Reform des Bestattungsgesetzes sieht Friedhöfe für Muslime vor

Von: Christina Handschuhmacher
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Eines von drei Gräbern auf dem muslimischen Bestattungsfeld auf dem Friedhof St. Jöris: Imam Nurset Şahin, Abdellaziz El Bourakkadi Soussi, Yalcin Demirak, Vorsitzender der Eschweiler Ditib, und weitere Vertreter der Ditib beten am Grab von Abdeslam El Bourakkadi Soussi. Foto: Christina Handschuhmacher

Eschweiler. Das Grab von Abdeslam El Bourakkadi Soussi ist schlicht. Zwei weiße Holzplatten sind in die Erde eingelassen. Auf einer steht in fein geschwungener Schrift der Name sowie das Geburts- und das Sterbedatum. Davor steht eine bunt verzierte Schale gefüllt mit Wasser – eine Tradition aus der marokkanischen Kultur, wonach der Tote keinen Durst leiden soll.

Die leicht schräge Ausrichtung des Grabes in Richtung Mekka fällt auf. Mindestens alle zwei Wochen kommt Abdellaziz El Bourakkadi Soussi zum Grab seines Bruders auf dem muslimischen Abschnitt des Friedhofs in St. Jöris. „Mein Bruder war ein echter Kommunalpolitiker. Für ihn stand fest, dass er hier in Eschweiler beerdigt werden will, wenn er stirbt.“

El Bourakkadi Soussi – langjähriges Mitglied im Ausländerbeirat und anschließend im Integrationsrat der Stadt Eschweiler – war einer derjenigen, die jahrelang für ein muslimisches Bestattungsfeld in Eschweiler plädierten. Nun ist er einer von drei Menschen, die bislang auf dem Bestattungsfeld in St. Jöris ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Geht es nach dem Willen der Landesregierung, sollen muslimische Organisationen und Einrichtungen ab 2014 in NRW eigene Friedhöfe betreiben dürfen. Das sieht die von SPD und Grünen geplante Reform des Bestattungsgesetzes vor. Die Opposition im Landtag übt Kritik an dem Gesetzentwurf. Ihre Meinung: Bestattungsfelder für Menschen muslimischen Glaubens sind ausreichend. Doch wie sieht die Lage in der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Eschweiler (Ditib) aus?

Ein Schritt in die richtige Richtung

„Wir begrüßen diesen Vorstoß der NRW-Regierung“, sagt der Vorsitzende der Ditib in Eschweiler, Yalcin Demirak. Das vor zwei Jahren auf dem St. Jöriser Friedhof eingeweihte Bestattungsfeld sei bereits ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, so Demirak. Jedoch müsse man auch in Betracht ziehen, dass viele Menschen mit ausländischen Wurzeln immer noch in ihrem Heimatland begraben werden wollen. Ibrahim Küsek, stellvertretender Vorsitzender der Ditib in Eschweiler, geht davon aus, dass dies auf über 90 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime zutrifft. Der Hauptgrund dafür sei, dass die gläubigen Muslime sicherstellen wollen, dass bei ihrer Beerdigung die islamischen Riten eingehalten werden.

Die Ditib hat für die Rückführung von Verstorbenen in das Herkunftsland einen eigenen Fonds. Die Ditib-Mitglieder – der Eschweiler Verband zählt über 230 Mitglieder mit ihren Familien – zahlen dort jährlich einen bestimmten Betrag ein. „Wenn jemand aus unserer Gemeinde stirbt, rufen wir als Vorstand beim Zentrum für soziale Unterstützung an“, erklärt Demirak. „Der Verein kümmert sich dann um alles. Um die Ausstellung des Totenscheins, Plätze im Flugzeug für zwei Angehörige, den Transport des Toten zum Flughafen und in der Türkei dann um den Transport zum Ort der Waschung und der Beerdigung.“

Denn muslimische Bestattungen folgen einem genau festgelegten Prozedere, wie der Imam der Eschweiler Moschee, Nurset ahin, erklärt. Eine Beerdigung im Zeitfenster von 24 bis 48 Stunden nach dem Tod ist vorgesehen. ahin: „Die Bestattung soll sehr schnell erfolgen, weil der Tote quasi sofort zu seinem Herrn will.“ Der Imam oder enge Verwandte bereiten den Toten dafür vor. Zuerst erfolgt die traditionelle Waschung bei der der Verstorbene dreimal gewaschen wird. Anschließend wird der Körper in Leinentücher gewickelt und zum Transport in einen Sarg gelegt. Bei der Trauerfeier betet die gesamte Gemeinde für den Verstorbenen. Enge Verwandte legen den Toten dann im Leinentuch ins Grab. Der Körper liegt seitlich, der Kopf liegt in Richtung Westen, die Füße zeigen in Richtung Osten. „Wichtig ist, dass die Augen des Toten geöffnet sind, damit er in Richtung Mekka blicken kann“, sagt Nurset ahin.

Werden Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland bestattet, ist es oft schwierig, diese Riten einzuhalten. Auch Abdellaziz El Bourakkadi Soussi berichtet von Herausforderungen bei der Bestattung seines Bruders. So sei der Bruder am Mittwoch in der Karwoche verstorben und eine Beerdigung wäre – aufgrund der Feiertage und der ärztlichen Notdienste – unter Umständen erst am Dienstag nach Ostern möglich gewesen. El Bourakkadi Soussi hatte Glück. Er konnte seinen Bruder bereits am darauffolgenden Tag beerdigen.

Für die Genehmigung des Bestattungsfeldes auf dem Friedhof St. Jöris wurde vor zwei Jahren eigens die Friedhofsordnung der Stadt geändert, wie der Integrationsbeauftragte der Stadt, Jürgen Rombach, erläutert. „Eine Beerdigung im Leichentuch ist nun möglich, vorausgesetzt der Leichnam wird im Sarg bis zum Grab transportiert.“ Andere Riten hingegen seien in Eschweiler nicht umsetzbar, etwa die Ruhezeit. Während die Ruhezeit christlicher Gräber nach 30 Jahren endet, sollen muslimische Gräber möglichst dauerhaft angelegt sein.

Der Vorsitzende der Ditib, Yalcin Demirak, sieht in Sachen muslimische Bestattungen weitergehenden Bedarf. „Ein Raum für die rituellen Waschungen wäre zum Beispiel dringend nötig und den könnte man auf einem islamischen Friedhof neu bauen.“ Demirak ist überzeugt, dass die Zahl der Muslime, die sich in den kommenden Jahren in Deutschland bestatten lassen wollen, wachsen wird. Und auch für Abdellaziz El Bourakkadi Soussi steht fest: „Ich lebe seit Jahrzehnten hier, habe hier meine Frau und Kinder. Und ich möchte auch nach meinem Tod nicht nach Marokko zurück.“

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