sie und ihre ungeborenen Babys wurde die Situation zunehmend gefährlich.

Eine neue Wohnung war für die gelernte Arzthelferin, die durch eine Muskelerkrankung ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen kann, zunächst allerdings nicht in Sicht und so kam Weichelt für einige Wochen bei ihrer Mutter Margot Bierbaum in Weisweiler unter.

Dort konnte sie allerdings nicht bleiben. Margot Bierbaum selbst hat eine Muskelerkrankung, die sie an den Rollstuhl fesselt und der Stiefvater leidet an Krebs. Genug Platz besteht auch nicht. Ein eigenes Zimmer hätte Weichelt in dem zu Hause ihrer Eltern nicht. Um sie vor der Obdachlosigkeit zu bewahren, brachte sie das Jobcenter in einem Eschweiler Hotel unter.

Dort fühlte sich Weichelt allerdings nicht wohl: „Es gab nur eine Gemeinschaftstoilette und eine Gemeinschaftsdusche“, sagt die 35-Jährige. Auch die Sauberkeit des Zimmers habe zu wünschen übrig gelassen. Verschmutztes Bettzeug sei genauso an der Tagesordnung gewesen, wie ein defekter Wasserhahn.

Nach rund einem Monat konnte Weichelt das Hotel wechseln. Dort fühle sie sich zwar wohl, jedoch gebe es weder eine Waschmaschine noch einen Trockner. Zwar habe sie von ihrer Mutter eine mobile Herdplatte bekommen, könne auf dieser jedoch nicht in ihrem Zimmer kochen, da zu viel Qualm entstehe. Auch Platz für zwei Babybetten und eine Wickelkommode gebe es nicht. „Wie soll ich unter diesen Umständen zwei Kinder großziehen?“, fragt die 35-Jährige verzweifelt.

Besonders dankbar ist die 35-Jährige der Hausherrin des Hotels. Sie habe der Indestädterin nicht nur einen Zwillingskinderwagen besorgt, sondern auch entsprechende Windeln für Frühgeborene und Kinderkleidung. „Ich hatte Tränen in den Augen“, sagt Margot Bierbaum. Ihre größte Angst: „Dass mir die Kinder vom Jugendamt weggenommen werden, sobald sie auf der Welt sind.“

Jürgen Termath, Leiter des Jugendamtes der Stadt Eschweiler, kann ihr diese Angst allerdings nehmen. Grundsätzlich nehme das Jugendamt keine Kinder gegen den Willen der Eltern weg, wenn es dafür nicht triftige Gründe in den Lebensumständen oder dem Verhalten der Eltern gebe, die ein sofortiges Eingreifen zum Schutz der Kinder erforderlich machen.

„Die Tatsache, mit den neugeborenen Zwillingen aufgrund fehlenden Wohnraumes zunächst in einem Hotel leben zu müssen, stellt allein keinen Grund für ein rigides Eingreifen des Jugendamtes dar“, macht Termath deutlich. Sein Vorschlag: Ein Beratungsgespräch mit Mitarbeitern des Sozialen Dienstes könne weiterhelfen.

Ob Sabrina Weichelt auf diese Weise jedoch auch eine Wohnung finden kann, bleibt offen. Auf wie viele Anzeigen sie sich in den vergangenen Monaten bereits gemeldet hat, können sie und ihre Mutter Margot Bierbaum nicht genau sagen.

„Wir wälzen Zeitungen, das Internet, das Branchenbuch – aber entweder wollen die Leute keine Hartz IV-Empfänger oder die Wohnung geht an Mitbewerber. Meine Tochter ist ja nicht die einzige, die eine Wohnung braucht“, sagt Bierbaum.

Die Bemühungen von Sabrina Weichelt bestätigt auch das Jobcenter. Bereits mehrfach habe die 35-Jährige Wohnungen vorgelegt, diese jedoch nie bekommen. „Wir sind machtlos. Wir können nicht für alle unsere Kunden Wohnungen suchen“, sagt Horst Méndez von der Pressestelle des Jobcenters der Städteregion Aachen.

Babys kommen früher

Seit seit einigen Tagen befindet sich die gelernte Arzthelferin im Stolberger Krankenhaus. Ihre Babys werden in den kommenden Wochen zur Welt kommen, einige Monate zu früh. Währenddessen will sich ihre Mutter um eine neue Bleibe für ihre Tochter bemühen. Der Wunsch der 35-Jährigen: ein neues Zuhause in der Nähe ihrer Mutter zu finden, damit sie sich nicht nur um ihre Babys, sondern auch um ihre kranke Familie kümmern kann.

Am Montagmorgen erreichte die Redaktion ein erneuter Anruf von Margot Bierbaum. Spätestens in der kommenden Woche werde Sabrina Weichelt ihre Zwillinge per Kaiserschnitt auf die Welt bringen. Es sei eine Wohnung in Aussicht, die bereits vom Jobcenter genehmigt wurde. Nun liege es einzig am Vermieter. Schließlich könne er aus mehreren Bewerbern auswählen.

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