Sarkastisch und saftig: „Lööstije Leedchere“ im überfüllten Talbahnhof

Von: ran
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Herz, Tiefgang und, bei aller Kritik, unbändige Lebensfreude: Gerd Köster, Frank Hocker und der „fantastische Friese“ Helmut Krumminga rissen das Publikum im vollbesetzten Talbahnhof mit ihrem Programm „Kumm jangk“ mit. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Die entscheidende Frage stellte Gerd Köster, bevor der erste Ton erklang: „Seit 20 Jahren gibt es den Laden schon! Und warum waren wir noch nicht hier?“ Doch lieber spät als nie, dachten sich wohl die zahlreichen Zuhörer und Fans.

Am Freitagabend erlebten sie ein außergewöhnliches Konzert im in sowohl sitz- als auch stehplatztechnischer Hinsicht fast schon überfüllten Kulturzentrum Talbahnhof. Denn es ist schon etwas Besonderes, wenn Gerd Köster, begleitet von den beiden Gitarrenvirtuosen Frank Hocker und Helmut Krumminga, seine unverkennbar „dreckige“ Stimme erhebt, um Lebensfreude mit Melancholie, Optimismus mit beißender Gesellschaftskritik, „lööstige Leedchere“ mit nachdenklich stimmenden Geschichten sowie Folk und Blues mit fetzigem Rockn´Roll zu mischen.

Und alles natürlich ausschließlich „op kölsch“, der Sprache, die Gerd Köster aus dem Herzen fließt und mit deren Hilfe er seine Gedanken auf den Punkt bringen kann. So etwa mit dem „Kölsche King“, den man halt nur einmal von der Leine lassen muss und mit dem das kongeniale Trio sein Programm „Kumm Jangk“ in Eschweiler startete.

Dass der typisch kölsche Optimismus ja auch „eine Form von Informationsmangel“ sein kann, wird in den großartigen Texten mehr als einmal deutlich. Unter anderem, wenn Gerd Köster berichtet, sein Arzt habe ihm versichert, er würde durchhalten, bis der FC Meister ist.

Doch während des, eine ausgiebige Pause eingerechnet, rund zweidreiviertelstündigen Konzerts kamen die kritischen Töne keinesfalls zu kurz: Im Song „Jrön“ erhalten die „neuen“ Grünen mit Textzeilen wie „Die Autonome han de Hoor hück schön“ und „överall lauwärme Tön“ eine volle Breitseite. In „Leise rieselt et Häzz“ (in et Portomonnaie) prangern Köster, Hocker und Krumminga den leider immer noch oder schon wieder alltäglichen Rassismus an.

0„Neuer Hass, alte Ideen, die nicht das Herz, sondern die Galle wuchern lassen!“ Darüber hinaus kennzeichne die „schöne neue Welt“ eine fantastische Vielfalt an neuen Berufsbildern: „Der Missbrauchsbeauftragte sowie der, und das ist kein Witz, Scheinfreier vom Ordnungsamt in bayrischen Städten haben Zukunft!“, ätzte Gerd Köster.

Dagegen sterbe der Berufsstand des Wirtes langsam aber sicher aus. Ein Umstand, den das Trio im gefühlvollen Lied „Ming vier Wäng“ thematisiert. „Unsere Texte sind sarkastisch, lecker, saftig, aber nicht zynisch. Zynisch ist es, wenn ein alkoholfreies Bier Jever Fun´ genannt wird“, stellte Gerd Köster unmissverständlich klar, um weitere Unterscheidungsmerkmale zu anderen Bands zu nennen.

„Das perfekte kölsche Lied ist ja eigentlich ein Lied, das man sofort mitsingen kann, ohne es einmal vollständig gehört zu haben. Doch so etwas künne m´r niet.“ Und: „Wir sind das einzige Trio in Köln, und wahrscheinlich weltweit, das von Kopf bis Fuß untätowiert ist. Das haben wir uns aber nicht ausgesucht. Wir sind so geboren!“ Zum Glück für das Publikum, das die Reise zur „kölschen Seele“ sichtlich genoss und die Musiker immer wieder mit Szenenapplaus belohnte.

Großartig auch die Zugaben mit dem Tom Waits-Klassiker „Downtown Train“, den Gerd Köster vor vielen Jahren zum „The Piano has been drinking“-Klassiker „Rude Jolf“ übersetzte sowie dem hingebungsvollen und versöhnlichen Song „Jeile Welt“. Ein besonderer Abend, dessen zweite Auflage nicht weitere 20 Jahre auf sich warten lassen sollte!

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