Eschweiler - „Schmerz gehört zum Menschen“: Als Schmerzexpertin für Senioren aktiv

„Schmerz gehört zum Menschen“: Als Schmerzexpertin für Senioren aktiv

Von: Marie-Anne Schlolaut
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Margareta Breuer (links) hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich: Schmerzexpertin Stefanie Joder nimmt sich Zeit, die Leiden der Bewohner zu lindern. Nicht immer helfen Schmerzmedikamente alleine. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Margareta Breuer, seit wenigen Tagen 86 Jahre alt, geistig fit und ein fast faltenfreies Gesicht, könnte noch unbeschwert in ihren eigenen vier Wänden leben, wäre sie nicht in ihrer Wohnung über einen Stapel Altpapier gestolpert.

Der Leidensweg von Margareta Breuer und vielen anderen betagten und kranken Menschen muss nicht ins Seniorenheim führen, wenn man gezielte Therapien und Schmerzlinderung so frühzeitig und wirkungsvoll einsetzt, dass die Alten in ihren eigenen vier Wänden bleiben können oder aber im betreuten Wohnen ihr Zuhause finden. Margareta Breuer hat sich aus freien Stücken für das Seniorenheim entschieden.

Nachdem die Seniorin zu Hause der Länge nach hingefallen war, kam die niederschmetternde Diagnose: Oberschenkelhals- und Hüftbruch. „Ich bin noch auf die Knie gekommen, da hat es aber dann richtig gekracht“, sagt Margareta Breuer. Heute sitzt sie im Rollstuhl und wohnt seit einem Jahr im Seniorenheim in Eschweiler. Ihr Bruch wurde genagelt. Nach wie vor aber quält sie die Osteoporose, die brüchigen Knochen. Schmerzen im Rücken, den Lendenwirbeln und in den Beinen waren tägliche Begleiter.

Zwei Infarkte und ein Herzstillstand im Krankenhaus kamen noch dazu. Alles zusammen machte ein eigenständiges Leben unmöglich, den Verbleib in der Tagespflege auch. Margareta Breuer wurde im Seniorenheim ein Fall für Stefanie Joder, eine von zwei pflegerischen Schmerzexperten. „Ich nehme jetzt nur noch dreimal am Tag ein Schmerzmittel. Damit komme ich aus. Mir geht es gut, und ich kann zum Essen sogar runter in die Cafeteria“, sagt die Seniorin gut gelaunt.

Stefanie Joder, 49 Jahre alt, handfest, gelernte Krankenschwester, Pflegefachkraft und jetzt auch Schmerzexpertin, hat ein profundes Wissen und reichlich Berufserfahrung. Pflegekräfte wie sie sind es, die zukünftig dazu beitragen sollen, dass Menschen wie Margareta Breuer eine langfristige stationäre Versorgung erspart bleibt, wenn sie dies wünschen. „Schmerz gehört zum Menschen“, sagt Joder, „und Experten mit Pflegehintergrund, die die Patienten im Zweifel auch in ihrem Zuhause versorgen können, sind längst überfällig. Viel zu lange hat man Schmerzen einfach vernachlässigt.“

Die „Karriere“ eines betroffenen Menschen verläuft in der Regel so, dass der Arzt Medikamente verordnet, die Schmerzen aber dennoch bleiben. Weitere Termine in meist überlaufenen Praxen von Hausärzten, Orthopäden oder anderen Fachmedizinern münden meist darin, dass die Dosis erhöht und die Medikamenten-Auswahl vergrößert wird.

Stefanie Joder weiß, dass es „schlichtweg aus Zeitmangel oft unmöglich ist, nach den wahren Ursachen zu forschen“. Hinzu kommen bei Medizinern die oft beklagten Budget-Grenzen am Quartalsende und die berechtigte Sorge, dass stärkere und eventuell wirksamere Medikamente ohne Einnahmekontrolle ungern verabreicht werden. Das gesundheitliche Risiko für den Patienten wäre zu hoch und die damit verbundenen rechtlichen Folgen für den Arzt ebenso.

Zweifelhafte Selbstversorgung

Für die verzweifelten und meist betagten Schmerzpatienten bleibt oftmals nur der Klinik-Aufenthalt oder die zweifelhafte Selbstversorgung mit frei verkäuflichen Arzneien. Geriater und Klinikärzte geriatrischer Abteilungen wie der Leiter des Marienhospitals in Köln, Prof. Dr. Ralf-Joachim Schulz, wissen um diese Patienten, die vollgepumpt mit Pillen eingeliefert werden und nach wie vor unter quälenden Schmerzen leiden, meist gepaart damit, dass der abnorme Arzneimittelkonsum die geistigen Fähigkeiten trüben und die körperlichen Fähigkeiten einschränken kann. Denn wem jede Bewegung wehtut, der bewegt sich nun mal nicht.

