Rudi Bertram im Interview: „Dürfen Menschen nicht überfordern“

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Der Blick auf das Rathaus mit City-Center und Hertie-Immobilie: Das Personal in der Verwaltung soll im nächsten Jahr aufgestockt werden. Damit soll auch der soziale Wohnungsbau vorangetrieben werden. Foto: Patrick Nowicki
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Die Flüchtlingskrise ist für ihn eine „Riesenaufgabe“: Bürgermeister Rudi Bertram. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Natürlich stellt die Flüchtlingskrise Eschweiler und die Stadtverwaltung vor großen Herausforderungen. So sollen zur Unterbringung der Menschen übergangsweise Wohncontainer an der Grachtstraße aufgestellt werden.

Im Interview zum Jahresende mit Redakteur Patrick Nowicki bleibt Bürgermeister Rudi Bertram optimistisch, dieses und andere Probleme in 2016 zu lösen.

Sie sprachen davon, dass 2015 Ihr bisher anstrengendstes Jahr war, seitdem Sie im Amt sind. Warum?

Bertram: Weil natürlich das dominierende Thema seit Mitte des Jahres die Aufnahme von Flüchtlingen ist. Nicht nur bei der Erstaufnahme, wo wir sofort und innerhalb kürzester Zeit gefragt waren, sondern auch bei der Zuweisung von Flüchtlingen. Wir reden nicht über Gebäude, über Liegenschaften oder Straßen, sondern über Menschen. Das war die Herausforderung für mich, aber auch für meine Leute, die da wirklich auf Zuruf reagiert haben, wie man sich das nur wünschen kann.

Sehen Sie da nicht irgendwo eine Belastungsgrenze erreicht?

Bertram: Absolut. Die Männer und Frauen, die Jugendlichen, die sich seit Monaten engagieren, sind jetzt an einem Punkt, wo man aufpassen muss. Es ist immer meine Mahnung gewesen, diese Menschen nicht zu überfordern. Da muss der Staat einen Grundstock legen. Und den haben wir immer mehr geschwächt, indem wir Personal und Geld gekürzt haben. Das gilt nicht nur für die Stadtverwaltung Eschweiler, sondern auch für die Polizei, die Bundeswehr, für die Hilfsdienste und für die Feuerwehr. Da bin ich absolut bei Ihnen: Wir müssen jetzt sehr genau hingucken und die Menschen nicht überfordern.

Es werden weitere Flüchtlinge kommen. Haben Sie nicht die Sorge, dass die positive Stimmung irgendwann mal kippt?

Bertram: Da hat man Sorge. Der Bürger in Eschweiler darf nicht für sich das Empfinden haben, jetzt ginge es ihm schlechter. Wenn wir das hinkriegen, dann fordert uns die Flüchtlingsarbeit im Moment zwar sehr, aber wir schaffen das. Und alles andere auch.

Also eine Reaktion war unter anderem, den sozialen Wohnungsbau wieder anzukurbeln. Wenn die nächsten Flüchtlinge kommen, dürften die Gebäude noch nicht fertig sein...

Bertram: Absolut, das ist zu spät. Wir haben zu wenig in den sozialen Wohnungsbau investiert, das müssen wir jetzt nachholen. Wir werden nicht um Zwischenlösungen herumkommen. Wir denken an hochmoderne Wohncontainer, die wir für einen gewissen Zeitraum mieten können. Damit verbunden sind natürlich auch sanitäre Anlagen. Weiterhin müssen wir natürlich versuchen, dezentral liegende, freiwerdende Wohnungen zu nutzen.

Wo sollen diese Container stehen?

Bertram: Wir denken im Moment über den Standort Grachtstraße nach, wo jetzt die Baracken stehen. Diese sollen sowieso abgerissen werden.

Wie will die finanziell klamme Stadt den Wohnungsbau stemmen?

Bertram: Im Moment nutzen wir Bundesmittel. Wir können also für wenig Geld investieren und Kredite aufnehmen. Sonst wäre das nicht zu schaffen.

Sie gehen nach wie vor davon aus, dass die Erstunterkunft Jahnstraße im Frühjahr frei wird?

Bertram: Es wäre mein Wunsch, die Turnhallen im ersten Quartal für Schulsportnutzung freigeben zu können. Aber ich muss etwas Wasser in den Wein schütten, weil wir jetzt nicht mehr das Erstaufnahmeproblem haben, sondern die Zuweisungen werden immer mehr. Und da bin ich äußerst vorsichtig. Wir müssen eine Option offen halten, die Menschen unterzubringen.

