Schützenbruderschaften haben mit vielen Problemen zu kämpfen

Von: Sonja Essers
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Auf den Bildern sieht man Bezirksbundesmeister Dieter Woche als Jungschützenmeister (unten rechts) und als Schützenkönig 1988 (oben rechts).
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Schützenkönig war Dieter Woche (2.v.l.r.) drei Mal. So auch 1984. Foto: Sonja Essers (2)/privat

Eschweiler. Wenn jemand den Inbegriff des Schützenwesens in der Indestadt verkörpert, dann er: Dieter Woche ist nicht nur seit 2004 Bezirks-Bundesschützenmeister im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) und kümmert sich um die Belange der 14 Eschweiler Schützenbruderschaften und –Gesellschaften.

Er ist seit 2009 auch stellvertretender Diözesanbundesmeister. Zudem war Woche drei Mal Schützenkönig, einmal Kaiser und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Darunter befindet sich auch der Jugendverdienstorden in Silber, den er vor zwei Jahren erhielt. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt der Rentner, mit welchen Problemen die Schützenbruderschaften heute zu kämpfen haben und äußert seine Sorge über die Verbindung zwischen Kirche und Schützenwesen.

Herr Woche, Sie sind Schütze mit Leib und Seele. Hand aufs Herz: Wie viele Stunden in der Woche arbeiten Sie ausschließlich für das Schützenwesen?

Woche: Das müssten so zwischen acht und zehn Stunden sein. In dieser Woche war es noch etwas mehr Arbeit, weil am vergangenen Wochenende das Schießen der Bezirksmajestäten war und am Sonntag der „Tag der Schützen“ stattfindet.

Wie sehen Ihre Aufgaben als Bezirksbundesmeister aus?

Woche: Die sind breit gefächert. Ich habe nicht nur eine Fürsorge- und Aufsichtspflicht für die Eschweiler Bruderschaften, sondern bin auch noch überregional tätig. Ich vertrete den Bund von oben nach unten und vertrete die Bruderschaften von unten nach oben. Da können Sie sich vorstellen, dass ich das eine oder andere Mal zwischen den Stühlen sitze (lacht). Eine der Aufgaben des Bezirksverbandes ist es einen Übergang zu schaffen zwischen alt und neu.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Woche: Mittlerweile ist es so, dass das Schützenwesen nur noch in den Schützenheimen durchgeführt wird. Viele Bruderschaften setzen mit und mit auf moderne Veranstaltungen. Das ist auch gut. Man darf einen alten Zopf ruhig abschneiden, aber man sollte schon eine Strähne davon übrig lassen. Wir müssen den Übergang in eine neue Zukunft schaffen. Wenn uns das gelingt, ist es gut, wenn nicht, dann werden wir untergehen.

Wie hat sich das Schützenwesen denn in den vergangenen Jahren verändert?

Woche: Früher war es so: Wenn auf dem Dorf ein Schützenfest war, dann hatten grundsätzlich alle montags, dienstags und mittwochs frei. Das ist heute schon gar nicht mehr möglich. Dazu kommt auch, dass unser Vorzeige-Image mittlerweile einfach weg ist. Das sieht man schon allein daran, dass es Bruderschaften gibt, die nicht mal mehr einen König finden. Es gibt kaum noch Leute, die sich in der Öffentlichkeit dazu bekennen möchten, Schützen zu sein und ihre Bruderschaft als König vertreten wollen.

Bevor wir auf die Probleme der Bruderschaften eingehen: Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie in die Schützen eingetreten sind?

Woche: Das kam über einen Arbeitskollegen, der mich mitgenommen hat. Eigentlich ist das aus einer Bierlaune heraus entstanden. Die Bierlaune hat sich verflüchtigt, aber der Posten ist geblieben (lacht). Ich wurde 1974 Mitglied der St.-Georgius-Schützenbruderschaft Eschweiler-St. Jöris.

Und nur drei Jahre später haben Sie dort bereits Ihren ersten Posten im Vorstand übernommen...

Woche: Genau. Zwischen 1977 und 2000 war ich Jungschützenmeister und von 1980 bis 1985 zusätzlich noch Schießmeister.

Wie ließen sich diese zwei Ämter miteinander vereinbaren?

Woche: Als ich angefangen habe, ging das noch. Da brauchte man für diese Ämter nur eine geringe Qualifikation. Heute ist das ganz anders.

Inwiefern?

Woche: Allein um Jungschützenmeister zu werden, muss man vier Lehrgänge besuchen, die jeweils ein Wochenende dauern. Außerdem muss man ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen und die JuLeiCa (Jugendleiter-Card) besitzen, zu der auch noch Lehrgänge gehören. Die Auflagen werden immer größer und damit kriegt man heute nicht mehr viele Leute.

Gibt es noch weitere Gründe für den Nachwuchsmangel in den Bruderschaften?

Woche: Als ich angefangen habe, hatte man die Pfarre und wenn man Glück hatte, dann gab es noch einen Sportverein. Dann kamen aber schon die Schützen. Wir müssen schon sehr viel anbieten, damit wir Nachwuchs bekommen. Nur mit einer Uniform kann man heute niemanden mehr locken. Und den Bekanntheitsgrad, den unsere Karnevalsvereine haben, den können wir leider nicht erreichen. Man sieht das alleine schon auf den Pfarr- oder Schützenfesten. Das waren Traditionsfeste und da wo der Präses war, war auch immer etwas los. Für dieses Miteinander hat heute doch kaum noch jemand Zeit. Durch diese Schnelllebigkeit hat man kaum noch Zeit, um Freundschaften oder Gemeinsamkeiten zu finden, und oft nimmt man sich die Zeit dafür auch gar nicht mehr.

Wie hat sich die Beziehung zwischen den Bruderschaften und der Kirche entwickelt?

Woche: Die Schützen sind im Mittelalter mit dem Ziel gegründet worden, die Kirche und ihre Heimat zu schützen. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass sich viele Bruderschaften immer mehr vom kirchlichen Leben zurückziehen werden.

Warum?

Woche: Schauen wir uns doch nur mal die Lage in Eschweiler-Ost an. Keiner weiß, wie es dort weitergehen wird. Wie soll die Bruderschaft dort in Zukunft existieren? Wir werden zwar in viele Aufgaben mit einbezogen, die wir ehrenamtlich übernehmen, wie zum Beispiel Wortgottesdienste leiten, aber es gibt auch immer weniger Pfarrer. Was machen wir denn, wenn wir keinen Präses haben? Früher durften nur katholische Männer Mitglieder in den Bruderschaften sein. Wenn wir uns daran gehalten hätten, dann gäbe es uns schon lange nicht mehr. Mit der Zeit haben sich viele Bruderschaften geöffnet. Die letzte vor drei Jahren. Seitdem dürfen Frauen in allen Eschweiler Bruderschaften Mitglieder werden. Es ist wichtig, dass die Satzungen aufgeweicht worden sind, damit dies möglich wurde.

Warum sind Frauen für die Bruderschaften so wichtig?

Woche: Im Fahnenschwenken und im Schießsport waren Frauen immer aktiv, und ohne sie würde es einige Gruppen heute vielleicht gar nicht mehr geben. Viele Mitglieder sind ja schon von Kindheit an dabei. Meine Tochter ist zum Beispiel auch durch uns in die Schützenfamilie reingewachsen. Sie hat im Schießen mehrere Diözesanmeisterschaften gewonnen und war mehrfach Bundessiegerin. Sie ist auch heute noch aktiv, aber meine Frau und ich haben für den Schießsport leider keine Zeit mehr.

Thema Schießsport. Am vergangenen Sonntag fand zum ersten Mal der Tag der neuen Freundschaft statt. An dem haben die Bruderschaften auf den Schießsport und das Fahnenschwenken aufmerksam gemacht.

Woche: Richtig. Von diesen beiden Dingen leben die meisten Bruderschaften mittlerweile. Wer schießen will, der muss sich auch mit der Sachkunde und Waffenkunde auseinandersetzen. Dazu gehören außerdem Konzentrations- und Kraftübungen. Das ist gar nicht so einfach, wie man denkt.

Trotzdem wird dieser Sport auch immer wieder kritisiert.

Woche: Das stimmt. Natürlich kann man damit auch Menschen verletzen. Aber man geht ja nicht einfach zu einem Schießstand und ballert drauflos. Erst nach vielen Übungen dürfen die Mitglieder mit dem Schießen beginnen.

Wie sieht es mit der Ausrüstung aus? Wird die von der Bruderschaft gestellt?

Woche: Wer in den Sport reinschnuppern möchte, braucht nicht direkt eine Ausrüstung. Die ist nämlich ganz schön teuer. Die Bruderschaft stellt die Munition und die Gewehre. Erst wenn man Spaß am Hobby entwickelt, fängt man an und legt sich selbst Sachen zu. Das ist aber ja bei jedem Hobby so.

Wann darf mit dem Schießen begonnen werden?

Woche: Ab dem zwölften Lebensjahr. Da dürfen die Jugendlichen aufgelegt schießen. Ab 15 Jahren gibt es das Freihandschießen. Das ist gar nicht so einfach. Da halten auch nur die Harten durch (lacht).

Warum?

Woche: Wenn man 50 Minuten lang ein fünfeinhalb Kilo schweres Gewehr halten muss, dann ist das schon ganz schön anstrengend. Das muss man erst einmal trainieren.

Und wie sieht es mit dem Fahnenschwenken aus?

Woche: Das ist auch schwerer, als man denkt. Das erfordert nämlich viel Koordination. Aber der Bezirksverband Eschweiler war schon immer einer der führenden im rheinischen Fahnenschwenken. Egal, ob im Synchron- oder im Schauschwenken: Wir haben immer zwei oder drei Bundesmeister gestellt. Aber leider fehlt für diesen Sport die Lobby.

Am Sonntag steht für die Eschweiler Bruderschaften ein ganz besonderer Tag an: der Tag der Schützen.

Woche: Genau.

Welches Ziel verbirgt sich dahinter?

Woche: Der Tag der Schützen dient der Kommunikation und dem Miteinander der Bruderschaften. Das wiederum ist sehr wichtig, denn wenn man keine Mitglieder mehr hat, dann hat man auch irgendwann keine Bruderschaften mehr.

Worin besteht das Programm für den Tag der Schützen?

Woche: Wir beginnen mit der Messe in St. Peter und Paul, in der die neuen Bezirksmajestäten gesegnet werden, und ziehen von dort aus nach St. Michael. Dort finden dann einige Ehrungen statt und wir lassen den Tag gemeinsam ausklingen.

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