Menschen wie Stefanie Joder haben solchen „Patientenkarrieren“ den Kampf angesagt. „Man muss schon ein bisschen experimentieren und viel Zeit aufwenden, bis alles passt“, sagt sie. Das Ziel ist, immer in Absprache mit dem Arzt, den „Schmerz aushaltbar bis stabil einzustellen“. Den Arztkontakt braucht Stefanie Joder, denn sie schlägt die medikamentöse Verordnung nur vor, Medikament und Dosierung bestimmt der Arzt – immer.

„Aber ich kann mit ihm auf Augenhöhe kommunizieren, die Symptome genau schildern.“ Mit Anweisungen wie „geben Sie Morphium bei Bedarf“ konnte sie schon vor der Ausbildung nichts anfangen. Jetzt weiß sie, wann welche Dosierung unumgänglich ist.

Oft nicht die richtigen Worte

Meist wird bei der Zusammensetzung der Arzneien „das psychosoziale Umfeld der Menschen nicht genügend beachtet“, weiß Joder. „An Mimik, Gestik, Körperhaltung und Lautäußerungen kann ich meist die Art des Schmerzes und die Intensität erkennen“, weil alte Menschen oftmals nicht die richtigen Worte finden, um ihre Pein zu schildern. So ist Joder auch bei einer 92-Jährigen vorgegangen, die anonym bleiben will. Auch sie war zu Hause gestürzt: Unterarmbruch und damit das Ende eines selbstbestimmten Lebens, weil sie sich eine Haushaltshilfe nicht leisten konnte.

Als sie aus der Klinik ins betreute Wohnen des Seniorenheims wechselte, tat ihr nicht nur der Bruch weh, sondern die gesamte Wirbelsäule samt Halswirbeln. Die Ärzte hatten die Patienten mit Physiotherapie, Medikamenten bis hin zu Morphium und einen sogenannten „Galgen“ am Bett versorgt, also einer Aufstehhilfe, an der man sich aus dem Liegen hochziehen kann. Bilanz all dieser Maßnahmen: ernüchternd erfolglos.

Stefanie Joder: „Erst mal habe ich den Physiotherapeuten gewechselt, einen neuen Orthopäden hinzugezogen und die Medikamentenzufuhr geändert und gedrosselt.“ Das hatte zur Folge, dass der „Galgen“ am Bett abmontiert wurde, weil die alte Dame durchs Hochziehen die Halswirbel noch mehr strapazierte. Stefanie Joder zeigte ihr, wie sie auch ohne technische Hilfe rückenschonend aus dem Bett kommt.

Das Morphium braucht die 92-Jährige nicht mehr, der neue Physiotherapeut war genau der richtige, und mittlerweile kommt die Seniorin mit einer Schmerztablette abends und morgens aus. Stefanie Joder: „Wir werden die Arznei abends wohl auch noch absetzen können.“ Der Frau geht es so gut, dass sie wieder nach Hause könnte. Geht aber nicht, denn ihre Wohnung ist mittlerweile aufgelöst, und eine Hilfe kann sie sich immer noch nicht leisten.

Viele alte Menschen würden aufgrund ihres Krankheitsbildes viel zu viele Tabletten bekommen, sagt Joder. Fast die Regel seien magenschonende Pillen, damit die Arzneien besser vertragen werden. Doch diese Medikamente heben die Wirkung starker Schmerzmittel teilweise auf. Wenn aber der Schmerz anhält, werden mehr Medikamente und eine höhere Dosierung verordnet, und der Teufelskreis beginnt.

Vom Wissen der beiden Schmerzexpertinnen profitieren auch die anderen Pflegekräfte im Haus, so der Pflegedirektor der stationären Sektion, Peter Gaida: „Heute muss keiner mehr Schmerzen ertragen. Man muss den Menschen ganzheitlich betrachten, damit man den Schmerz lindern kann.“ Stefanie Joder „hätte noch gerne den vermehrten Einsatz von komplementärer Therapie wie Akupunktur, Kinästhetik, Heiß- oder Kaltanwendungen, Homöopathie, Reizstrom oder Nahrungsergänzungsmittel in der Schmerztherapie“ und natürlich, dass das von den Kassen bezahlt werden könnte.

Zukunftsmusik

Aber das scheint Zukunftsmusik zu sein, wie bei anderen wünschenswerten Maßnahmen auch. „Wir können zwar Vitamin D3 für die Osteoporose verordnen lassen, aber das Blutbild, mit dem der Vitamin-D3-Mangel festgestellt wird, zahlt die Kasse nicht.“ Die Kosten fürs Blutbild betragen 120 Euro.

Dabei würden die Kassen durch den Einsatz der Schmerzexperten und den daraus resultierenden lindernden Ergebnissen die Kosten für Medikamente deutlich reduzieren können, davon sind Stefanie Joder und Peter Gaida überzeugt. Wenn dann noch die Angehörigen mitziehen würden, wäre es fast optimal. „Statt das dritte Nachthemd in Altrosa mitzubringen oder eine Creme, die eh keiner benutzt, wäre es viel sinnvoller, mal sechs Behandlungen für den Physiotherapeuten als Geschenk zu übernehmen“, so Stefanie Joder, die beim Gedanken an Altrosa nur noch die Augen verdreht.

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