Schüler schauen Räten über die Schulter

Von: Naima Wolfsperger
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Nicole Hillemacher-Esser (l.) und Florian Weyand (r.) von der mobilen Jugendarbeit besprechen mit Eleonora Schick (2.v.l.) und Diana Skljarov (2.v.r.), wie die kommenden Wochen ablaufen. Foto: Naima Wolfsperger

Eschweiler. Die Arbeit des Stadtrats hautnah erleben – und das in der wahrscheinlich wichtigsten Zeit des Jahres, der Haushaltsplanung. Diese Chance haben jetzt zehn Jugendliche aus der Gesamtschule Waldschule und der Realschule Patternhof. Drei Wochen lang werden sie an den Ratssitzungen teilnehmen und dabei von einzelnen Politikern als Mentoren begleitet.

Mit dem Projekt „KidS“ wollen Nicole Hillemacher-Esser von der Mobilen Jugendarbeit Eschweiler und Florian Weyand politisch interessierten Jugendlichen die Möglichkeit geben zu verstehen, was im Eschweiler Rathaus passiert. „Ich weiß schon, dass es zwischendurch ganz schön trocken werden kann“, sagt Adrian Eisermann aufgeklärt, „es geht ja auch um Politik.“

Was ihn aber genau erwartet, das weiß der 19-Jährige Gesamtschüler noch nicht. Und damit ist er nicht allein. Geradezu unverzichtbar ist ein Stadtrat, um die Anliegen der Bürger in einer Stadt wie Eschweiler anzugehen und Probleme vor Ort zu besprechen, bestmöglich zu lösen. Aber was der Stadtrat genau macht, das ist vielen ein Rätsel.

Weil gerade in dieser Zeit die Parteien ihre Haushaltspläne erstellen, müssen die Schüler eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben. Nach der Hälfte der Zeit werden die Jugendlichen auch Mentor und Partei wechseln, umso wichtiger ist, dass sie nicht Inhalte der Pläne einer Fraktion an eine andere weitergeben. „Den Wechsel haben wir eingeplant, damit jeder Einblick in die Arbeit der Regierungspartei, aber eben auch der Opposition erhält“, erklärt Hillemacher-Esser den Mentoren­tausch. Wichtig sei es aber, dass die jungen Menschen verantwortlich mit dem Wissen umgehen, die sie von den Politikern an die Hand bekommen.

Bei der nicht-öffentlichen Ratssitzungen müssen auch die potenziellen Nachwuchspolitiker draußen bleiben. „Nicht, weil hinter verschlossenen Türen heimlich unbeliebte Beschlüsse gefasst werden“, erklärt die stellvertretende Bürgermeisterin Helen Weidenhaupt, „die Sitzungen sind der Öffentlichkeit verwehrt, weil hier Datenschutzrechte eingehalten werden müssen – die Privatsphäre von Personen muss gewahrt werden.“ Nichtsdestotrotz würden die Jugendlichen einen tiefen Einblick in die Arbeit der Kommunalpolitik erhalten.

„Es geht uns auch darum, den Jugendlichen einen möglichst realistischen Eindruck kommunaler Politik zu vermitteln“, sagt Hillemacher-Esser, „man darf nicht vergessen, dass das im lokalen anders aussieht als auf der Bühne der Weltpolitik. Die Stadträte machen nicht den ganzen Tag nur Politik, ihr Engagement ist ehrenamtlich. Neben der Arbeit für die Stadt gehen sie also in der Regel noch einem normalen Beruf nach.“ Auch das soll den Schülern bewusst werden.

Für die Zeit im Rathaus opfern die Jugendlichen ihre Freizeit. Schulstunden werden dafür keine entfallen. Aber sie können sich ihr Engagement schließlich anstelle einer Klausur anrechnen lassen. In der Realschule müssen die Schüler ein Referat halten. An der Gesamtschule ein Projekt gestalten. Manuel Latz (18) und Adrian Eisermann stört der Freizeitverlust nicht. Sie wollen vor allem mit Vorurteilen aufräumen. Man kenne vor allem die Berliner Politik, aus den Nachrichten und aus Talk-Shows.

„Von der Kommunalpolitik bekommen wir hauptsächlich was mit, wenn sie schief läuft und es Beschwerden der Bürger gibt“, sagt Eisermann, „ich will hinter die Kulissen blicken, um mal zu sehen, was die eigentliche Arbeit ist und welchen Hürden die Politiker so gegenüberstehen.“ Sie wollen sich von der Stammtisch-Polemik abheben und begründete Argumente für und wider der kommunalen Entwicklungen erlangen. „Und wer weiß“, sagt Latz, „vielleicht können wir ja auch Anregungen geben und die Aufmerksamkeit auf neue Themen lenken, die im Rat noch nicht bedacht wurden.“

Auch Eleonora Schick (15) und Diana Skljarov (16) von der Realschule wissen noch nicht so genau, was sie bei ihrem Ausflug in die Eschweiler Haushaltspolitik erwartet. „Ich interessiere mich eigentlich mehr für Internationale und für Außenpolitik“, sagt Eleonora. Aber sie sei überzeugt davon, dass die Zeit im Eschweiler Rathaus ihr dabei helfen wird, sich politisch zu orientieren und einiges besser zu verstehen. Auch ihre Mitschülerin Diana freut sich auf die Erfahrungen, die sie bei dem „KidS“-Projekt sammeln kann, „und wir erhalten ein Zertifikat.“

Eschweiler profitiert von seinem Status als Modellkommune. „2013 haben wir uns bei der Städteregion Aachen beworben“, sagt Hillemacher-Esser. Seitdem konnten sie und Weyand das Projekt „Das Geht“, im Mai 2014, und die Arbeitsgruppe Jugendpartizipation anbieten, in deren Rahmen auch „Food and Talk“, Essen und Reden, angeboten wurde. Dabei können engagierte Jugendliche mit Politikern zusammenkommen und über aktuelle Ereignisse diskutieren. Die Jugendlichen sollen über das Programm für politische und gesellschaftliche Beteligung begeistert werden und gleichzeitig erhalten sie die Chance, von den Politikern gehört zu werden.

Wie bei „KidS“ an der Politik direkt vor Ort teilzunehmen, ist eine Idee, die sich Hillemacher-Esser und Weyands aus Osnabrück „abgeguckt“ haben. „Dort begleiten bereits seit 2001 Schüler aus Abschlussklassen zweimal im Jahr kommunale Politiker“, sagt Weyand. Er ist von dem Konzept überzeugt und hofft, dass es bei Schülern wie Räten gut ankommt. „Die Beteiligung ist ja freiwillig.“ Das seien gute Voraussetzungen. „Ich denke, dass auch die Schüler gut durchhalten, selbst wenn es zwischendurch vielleicht etwas trocken wird.“

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