Eschweiler - „Schlemmerstübchen“-Betreiber geht in den Ruhestand

„Schlemmerstübchen“-Betreiber geht in den Ruhestand

Von: Paul Santosi
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Auch am heimischen Herd schwingt er gerne den Kochlöffel: Johann Joussen, jahrzehntelang eine Institution auf dem Imbisssektor in Eschweiler.

Eschweiler. Johann Joussen ist ein echter Eschweiler Junge. Wenn er auf dem Marktplatz steht, begrüßen ihn so viele Bekannte, dass Außenstehende ihn schon mal für den Bürgermeister halten. Mit seinen Eis- und Imbisswagen gehörten er und seine mittlerweile verstorbene Frau zu den Pionieren der Food-Truck-Kultur – schon seit den 60er Jahren.

Sein Dürwisser „Schlemmerstübchen“ war jahrzehntelang Stadtteil-Treffpunkt, eine lokale Sattmach-Institution und gerne gesehene Anlaufstelle, oft für Gäste aus aller Welt.

Herr Joussen, ein britisches Sprichwort sagt: Es gibt nichts Attraktiveres, als einen Mann mit Schürze in der Küche. Bereiten Sie gerne Speisen zu?

Joussen: Na klar. Ich bin zwar kein gelernter Koch, sondern nur Autodidakt. Auf meiner ersten Etage stehen aber mindestens vier Regalmeter Kochbücher. Ursprünglich habe ich ja Stahlbauschlosser gelernt. Als ich meine Frau kennengelernt hatte, bin ich zunächst mit der Eisherstellung in Berührung gekommen. Später habe ich mich entschlossen, das Schlosserdasein an den Nagel zu hängen und mich selbstständig zu machen.

Heutzutage findet man auf jedem Straßen- und Parkfest „Food Trucks“. Dabei verzückten Sie schon früh zahlreiche Eschweiler als einer der ersten, die mit einem Imbisswagen durch die Stadt kreuzten. Erinnern Sie sich noch gern an diese Zeit ?

Joussen: Wir haben angefangen mit einem zitronengelben Opel Kadett für 7200 Mark. Im Sommer haben wir damit Geld verdient, aber im Winterhalbjahr war es schon mal knapp. Was heute kaum noch einer weiß: Damals gab es sogar eine gesetzliche Zeitgrenze. Nach dem 15. Oktober durfte mobil gar kein Eis mehr verkauft werden. Mit meinem Schwiegervater entstand die Idee des Imbisswagens. Das war ein Hanomag Hentschel, bei dem man Glück hatte, wenn man einen Gang reinbekam. Ende der 60er gab es in diesem Bereich ja nur den Endrigkeit mit einem umgebauten Campingwagen. Unser erster eigener Imbisswagen war ein eigens in Paris umgebauter und von mir modifizierter Peugeot J7. Kühlschrank, Gefrierschrank, alles auf Gas. Schnell haben wir Eis und Pommes dann nur noch mit diesem einen Fahrzeug an die Kunden gebracht.

Was war das Schöne daran, mit einem Imbisswagen durch die Stadt zu fahren ?

Joussen: Die Menschen. Ich bin immer sehr gut mit den Leuten klargekommen, mit denen ich mich verbunden fühlte. Unvergessen bleibt mir die Erinnerung an eine italienische Frau mit zwei Kindern, die damals kein Wort Deutsch sprach. Ich spreche kein Italienisch, habe aber immer im richtigen Moment „Ja“ oder „Nein“ gesagt. Das hat auch so wunderbar gepasst. Und viele spontane Einladungen zu privaten Feiern hab ich auch noch bekommen. Es war eine angenehme Zeit.

Legendäre Imbissbuden gab es in Eschweiler ja vor allem mit „Schnoits“ am Markt, Endrigkeit in der Schnellengasse, den beiden gegenüberliegenden Buden von Mencke und Henkelmann am Knickertsberg oder Henry Weiß an der Dürener Straße. Wie sahen Ihre ersten kulinarischen Erlebnisse in der Jugend aus?

