Romanautor Tilman Röhrig entführt in ein dunkles Kapitel Europas

Von: ran
Letzte Aktualisierung:
Anspruchsvoller Lesestoff: Rom
Anspruchsvoller Lesestoff: Romanautor Tilman Röhrig trug vor Schülern der zehnten Jahrgangsstufe der Realschule Patternhof aus seinem Werk „In 300 Jahren vielleicht”, für das der Schriftsteller den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt, vor. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. „Warum gibt es Soldaten?” „Weil Krieg ist!” „Und wenn kein Krieg ist?” „Vor dem Krieg war Frieden!” „Wann wird dies wieder sein?” „In 300 Jahren vielleicht!” Mucksmäuschenstill ist es im Klassenarbeitsraum der Realschule Patternhof.

Autor Tilman Röhrig liest den Dialog zwischen der im Sterben liegenden 13-jährigen Anne und ihrem Bruder Tobias aus seinem im Jahr 1984 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Roman „In 300 Jahren vielleicht” Schülern der zehnten Jahrgangsstufe vor.

Bereits in den Wochen vor den Osterferien haben sich die Jugendlichen gemeinsam mit ihrem Lehrer Günther Busch eindringlich mit dem Buch, dessen Handlung im Jahr 1641 spielt und das den oft vergeblichen Überlebenskampf der Bewohner des Dorfes Eggebusch im 24. Jahr des Dreißigjährigen Krieges schildert, beschäftigt.

Doch mit dem Verfasser, der bereits mehrfach Gast an der Realschule Patternhof war, selbst über den Roman zu sprechen, die Gelegenheit zu haben, ihm Fragen zu stellen und von dem gelernten Schauspieler Textpassagen vorgelesen und -gelebt zu bekommen, ist natürlich noch einmal etwas ganz besonderes.

Es sind keine leicht und beschwingt zu lesenden 150 Seiten, die Tilman Röhrig seinen Lesern vor beinahe drei Jahrzehnten vorgelegt hat. Durch die realistische Schilderung entführt der Schriftsteller in eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Europas. In einen Krieg, der weite Teile des Kontinents verwüstete und zahllose Menschen das Leben kostete.

In eine Epoche, in der sich nur noch die Großmutter an den Frieden, „der einen dicken Bauch und rote Backen hat”, erinnern kann. In eine Zeit, die sich heutzutage nicht nur junge Menschen in keinster Weise mehr vorstellen können. „Und gerade deswegen halte ich die Lektüre dieses Romans nach wie vor für äußerst wichtig”, betont Günther Busch, Konrektor der Realschule Patternhof. „Vielen Schülern scheint ihr vergleichsweise schönes und sorgenfreies Leben nämlich selbstverständlich. Doch sie sollen sich darüber Gedanken machen, wie erging es Menschen früher und wie ergeht es auch heute noch viel zu vielen Menschen, die Opfer von Krieg und Gewalt werden!”

Dies unterstreicht auch der im März 1945 im Hunsrück geborene Autor, dessen Werke bisher in neun Sprachen übersetzt wurden. „Ich habe das Buch in einer Zeit verfasst, als das Thema Nachrüstung brandaktuell war. Als ich an einigen Podiumsdiskussionen teilnahm, habe ich bemerkt, dass die Mitdiskutanten über meinen möglichen Tod redeten, ohne zu wissen, was Krieg bedeutet. Dadurch entstand mein Entschluss, über die Menschen im Krieg zu schreiben”, erklärt Tilman Röhrig den Schülern seinen Beweggrund, den Roman „In 300 Jahren vielleicht” zu Papier zu bringen.

„Dabei bin ich zeitlich mit voller Absicht weit zurückgegangen. Bei der Betrachtung des 30-jährigen Krieges ist die Schuldfrage ausdiskutiert. So konnte ich mich ganz auf das konzentrieren, was Menschen im Krieg erleben und was der Krieg aus Menschen macht”, so der Autor, der, bevor er aus seinem Buch vorträgt, zahlreiche Fragen der Schüler beantwortet.

Etwa, wie er überhaupt zum Schreiben gekommen ist: „Als ich noch ein Kind war, wollte mir keiner zuhören. Deshalb habe ich das, was ich zu sagen hatte, schon mit zwölf Jahren dem Papier erzählt. Dadurch ging es mir besser”, verrät der 67-Jährige, dessen ursprüngliches Ziel es war, Schauspieler zu werden.

„Dies habe ich auch gegen den Willen meiner Eltern geschafft. Doch recht schnell habe ich dann bemerkt, dass die eigentliche Plattform meines Lebens das Schreiben ist”, so Tilman Röhrig, der rund eineinhalb Jahre an der Entstehung von „In 300 Jahren vielleicht” arbeitete. „Neun Monate Recherche, neun Monate schreiben”, denkt er zurück. „Für ein Kinderbuch benötige ich in der Regel drei Monate, das für mich schwierigste Buch war erst nach vier Jahren fertig.”

Umgang mit Kritik

Auch seine Herangehensweise an ein Buch interessiert die Schüler. „Zu Beginn der Schreibphase kenne ich den Anfang, den Schluss und die wichtigsten Stationen der Geschichte. Wobei die große Idee der einfachste Teil eines Romans ist. Viel schwieriger sind die Details”, macht Tilman Röhrig deutlich, dass zum Beruf des Schriftsteller nicht zuletzt das Durchhaltevermögen gehört. Und auch der Umgang mit Kritik: „Diese ertrage ich, sie ist mir aber keinesfalls egal und kann mich auch treffen”, gibt er unumwunden zu.

Seine Gedanken zum Werk „In 300 Jahren vielleicht”, viele Jahre nach dessen Entstehung: „Der Roman enthält einige grausame Stellen, um die Willkür und Menschenverachtung aller Kriege darzustellen, er beschreibt quasi das Ergebnis von Gewalt. Mehr als 300 Jahre später ist es daher unsere Pflicht, das Versprechen, das Tobias seiner Schwester kurz vor ihrem Tod gibt, einzulösen!”

Dankbarer Applaus der Schüler belohnt den Schriftsteller, der kurz darauf Schülern der fünften Jahrgangsstufe sein erfolgreiches und stark autobiografisch geprägtes Jugendbuch „Thoms Bericht” vorstellt, sein Erstlingswerk aus dem Jahr 1973.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert