Eschweiler - Rollerführerschein: Trotz Handicap schafft Sascha die Prüfung

Rollerführerschein: Trotz Handicap schafft Sascha die Prüfung

Von: Sonja Essers
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Hat die für ihn sehr hohe Hürde genommen: Sascha Meyer hat die Prüfung zum Rollerführerschein bestanden. Dies war gar nicht so einfach, denn er kann weder schreiben noch lesen. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Das vergangene Jahr war für Sascha Meyer voller Höhen und Tiefen. Immer wieder überkam ihn Verzweiflung und er war kurz davor, alles hinzuschmeißen, wie er selbst sagt. Der junge Mann hatte sich für den Rollerführerschein angemeldet und das, obwohl er weder lesen noch schreiben kann.

Doch das monatelange Üben trug Früchte. Heute fährt der 30-Jährige täglich mit seinem Roller zur Arbeit in die Caritas-Werkstätte in Weisweiler. Vorher habe er den Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt. „Jetzt muss ich nicht mehr treten“, sagt er.

Bereits seit sechs Jahren kooperiert die Caritas-Werkstätte mit Fahrschullehrer Harald Seeger. Fredi Gärtner, Leiter der Sozialen Dienste und der Beruflichen Bildung, weiß, wie wichtig die Mobilität gerade für Menschen mit Behinderung ist. „Wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem eigenen Fahrzeug zur Arbeit kommen können, eröffnet ihnen das natürlich ganz andere Möglichkeiten“, so Gärtner.

Im September des vergangenen Jahres entschied sich auch Sascha Meyer dazu, mit dem Führerschein zu beginnen. „Er war allerdings ein Ausnahmefall“, sagt Seeger und fügt hinzu: „Er wollte direkt den Roller-Führerschein machen. Normalerweise beginnen die Anwärter erstmal mit dem Mofa-Führerschein.“ Dies tun sie aus einem guten Grund. Schließlich muss beim Mofa-Führerschein keine praktische Prüfung abgelegt werden. „Wir üben so lange, bis sie fit sind“, erklärt Seeger.

Beim Roller-Führerschein sei das allerdings anders. Nicht nur die theoretische, sondern auch die praktische Prüfung musste Sascha Meyer erfolgreich ablegen. Der 30-Jährige startete mit der Theorie und stellte schnell fest, dass dies gar nicht so einfach war. „Es war sehr anstrengend und ich bin teilweise verzweifelt“, sagt er rückblickend. Zwischendurch hatte er sich sogar mit dem Gedanken angefreundet, aufzugeben. Doch seine Motivation kehrte zurück und er zeigte, wie viel Disziplin in ihm steckt. Jeden Tag lernte er nach der Arbeit in der Fahrschule.

Im Juni war es dann soweit: Dann stand die Theorieprüfung auf dem Programm. „Als es darauf zuging, wurde er ganz schon kribbelig“, verrät Seeger. An diesen Tag können sich Meyer und Seeger noch gut erinnern. „Ich bin vorher zum Prüfer gegangen und habe ihn darum gebeten, einen ruhigen Platz für Sascha zu finden“, sagt Seeger. Da Meyer weder lesen noch schreiben kann, legte er die so genannte Audioprüfung ab. Er trug einen Kopfhörer und die Fragen wurden ihm vom Computer vorgelesen. Die Antwort musste er anklicken. Dann stand das Ergebnis fest: „Er hat beim ersten Mal direkt bestanden. Einfach super!“ Nicht nur der Fahrlehrer, sondern natürlich auch Meyer selbst, war stolz auf seine Leistung. „Das kannst du auch sein“, lobt ihn Gärtner.

Schritt für Schritt lernen

Nachdem der erste Schritt geschafft war, ging es weiter mit dem praktischen Teil. Dort galt die Regel: Schritt für Schritt zum Ziel gelangen. In den ersten Stunden musste Meyer zunächst seine Angst vor dem Fahzeug überwinden. Das laute und ungewohnte Motorgeräusch verschreckt viele. So stand zu Beginn nicht das Fahren, sondern das Schieben des Rollers im Mittelpunkt der Stunden. Langsam tastete sich der 30-Jährige vor, setzte sich auf das Zweirad und ließ sich ohne gestarteten Motor die Jülicher Straße herunter rollen.

Seeger merkte schnell, dass seinen Schüler die neue Situation überforderte. „Nach den Stunden brauchte er Zeit, um sich zu regenerieren.“ Deshalb ließen es die beiden Männer langsam angehen und übten so lange, bis Meyer schließlich bereit war, am Straßenverkehr teilzunehmen. Dort brachten die neuen Verkehrssituationen ihn immer wieder aus dem Konzept. Doch der 30-Jährige ließ sich nicht unterkriegen. „Wir haben einfach öfter angehalten und die Situationen in Ruhe besprochen“, sagt Seeger. Danach konnte die Fahrt weitergehen.

Auch Gärtner weiß, dass Menschen mit Behinderungen sich erst einmal an neue Situationen gewöhnen müssen, sei es auf der Arbeit oder im Straßenverkehr. „Wenn eine Situation erstmal verinnerlicht ist, dann ist es meistens kein Problem mehr“, sagt Gärtner. Diese Erfahrung hat auch Seeger gemacht. „Man fährt auf eine Kreuzung dann halt nicht zwei oder drei, sondern zehn Mal.“

Auch vor der praktischen Prüfung überkam Meyer Panik. Doch Seeger hatte sich dafür einen ganz besonderen Trick einfallen lassen. Er machte mit seinem Schützling einen Termin für eine Fahrstunde aus, zu der er einen „Bekannten“ mitbrachte. Diesem erklärte Meyer zunächst das Fahrzeug und absolvierte im Anschluss daran noch einige Übungen.

Erst als die vermeitliche Stunde beendet war, rückte Seeger mit der Wahrheit raus und erklärte, dass sein „Bekannter“ in Wirklichkeit der Prüfer gewesen sei. „Als wir ihm gesagt haben, dass er die Prüfung bestanden hat, musste Sascha sich erstmal hinsetzen“, sagt Seeger und fügt hinzu: „Aber so konnten wir den Prozess der Ängste einfach umgehen.“

Ein Leben ohne Führerschein kann Sascha Meyer sich heute nicht mehr vorstellen. „Das fahren macht sehr viel Spaß“, sagt der 30-Jährige. Dass dieses Angebot von den Mitarbeitern der Caritas-Werkstätten nicht allzu oft angenommen wird, liegt vor allem am finanziellen Aspekt. Schließlich müssen die Anwärter die Kosten für ihren Führerschein selbst übernehmen und das kann je nach Dauer ganz schön teuer werden. In der Regel kostet der Roller-Führerschein etwa 650 Euro. Bei Sascha Meyer waren jedoch 900 Euro fällig, der Aufwand war schließlich deutlich höher als üblich. Die hohen Kosten schrecken manche Menschen mit Behinderung ab.

Das Schwierigste hat Sascha Meyer nun hinter sich. Er freut sich jeden Morgen darüber, dass er mit seinem Roller zur Arbeit fahren kann und hat bereits neue Ziele: „Vielleicht mache ich ja auch noch den Pkw-Führerschein, das weiß ich aber noch nicht.“

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