Joussen: Pommes mit Currywurst natürlich. Den legendären „Manta-Teller“ gab es damals noch nicht, weil der Opel Manta ja erst später erfunden wurde. Was wir auf keinen Fall vergessen dürfen, ist aber der „Thüringer Wald“ an der Neustraße. Ein Laden, der zu jeder Tages- und Nachtzeit voll war. Über die beiden betreibenden Schwestern ging damals das Gerücht um, sie könnten die Pommes mit bloßen Händen aus dem Fett holen. Ja, an die frische Bratwurst mit Pommes bei Henkelmann erinnere ich mich auch sehr gerne.

Viele Dürwisser kennen Sie als Betreiber des legendären „Schlemmerstübchens“. Wie kommt man dazu, eine Speisegaststätte zu eröffnen ?

Joussen: Der Imbisswagen hat zehn Jahre gehalten, und die harten Winter waren auch nicht gerade gut fürs Geschäft. In unserem damaligen Alter haben wir uns gut überlegt, ob wir weiter auf der Straße unser Geld verdienen sollten. In der ursprünglichen Eisdiele der Familie Soccol sind wir dann fündig geworden. Nach drei Monaten eigener Umbauarbeit haben wir ganz klein angefangen, mit einer kleinen Haushaltsküche, einem Gefrier- und einem Kühlschrank. Viele haben prophezeit: Na, mit dem Geschäft gehst Du ja da elendig vor die Hunde. Die ersten drei Jahre mit den Ur-Dürwissern waren hart, danach ging es bergauf. Wir standen warm, hatten einen festen Betrieb und waren glücklich.

Pommes mit Majo, ein Brathähnchen, eine Currywurst – das alles gehörte mal vor allem für Schüler, Studenten und einfache arbeitende Menschen zu einer Art Standardernährung. Wie erklären Sie sich die Begeisterung für diese Speisen ?

Joussen: Tja, die Begeisterung für Pommes ist eine endlose Geschichte. Ich hab es ausprobiert und mal ganz naiv als Beilage Salzkartoffeln oder Kartoffelpüree angeboten. Die Leute wollten einfach ihre Pommes. Genau betrachtet ist das ein Essen, das man schnell serviert bekommt. Das war im Prinzip die Geburtsstunde des „Fast Food“ für gestresste Menschen, die glauben, sie besäßen keine Zeit mehr zum Kochen.

Das Bild hat sich etwas gewandelt. Imbissbuden werden heute bei uns zum großen Teil von Menschen aus aller Herren Länder betrieben, die auch die Besonderheiten fremder Küchen zu uns bringen. Wie finden Sie das ?

Joussen: Finde ich nicht schlecht. Was mich aber aufregt, ist die angepasste Einförmigkeit auf den Menus, statt authentischer Speisen, die man von daheim her kennt. Ob Gyros oder Döner, das meiste ist leider stark eingedeutscht. Es gab mal eine Phase, da schossen die Imbissläden aus dem Boden, weil jeder dachte, man könne damit schnell reich werden. Meinem Nachfolger in Dürwiß habe ich empfohlen, doch mindestens einmal in der Woche neben der Hauptkarte etwas Authentisches anzubieten. Das macht er nun auch und das ist prima. Generell gab und gibt es aber zu viele Nachahmer. Jeder versuchte, möglichst alles zu machen. Auch ich hab‘ Lehrgeld gezahlt: Mit einem sehr leckeren italienischen Eisgeschäft in der Nachbarschaft bietet man selbst am besten kein Eis zusätzlich an, sondern lieber Speisen wie etwa Salate. Konzentration aufs Kerngeschäft würde man das heute wahrscheinlich nennen.

Hatten Sie in all den Jahren mal ein besonderes Erlebnis in Ihrem Laden, das bis heute unvergessen geblieben ist ?

Joussen: Da weiß ich gar nicht, wo ich beginnen soll. Das australische Ehepaar vielleicht, das als typisch deutsches Souvenir einen Regenschirm mitbrachte. Oder der waschechte Indianer aus Wisconsin, der immer ein Jägerschnitzel aß und mich zu sich in die USA eingeladen hat. Auch die zeitweise in den 80ern in Dürwiß lebenden japanischen Werksangehörigen von Mitsubishi sorgten immer mal für interessante kulturelle Begegnungen. Der ehemalige Kunde, der nach Süddeutschland zog und bei einem späteren Besuch gleich eine ganze Kiste Bratrolle Spezial mitnehmen wollte. Obwohl ich Freundlichkeit für wichtig halte, habe ich einem nörgelnden Gast, der meiner Angestellten auf die Nerven ging, mal die Currywurst vom Teller genommen, hineingebissen und ihm unmissverständlich auf Platt gesagt: „Komm Jung, mach Dich doheem leever e Schnittche.“

Was hat Sie in Ihrer Zeit hinter der Theke am meisten geärgert?

Joussen: Anfangs gar nichts, aber wenn Du älter wirst, denkst Du manchmal darüber nach, warum Du nicht selbst an einem schönen Sonntag mal draußen sitzen kannst. Wir hatten nun mal sieben Tage die Woche Betrieb. Und die plötzlich aufkommende Bürokratie im Lebensmittelwesen, angefangen von Stundenzetteln und der Ausweisung der Allergene auf dem Menü bis zur berüchtigten Hygiene-Ampel fand ich nicht so toll. Bürokratie nervt.

Wenn man den ganzen Tag professionell Menschen satt macht, was bevorzugt man dann selbst nach Feierabend?

Joussen: Ich bin ganz ehrlich: Wenn man im Betrieb ist, dann nimmt man auch schon mal was aus der eigenen Küche. Damals sehr zum Leidwesen meiner Frau. Wenn Sie mich fragte, warum ich etwa eine kalte Bockwurst esse, sagte ich ihr, dass die Dinger auch warm gemacht sowieso wieder kalt werden, wenn plötzlich Kunden reinkommen. Ich koche auch heute noch gerne selbst in meiner Küche daheim und mag viele Speisen. Gutbürgerliches wie Grünkohl oder Bratkartoffeln – das liebe ich. Bis auf dicke Bohnen. Da kannste mich mit jagen.

Fast Food ist in unseren Tagen ein durchstrukturiertes und globales Massengeschäft. Wie denken Sie über die hochtechnisierte Welt von McDonalds, Burger King und Co ?

Joussen: Stark schematisiert, das alles. Und die Frage, ob gesund oder nicht, muss auch erlaubt sein. Selbstkochen ist heute die Ausnahme, denn auch im Supermarkt steht doch alles schon mitnahmefertig bereit. Aber wehe, Du liest das Kleingedruckte auf den Packungen. Der Gipfel war eine Kundin, die mich ernsthaft fragte, ob das Kartoffelpüree auf dem Teller selbstgemacht sei. „Klar“, sagte ich und musste mir dann aber anhören: „Das isst meine Tochter nicht. Die isst nur das Püree aus den Tütchen.“ Dann fällt Dir nichts mehr ein. Ich glaube, viele schmecken wegen der ganzen Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker überhaupt nichts mehr. Hauptsache satt – und gut ist.

Halten Sie es heutzutage noch für eine gute Idee, eine Imbiss-Gaststätte zu eröffnen ?

Joussen: Meine Frau und ich haben unseren Beruf gerne ausgeübt. Einem Berufsanfänger würde ich heute aber klar sagen: Lass lieber die Finger davon. Die unzähligen Vorschriften, der Wettbewerb, der immense Kostenapparat, Energiekosten, die Einrichtungsgegenstände. Das muss man erstmal erwirtschaften.

Sie haben sich vor kurzem entschlossen, in den Ruhestand zu gehen. So ganz ruhig sieht es in Ihrem Leben aber nicht aus – oder?

Joussen: In den 60er Jahren habe ich bei der lokalen Beatband „The Strangers“ die Rhythmusgitarre gespielt. Wir waren damals zwar schlecht ausgerüstet, aber hochmotiviert. So entstanden die ersten Beatbälle im Jugendheim von St.-Peter-und-Paul, für 50 Pfennig Eintritt und rappelvoll. Das war die bewegte Rock‘n‘Roll-Phase in meinem Leben. Im Moment vertreibe ich mir die Zeit im und am Haus und bin sehr gerne bei der Narrengarde im Karneval aktiv. Hier vor allem im Wagenbau. Dieses Jahr bin ich mit dem Prinzen unterwegs und kümmere mich mit Vereinskollegin Claudia um die Betreuung der Pagen. Darauf freue ich mich schon sehr.

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