Schulsozialarbeit: Beraten statt Bewerten

Von: Christina Handschuhmacher
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Mobbing, Schulden, Fehlstunden: Die Schulsozialpädagoginnen Gabi Kämpfe (l.) und Monika Stephan bieten Hilfe. Foto: Handschuhmacher
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Mobbing auf dem Schulhof: Nur eines der Themen, mit denen sich die zwei Schulsozialarbeiterinnen am Berufskolleg auseinandersetzen müssen. Der Bedarf nach Rat und Unterstützung ist jedenfalls groß. Von den 2800 Schülern suchten im vergangenen Schuljahr 600 Rat bei den Schulsozialarbeiterinnen. Foto: Techniker Krankenkasse

Eschweiler. Das Büro von Monika Stephan ist hell und freundlich eingerichtet. Ein großer rechteckiger Tisch mit roter Decke steht mitten im Raum, eine Wand ist voll mit Fotos von Schülern. Auf den Bildern lachen die Jugendlichen offen in die Kamera, auf einigen ist Stephan selbst mit den Schülern des Berufskollegs zu sehen.

Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass im Büro von Stephan meist eine Menge ungelöster Probleme in der Luft hängen.

Denn wer an die Tür von Monika Stephan oder ihrer Kollegin Gabi Kämpfe klopft, der braucht Hilfe. Mobbing, Streit in der Familie, psychische Erkrankungen, Schulden – die Liste von Problemen, mit denen Schüler des Berufskollegs zu den Schulsozialpädagoginnen Monika Stephan und Gabi Kämpfe kommen, ist lang.

Und auch die Anzahl der betreuten Schüler ist in den letzten Jahren rasant angestiegen: „Als ich vor 15 Jahren an die Schule kam, habe ich eine Berufsfachschulklasse betreut“, erzählt Monika Stephan. „Mittlerweile betreue ich fünf Berufsgrundschulklassen.“ Rund 120 Schüler sitzen in den fünf Berufsgrundschulklassen, in denen die Jugendlichen innerhalb eines Jahres den Hauptschulabschluss nach Klasse zehn oder den Realschulabschluss machen können. Stephan betont: „Diese 120 Schüler betreue ich fest, aber natürlich bin ich auch Ansprechpartnerin für alle anderen.“

Bei Stephans Kollegin Gabi Kämpfe sieht die Situation ähnlich aus: Die 56-Jährige, die vor 18 Jahren als erste Schulsozialarbeiterin überhaupt am Berufskolleg eingestellt wurde, ist derzeit für drei Berufsgrundschuljahre und die jungen Menschen im Berufsorientierungsjahr zuständig. Von den 2800 Schülern des Berufskollegs haben knapp 600 im vergangenen Schuljahr die Unterstützung der Schulsozialpädagoginnen in Anspruch genommen. Ein Arbeitspensum, das die Frauen lange Zeit mit Teilzeitstellen bewältigten.

„Es war irgendwann klar, dass da was passieren muss und wir mehr Stunden brauchen“, erzählt Kämpfe. Auf Initiative der Koordinatorin für den Benachteiligtenbereich der Schule wurde deshalb eine nicht besetzte Lehrerstelle umgewandelt.

Seit Februar 2012 haben Kämpfe und Stephan nun Vollzeitstellen am Berufskolleg in Eschweiler. Kämpfes Stelle wird vom freien Träger „Sprungbrett“, einer Initiative der Städteregion, finanziert. Für die Vollzeitstelle von Monika Stephan gab das Berufskolleg eine ungenutzte Lehrerstelle her. Von den in Kürze auslaufenden Mitteln aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, mit denen 1400 Schulsozialarbeiterstellen in NRW finanziert werden, hängen die Stellen von Kämpfe und Stephan also nicht ab.

Doch warum werden Schulsozialarbeiter so dringend gebraucht? Für Gabi Kämpfe ist die Sache recht einfach: „Ein Jugendlicher, der das Gefühl hat, dass ihm alles über den Kopf wächst, ist nicht lernfähig. Da müssen wir als Schulsozialarbeiter ran“, sagt sie. Das Credo dabei heißt: beraten statt bewerten. Das unterscheide die Schulsozialarbeiter von den Lehrern. „Die Lehrer sind auch pädagogisch ausgebildet und nicht nur zur Wissensvermittlung da, aber die Fachleute für die Probleme sind wir.“

Wenn sich etwa bei Schülern die Fehlstunden häufen und die Lehrer keinen Zugang mehr zu ihnen finden, sind die Schulsozialpädagoginnen gefragt. „Fehlstunden sind immer nur ein Symptom“, weiß Gabi Kämpfe. „Meist steckt etwas anderes dahinter: Das kann die Scheidung der Eltern sein oder auch Drogenprobleme, Über- oder Unterforderung oder Mobbing.“

Gemeinsam mit den Schülern suchen die Schulsozialarbeiterinnen dann nach einem Ausweg aus der Krise, entwickeln auch berufliche Perspektiven mit. Stephan und Kämpfe sprechen von „einer Arbeit auf Augenhöhe“ und „intensiver Beziehungsarbeit“ – auch das können Lehrer schon allein zeitlich nicht leisten. Etwa ein Drittel der 600 Schüler betreuen die beiden Frauen „entwicklungsbegleitend“, das heißt es findet mindestens ein Gespräch pro Woche statt.

Wichtig ist: Das, was in den nebeneinander liegenden Büros im ersten Stock des Berufskollegs besprochen wird, verlässt die Räume nicht. Die Pädagoginnen unterliegen der Schweigepflicht. Auch während der Unterrichtszeit dürfen die Schüler Termine bei ihnen machen – jedoch wird darauf geachtet, dass die Schüler nicht Termine bei den Schulsozialpädagoginnen machen, weil sie keine Lust auf Unterricht haben. „Besteht der Verdacht, vereinbaren wir den nächsten Termin nach der Unterrichtszeit. Wenn jemand dann nicht kommt, war es wohl auch nicht wichtig genug.“

An der Schule sind Stephan und Kämpfe aber mittlerweile nicht nur Ansprechpartner für die Schüler, sondern genauso für die Lehrer. Stephan beschreibt das veränderte Rollenbild so: „Früher hatten wir als Schulsozialarbeiter eine Exotenrolle inne, heute sind die meisten Lehrer dankbar, dass sie sich an uns wenden können.“

Und bei allen Problemen, mit denen sie sich täglich befassen, was sind Erfolgserlebnisse für die Sozialpädagoginnen? Beide überlegen kurz, dann sagt Kämpfe: „Für mich ist es ein Erfolg, wenn die Schüler ein Jahr lang bei der Sache bleiben und eine Perspektive für ihre Zukunft entwickeln.“ Und Monika Stephan? Sie freut sich, wenn sie Besuch von ehemaligen Schülern bekommt: „Es ist schön zu sehen, dass die dann ihren Weg gefunden haben.“

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