Das heißt also, in dem Fall wäre die Jahnstraße eine längerfristigere Lösung?

Bertram: Unter Umständen. Wir brauchen nach wie vor Wohnraum. Unsere Mitarbeiter halten darum die Augen offen.

Eine Meldung der vergangenen Wochen war: Das ESW-Röhrenwerk ist von der Insolvenz bedroht. Wenn Sie solche Nachrichten hören, woraus schöpfen Sie dann auch wirtschaftlich die Zuversicht für 2016?

Bertram: Wir müssen es schaffen, das Röhrenwerk in Eschweiler in Betrieb zu halten. Dort sind 300 Mitarbeiter betroffen. Woher mein Optimismus stammt: Vor anderthalb Jahren wurde innerhalb von fünf Minuten das Prysmian-Kabelwerk geschlossen. Bald dürften auf dem Gelände dort mehr Arbeitsplätze bestehen als vor der Schließung von Prysmian. Das ist Strukturwandel. Im Moment gehen wir davon aus, dass in den nächsten Monaten 130 bis 140 neue Arbeitsplätze entstehen. Der Standort Eschweiler lockt aufgrund der guten Infrastruktur immer wieder Firmen an.

Stichwort Strukturwandel: Das Aus des Tagebaus Inden rückt näher. Was kommt danach?

Bertram: Wir müssen durch unsere Rahmenbedingungen die Chance nutzen. Das Grundstück RWE zum Beispiel: Da will man einen Container-Terminal hinbringen, den ich massiv bekämpfe. Warum? Riesige Flächen und wenig Arbeitsplätze.

Weiß der Städteregionsrat davon?

Bertram: Der Städteregionsrat hat das von mir Schwarz auf Weiß bekommen. Aber ich muss nochmal sagen, wir haben auch eine riesige Chance. Warum? Weil nirgendwo in der Städteregion so viele Industrieflächen sind wie in Eschweiler. Da brauchen wir jetzt diesen Strukturwandel und die Zeit dafür.

Es wird ja immer über den regionalen Konsens gesprochen. Aber ist nicht gerade im Strukturwandel ein großer Konkurrenzkampf ausgebrochen?

Bertram: Den Konkurrenzkampf halte ich für gut. Aber was wir miteinander besser vernetzen müssen, sind die Potenziale, die unsere Region hat. Leuchttürme wie die RWTH und die FH Jülich hier im Westen haben Satelliten. Diese Firmen müssen in unseren Gewerbegebieten sein. Das haben wir in den vergangenen Jahren in Eschweiler schon geschafft. Wenn man mal durch den IGP fährt, da sind alle Grundstücke verkauft. Wir müssen also weiter Investoren suchen, Unternehmen begeistern, in Eschweiler ansässig zu werden. Und wir müssen die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter, die da beschäftigt sind, schaffen. Sie wollen einen Kindergartenplatz und Schulen für ihre Kinder.

Mit RWE verbunden ist auch der Energiewandel. Hinkt Eschweiler hinterher?

Bertram: Wir sind schon an vielen Projekten beteiligt. Es ist natürlich heute nicht sehr populär, in der Nähe von Wohngebieten Windkraftanlagen hinzustellen. Wir sind in Sachen Solar unterwegs. Eschweiler hat als eine der ersten Städte in Eschweiler-Ost Geothermie genutzt. Wir können ja als Stadt nicht wirtschaftlich tätig sein, wir können nur gewisse Rahmenbedingungen schaffen.

Die Entwicklung des Indestadions und der Gutenbergstraße standen lange auf der Agenda. Wie ist dort der Stand der Dinge?

Bertram: Wir werden bald Positives berichten können. Für das Indestadion sind wir mit Investoren und Planern im Gespräch. Und ich gehe davon aus, dass bald die neuen Planungen stehen. Wir sind im Moment auch dabei, Baulückenkataster zu entwickeln. Wir haben für den sozialen Wohnungsbau zum Beispiel in Weisweiler noch Grundstücke zu Verfügung, also wir werden nach wie vor versuchen, dezentral Wohnraum zu schaffen.

Dies alles soll mit dem vorhandenen Personal geschehen?

Bertram: Nein, wir werden weitere Leute einstellen müssen. Nicht nur für die Flüchtlingsarbeit. Wir brauchen auch Planer und Techniker. Und damit verbunden ist nicht nur der Hochbau, sondern auch der Tiefbau. Also in den Bereichen werden wir aufrüsten müssen.

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